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Versicherungsbetrug:Das Märchen vom Totalschaden

Schnell mal ein kaputtes Handy melden: Viele Deutsche betrügen ihre Versicherung - und das meist ohne schlechtes Gewissen. Die Konzerne kostet das Milliarden, aber sie kommen Betrügern immer öfter auf die Spur.

Stefan Weber

Neulich beim Besuch von Freunden: Eine kleine Unachtsamkeit, eine unbedachte Bewegung - und schon kracht der teure Flachbildschirm der Gastgeber zu Boden. Totalschaden! So klingt eine der klassischen Schadenmeldungen, die Mitarbeiter von Versicherungen täglich zu bearbeiten haben. Verbunden mit der Bitte des Versicherungsnehmers, den Freunden den Betrag für einen neuen Flachbildschirm zu überweisen.

Sachverständiger für Schäden an Mobiltelefonen

Ist das Handy wirklich heruntergefallen? Sachverständige müssen prüfen, ob Versicherungsnehmer tatsächlich Anspruch auf ein neues Gerät haben.

(Foto: dpa)

Wenn Sascha Lember von solchen Fällen hört, ist er zunächst misstrauisch. Er ist Sachverständiger für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik und wird oft von Versicherungsunternehmen beauftragt zu prüfen, ob die Schilderungen der Schadenmelder schlüssig sind. Ob sich also ein Ereignis tatsächlich so zugetragen haben könnte wie es der Kunde geschildert hat.

"Oft sind die Geräte sehr viel stärker beschädigt, als dies bei einem versehentlichen Hinfallen passieren könnte", sagt Lember. Da würden zum Beispiel völlig verbeulte Laptops vorgelegt. Oder zersplitterte Rahmen von Flachbildschirmen. Oder Handys, die so stark zertrümmert sind, dass man schwerlich glauben kann, sie seien beim Telefonieren aus der Hand geglitten. In solchen Fällen liegt der Verdacht nahe, dass der Versicherungskunde seine Gesellschaft betrügen will.

Etwa zehn Prozent der Schäden in Höhe von 42 Milliarden Euro, die die Schaden- und Unfallversicherer in jedem Jahr regulieren, sind nach Schätzungen der Branche fingiert. "Da werden Schäden frei erfunden oder höher angesetzt als sie tatsächlich waren", weiß Thomas Leicht, Vorstandschef der Gothaer Allgemeine und im Nebenberuf oberster Kämpfer gegen Kriminalität im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Am meisten betroffen von Betrügereien seien die private Haftpflicht- und die Hausratversicherung.

Das liegt zum einen daran, dass diese Policen besonders häufig verkauft werden. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele Versicherte der Meinung sind, in diesen beiden Sparten sei es verhältnismäßig leicht zu betrügen. Das hat eine Studie der GfK Finanzmarktforschung im Auftrag des GDV ergeben. Etwa 1000 Versicherte haben die Marktforscher befragt und dabei von manchem das offene Geständnis gehört, in den vergangenen fünf Jahren Versicherungsbetrug begangen zu haben.

"Versicherungsbetrug können alle begehen - auch Pfarrer und Polizisten."

Viele gaben an, im Bekanntenkreis von solchen Unregelmäßigkeiten gehört zu haben. Andere wollten sich zu diesem Punkt nicht äußern. Karsten John, der die Studie verantwortete, zieht aus den Befragungsergebnissen den Schluss, dass viele Menschen beim Thema Versicherungsbetrug kein Unrechtsbewusstsein besitzen. Stattdessen sei die Überzeugung weit verbreitet: "Eine kleine Schummelei steht mir zu. Schließlich habe ich jahrelang Prämien gezahlt und nie ist etwas passiert."

Wer sind die klassischen Versicherungsbetrüger? "Es gibt kein klares Täterprofil. Jung und alt. Mann und Frau. Ganz gleich aus welchem sozialen Umfeld", sagt Leicht. Und John weiß: "Versicherungsbetrug können alle begehen - auch Pfarrer und Polizisten."

Die Versicherer beklagen, dass die Betrüger immer ausgebuffter werden. Was ihrer Meinung nach unter anderem damit zusammenhängt, dass es im Internet zahlreiche Foren gibt, in denen sich potentielle Betrüger Tipps holen, wie sie es am besten anstellen, ihre Versicherung zu betrügen, ohne dass deren Mitarbeiter Verdacht schöpfen. Auch die moderne Technik erleichtere Manipulationen, stellen die Versicherer fest. So machten es Scanner möglich, Rechnungen und Belege täuschend echt zu fälschen.

Aber die Assekuranz rüstet auf im Kampf gegen Kriminalität. Insbesondere Schadenmeldungen bei Elektronikartikeln werden nach Auskunft von Leicht intensiv geprüft, oft unter Einschaltung von Sachverständigen. Seine Gesellschaft, die Gothaer, ziehe seit kurzem auch dann einen Sachverständigen zu Rate, wenn Versicherte angeben, ihre Kinder hätten mit dem Fahrrad den Wagen des Nachbarn zerkratzt. "Darauf hat jeder Zweite angegeben, die Sache mit dem Nachbarn lieber selber regeln zu wollen", sagt Leicht.

Vorbei auch die Zeiten, in denen viele Versicherungsgesellschaften kleinere Schäden ohne große Nachfragen regulierten. Grenzen in der Schadenhöhe, unterhalb derer keine Plausibilitätsprüfungen stattfinden, gibt es Leicht zufolge nicht mehr. Wer beim Versicherungsbetrug ertappt wird, muss damit rechnen, dass die Gesellschaft nicht nur seinen Vertrag kündigt. Möglicherweise werden ihm auch die Kosten für Gutachter in Rechnung gestellt.

© SZ vom 13.07.2011/lom/hgn
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