Verschuldet in Deutschland:Pleitestadt Pirmasens

In dem einstigen Zentrum der Schuhindustrie haben mehr Menschen Probleme mit Schulden als irgendwo sonst in Deutschland. Und viele Einwohner finden keinen Weg in die Zukunft.

Hannah Wilhelm

Petra Kaiser hat Schulden: 4500 Euro. Das ist viel, wenn man sie vom Arbeitslosengeld abstottern muss. Und arbeitslos ist Petra Kaiser immer wieder. Die 45-Jährige mit den großen Augen, die in Wahrheit anders heißt, hat mit Anfang 20 das erste Mal den Job verloren. Dann bekam sie drei Kinder vom falschen Mann, der sie bald ohne einen Cent sitzenließ. Sie kaufte auf Kredit: Möbel, Klamotten für die Kinder und was sie eben für nötig hielt.

Schulden
(Foto: Foto: dpa)

Die gelernte Sekretärin sucht ja nach Arbeit. Manchmal findet sie einen Aushilfsjob, "aber wenn ich gerade anfange, an meinen ersten kleinen Urlaub zu denken, werde ich wieder entlassen". Petra Kaisers Geschichte ist typisch für ihre Heimatstadt Pirmasens.

Es gibt viele solcher Leben in dem Städtchen im Südwesten der Pfalz, in dem ein höherer Anteil von Menschen seine Rechnungen nicht bezahlt als überall sonst in Deutschland. Nirgendwo in der Bundesrepublik ist das Verschuldungsproblem so groß. Pleitestadt Pirmasens, die vergessene Größe: Wer heute mit der Bahn hierher fahren möchte, wird gerne barsch gefragt: "Wie heißt die Stadt? Schreibt man das mit y?"

Vollbeschäftigung - vor Jahrzehnten

Das war mal anders. "Pirmasens war ein Begriff in der Welt, wir waren die Schuhmetropole", klagt Petra Kaiser und verschwindet mit ihren Gedanken in den alten, den besseren Zeiten. In ihrer Kindheit und Jugend in den sechziger und siebziger Jahren herrschte hier fast Vollbeschäftigung.

Wer Arbeit hatte, hatte sie fast immer in der Schuhindustrie. Doch in den vergangenen drei Jahrzehnten verloren mehr als 27.000 von 32.000 Arbeitnehmern in dieser Branche ihre Beschäftigung. Dann zog auch noch das amerikanische Militär ab. Zwei Katastrophen für eine Stadt mit 42.000 Einwohnern. Die Arbeitslosenquote stieg teilweise über 20 Prozent.

Die Zeit ist mit großen Schritten an Pirmasens vorübergezogen. Hinterlassen hat sie enttäuschte Menschen wie Petra Kaiser, Menschen, die sich verschulden. Einer von fünf Einwohnern von Pirmasens hat Zahlungsschwierigkeiten oder hat sich schon hoffnungslos verschuldet. Das sind fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Pirmasens ist deutscher Meister im Schuldenmachen. Die örtlichen Schuldnerberater schieben Überstunden.

"Meine Tochter fragt oft, was mich hier noch hält", sagt Petra Kaiser und schüttelt den Kopf, "aber sie hat die schöne Zeit in Pirmasens nicht miterlebt." Wer die Stadt in ihrer Blüte gekannt hat, tut sich schwer zu gehen. Damals waren die Straßen voller Menschen. Abends ging man ins Kino oder essen ins Hotel Matheis, das beste Haus am Platz.

In der schneeweißen Gründerzeit-Villa stiegen während der Schuhmessen die internationalen Gäste ab. Früher. Dann blieben die Gäste weg. In den neunziger Jahren fanden hier Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien Unterkunft. Als auch noch die verschwanden, verfiel das beste Haus am Platz. Heute sind Fenster und Türen mit Holzbrettern vernagelt. Aus dem Dach wächst ein Baum. Eine von vielen Ruinen, die auf die Psyche der Pirmasenser drücken.

Der einstige Glanz lähmt die Einwohner. "Unsere Stadt ist auf sieben Hügeln gebaut, wie Rom", schwärmen Menschen, die vor Fabrikruinen ohne Fensterglas stehen. Es gibt andere Städte mit mehr Arbeitslosen, zum Beispiel Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr verdient als man bekommt

Doch dort verschulden sich die Menschen weniger stark als die Pirmasenser, die sich offenbar das Leben von früher leisten wollen, ohne es sich leisten zu können.

"Die Menschen hier verschulden sich ohne nachzudenken, sie sind leichtfertiger als andere", sagt der Schuldnerberater Gerhard Kölsch, der Petra Kaiser berät. "Erstaunlich viele schließen einen zweiten oder dritten Handyvertrag ab und bestellen beim Versandhandel, obwohl sie schon längst pleite sind."

Das Ergebnis: Verglichen mit dem Bundesdurchschnitt zahlen fast doppelt so viele Pirmasenser ihre Handyrechnungen oder Versandhausschulden nicht.

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