bedeckt München 23°

SZ-Serie: Die großen Spekulanten (33):Der Turtle-Chef

Der Rohstoffspekulant Richard Dennis bildete Trader aus "wie Schildkröten in Singapur". Damit ist er an den Finanzmärkten reich geworden - trotz vieler Krisen.

Ist Erfolg an der Börse Zufall? Wenn nicht, welche Regeln muss ein Spekulant befolgen, um erfolgreich zu sein? Hat jeder das Zeug zum Spekulanten? Richard Dennis, studierter Philosoph, ist sich sicher: "Ja, jeder kann es zum Börsenmillionär bringen." Sein Freund und Kollege, der Mathematiker William Eckhardt widerspricht: "Wer dauerhaft an der Börse Geld verdient, verfügt über eine Art Intuition." Die besitzen nur wenige und erlernen lasse sie sich erst recht nicht.

"Wir werden Trader züchten wie Schildkröten in Singapur", sagt der massige und öffentlichkeitsscheue Richard Dennis, von dem kaum ein Foto existiert.

(Foto: Bild: Stefan Dimitrov)

Kostspieliges Experiment

Dennis und Eckhardt kennen sich seit der High School und sind beide an der Börse reich geworden. Sie entschließen sich zu einem kostspieligen Experiment, das zeigen soll, wer recht hat. In den nächsten Wochen schalten sie Anzeigen in großen Tageszeitungen wie der New York Times und der Washington Post. "Traders wanted" steht dort. Eine Handvoll Börsenneulinge soll in kürzester Zeit zu Topspekulanten ausgebildet werden und anschließend mit sechsstelligen Beträgen handeln.

"Wir werden Trader züchten wie Schildkröten in Singapur", sagt der massige und öffentlichkeitsscheue Mann, von dem kaum ein Foto existiert. Im Dezember 1983 treffen sich schließlich die ersten zehn Lehrlinge in einem Handelsraum in Chicago. Mit einem simplen Wahr/Falsch-Test hat Dennis sie unter 1000 Bewerbern ausgewählt. Darunter sind ein Schachgroßmeister, ein Entwickler von Fantasyspielen, zwei professionelle Spieler und der 19-jährige Schulabgänger Curtis Faith, der später ein Buch über die mysteriöse Gruppe schreiben wird. Es ist die Geburtsstunde der "Turtles".

Der Mann, der die Turtles trainiert, meint zu wissen, wovon er spricht. Er ist als "Prince of the Pit" bekannt. Als "Pit" bezeichnet man den kleinen Unterstand, den die Börsenhändler auf dem Parkett haben. Dennis wird im Jahr 1949 geboren und wächst in Chicago als Sohn eines Ingenieurs auf. Mit 17 arbeitet er als Laufbursche an der Chicago Mercantile Exchange für 1,60 Dollar die Stunde. Seinen Wochenverdienst von 40 Dollar verspielt er anschließend. Da er noch nicht volljährig ist, muss sein Vater für ihn die Order ausführen. Geld verdient Dennis keines: "Bis zu meinem 21. Geburtstag habe ich jeden Fehler, den man an der Börse machen kann, zehnmal gemacht", sagt er später in einem seiner seltenen Interviews.

Und irgendwann scheint es wirklich genug zu sein mit den Fehlern. Dennis studiert zunächst in Chicago Philosophie, später erhält er ein Stipendium für die Tulane University in Lousiana. Bald aber ist er zurück in Chicago, leiht sich 2000 Dollar von seiner Familie und kauft sich für 1600 Dollar einen Sitz in einer kleinen Nebenbörse, der Mid America Exchange. Mit den restlichen 400 Dollar beginnt er seine Karriere als Spekulant.

Mit 25 Jahren ist er Millionär

Es ist das Jahr 1972, das in die Börsengeschichte als das Jahr des "Great Russian Grain Robbery" eingeht, und Dennis mit einem Schlag reich werden lässt. Sowjetrussland kauft den Amerikanern ganze Schiffsladungen Getreide zu subventionierten Preisen ab. Da die amerikanischen Farmer ohnehin schon Probleme haben, der ständig wachsenden Nachfrage hinterherzukommen, schießen die Preise in die Höhe.

Dennis setzt weiterhin auf steigende Kurse. Mit 25 ist er Millionär. Anfang der 80er Jahre sind aus seinen 400 Dollar Startkapital 200 Millionen Dollar gemacht. 1984 zählt Dennis zu den einflussreichsten Rohstoffspekulanten der Welt. Er ist gerade 35 Jahre alt. Gerüchte, laut denen Dennis gerade kaufe oder verkaufe, reichen aus, um die Kurse an den Märkten zu bewegen. Dennis selbst ist überzeugt: Sein Erfolg beruht auf einem System und das will er seinen Schildkröten beibringen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: die Offenbarung der erfolgreichen Turtle-Methode.