US-Finanzkrise "Die Regierung soll die Hypotheken kaufen"

SZ: Wie bitte?

Roubini: Die Regierung sollte die Hypotheken überschuldeter Hausbesitzer zum Nennwert kaufen und ihnen eine tragbare Finanzierung bieten. Das ist nicht nur meine Meinung, es gibt ähnliche Vorschläge aus dem Kongress. Auch die Fed und das Finanzministerium denken ähnlich. Selbst die Banken haben sich mit dem Modell angefreundet. Besser sie bekommen 80 Prozent der Kreditsumme, als dass der Wert der Kredite auf 60 oder 50 Prozent sinkt.

SZ: Sie wollen tatsächlich alle Hausbesitzer freikaufen, deren Schulden den Wert ihrer Immobilie übersteigen?

Roubini: Nicht alle. Ich würde jene ausschließen, die sich ein zweites Haus gekauft haben, ich würde Einkommensgrenzen einziehen und auch solche nicht berücksichtigen, die mutwillig eine Insolvenz herbeigeführt haben.

SZ: Wie viele Hausbesitzer kämen in den Genuss eines solchen Programms?

Roubini: Wenn die Hauspreise noch um zehn Prozent fallen, werden Ende des Jahres acht Millionen Haushalte überschuldet sein, sinken sie um 20 Prozent, sind es 16 Millionen. Nicht alle werden in Zahlungsnot kommen, aber mehrere Millionen sind auf jeden Fall betroffen. Manche verlassen heute einfach ihr Haus und geben den Schlüssel bei der Bank ab.

SZ: Und das geht?

Roubini: Ja, das geht. Wir haben zwar noch keine genauen Zahlen, aber es gibt klare Indizien dafür, dass immer mehr Menschen von ihrem Haus weglaufen und die Zwangsversteigerung gar nicht erst abwarten. Die Bank hat dann keine Möglichkeit, die Differenz zwischen dem Wert des Hauses und der Kreditsumme vom Schuldner zurückzufordern.

SZ: Was bedeutet die Krise für den Rest der Welt?

Roubini: Wenn die Rezession in Amerika kurz und mild bleibt, reicht das Wachstum in China und anderswo aus, um die Folgen zu begrenzen. Fällt die Rezession aber so schwer aus wie ich glaube, wird es weltweit zum Abschwung kommen. Auch in Ländern wie Irland, Großbritannien und Spanien gibt es ja eine Immobilienkrise. Die Kreditklemme behindert auch Firmen in Europa. Paradoxerweise hängen hier die Unternehmen noch mehr vom Bankkredit ab als in Amerika. Der Rückgang der US-Nachfrage trifft die Exporte, und wenn der Euro bei 1,60 Dollar liegt, kann sich selbst eine Export-Supermacht wie Deutschland den Folgen nicht mehr entziehen.

SZ: Gibt es eine Rezession in Europa?

Roubini: Nicht auf dem ganzen Kontinent, aber in Großbritannien, Spanien und wahrscheinlich auch in Irland.

SZ: Gibt es keine guten Nachrichten?

Roubini: Doch. Zum Beispiel, dass die Politiker schnell und aggressiv reagieren. Dann glaube auch ich nicht, dass es ähnlich schlimm wird wie bei der Weltwirtschaftskrise. Die Mehrheitsmeinung ist, dass nach dem Einbruch eine schnelle Erholung kommt, dass die Kurve also die Form eines "V" annimmt. Ich denke, dass wir ein "U" bekommen werden, dass also die Erholung später kommen wird. Aber ich denke nicht, dass es ein "L" wird, dass also der Einbruch von einer langen Depression gefolgt wird.