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Vereinigte Staaten:Am Rande der Panik

Die Finanzkrise erfasst immer mehr kleine und mittlere Banken in den USA. 90 Institute sind in ihrer Existenz bedroht.

Nikolaus Piper

Ein Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise hat sich die Lage an den Kreditmärkten erneut verschärft. Nach dem Zusammenbruch der Bank Indymac in Kalifornien scheinen nun auch zunehmend kleine und mittlere Banken in Gefahr zu sein. Die Behörden erwarten, dass in den nächsten zwölf Monaten bis zu 90 Kreditinstitute aufgeben müssen.

(Foto: Foto: Bloomberg)

Die Schockwellen waren am Montag an den Börsen rund um den Globus zu spüren: Die Aktien von Washington Mutual, der größten Sparkasse der USA, verloren 34,75 Prozent. Das löste beim Index der Bankaktien an der Wall Street den schärfsten Einbruch seit Einführung vor 20 Jahren aus.

Darauf kam es am Dienstag in Europa und Asien zu einem Ausverkauf an den Aktienmärkten. Zuvor hatten das US-Finanzministerium und die Notenbank Fed ein Paket von Maßnahmen beschlossen, die die beiden großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac stabilisieren sollen. Doch selbst dies konnte die Finanzmärkte nicht beruhigen. Die zusammengebrochene Indymac nahm am Montag unter staatlicher Aufsicht wieder ihre Geschäfte auf und stoppte als Erstes alle Zwangsversteigerungen. Kunden, die vor dem Verlust ihres Eigenheims stehen, sollen eine Atempause bekommen.

Vergleichbar mit Sparkassen und Volksbanken

Die meisten Amerikaner beziehen ihre Finanzdienstleistungen von Geschäftsbanken, die außerhalb der Vereinigten Staaten kaum jemand kennt. Einige von ihnen, etwa Washington Mutual oder Wells Fargo, sind große Konzerne, die im ganzen Land arbeiten, die meisten anderen jedoch haben einen regionalen Schwerpunkt und sind in ihrer Funktion eher mit deutschen Sparkassen oder Volksbanken zu vergleichen.

Im Gegensatz zu Deutschland operieren jedoch die meisten als private Aktiengesellschaften. Und diese haben zu Wochenbeginn einen massiven Vertrauenseinbruch erlitten. Bei der Sterling Bank, die den Nordwesten der USA bedient, ging der Aktienkurs um 28,7 Prozent zurück, bei First Horizon National (Südstaaten) um 24,8 Prozent, bei Zions Bancorp (Utah) um 23,2 Prozent und bei Huntington Bancshares (Ohio) um 17,2 Prozent.

Eine andere Bank, National City aus Ohio, versuchte gefährliche Gerüchte zu stoppen: Es gebe "weder auf der Einlagen- noch auf Kreditseite ungewöhnliche Bewegungen", erklärte die Bank, nachdem der Aktienkurs um 15 Prozent gefallen war - ein Schritt, der eher geeignet ist, die Gerüchte noch zu beleben.

Bisher waren die mittleren Banken und Sparkassen einigermaßen glimpflich durch die Krise gekommen. Anders als Citigroup, Merrill Lynch und andere an der Wall Street hatten sie sich nicht auf das Spiel mit riskanten Hypothekenanleihen eingelassen; ihnen blieben daher auch die damit verbundenen Milliardenabschreibungen erspart.

Doch nun, da die Krise viel länger dauert als erwartet, wachsen auch bei ihnen die Verluste. Immer mehr Kunden können Haus- und Autokredite nicht mehr bedienen oder geraten bei Kreditkarten in Rückstand. Viele Banken haben Bauunternehmen finanziert, die unter der Immobilienkrise besonders leiden. In Zeiten des Booms und des billigen Geldes hatten viele aggressiv um Marktanteile gekämpft und dabei oft ihre Kreditstandards gesenkt. Jetzt müssen sie dafür bezahlen.

Gewinne fast halbiert

Insgesamt 8533 Geschäftsbanken und Sparkassen werden von der staatlichen Einlagensicherung FDIC überwacht. Im ersten Quartal sind die Gewinne der Banken um 45,7 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig dünnte sich die Kapitaldecke aus. Zwar erhöhten die Institute ihre Vorsorge für Kreditausfälle, der Umfang notleidender Kredite stieg aber noch schneller. Sheila Bair, Chefin der FDIC, warnte die Branche mit ungewöhnlich deutlichen Worten: "Das ist ein beunruhigender Trend. Solche Dinge bereiten einem Regulierer Sodbrennen."

Bair drängte die Banken, "ihre Reserven zu erhöhen, um die erwarteten Verluste abfedern zu können". Die FDIC hat in ihrem jüngsten Quartalsbericht eine Liste von 90 gefährdeten Banken veröffentlicht. Das Beunruhigende daran: Die am Freitag zusammengebrochene Indymac-Bank stand gar nicht auf der Liste. Analysten rechnen daher damit, dass noch bis zu 150 Kreditinstitute aus dem Markt ausscheiden könnten.

Gerüchte drohen jetzt den Markt zu destabilisieren. Die Börsenaufsicht SEC hatte bereits am Sonntag in einem ungewöhnlichen Schritt die Marktteilnehmer gewarnt. Das Verbreiten falscher Gerüchte, die die finanziellen Verhältnisse einer Bank beeinflussten, sei strafbar, alle Marktteilnehmer sollten "ihre internen Kontrollen und Verfahren überprüfen, um solche Dinge zu verhindern". Am Dienstag schickte die SEC Vorladungen an 50 Hedge-Fonds-Manager, um Gerüchte im Zusammenhang mit der Investmentbank Lehman Brothers zu klären.

Der Ökonom Nouriel Roubini von der New York University fürchtet bereits, dass sich die große amerikanische Bankenkrise von 1990 und 1991 wiederholen könnte. Damals mussten Hunderte kleiner und mittlerer Sparkassen aufgeben. Dies könne die "schlimmste Rezession" seit Jahren auslösen.

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