Straßen in München Schellingstraße

Früher, ja früher waren sie alle hier: Kandinsky, Ringelnatz, Kästner. Heute bringen nur noch Studenten frischen Wind in die Straße.

Von Stephanie Schmidt

Vom italienischen Feinkostlädchen bis hin zum Bestattungsinstitut, von der kleinen "Pelz-Werkstatt" bis zum "Holareiduljö" mit seinem bizarren Sortiment von Teddys in Lederhosen und Bierkrügen gibt es hier einfach alles. Aber kaum ein Fußgänger bemerkt, dass die ellenlange Schellingstraße fast jeden Bereich des Lebens abbildet. Denn viele machen spätestens auf Höhe der Schraudolphstraße wieder kehrt in Richtung Ludwigskirche und bleiben im Terrain der Szene-Bars und Uni-Buchhandlungen.

Im Schaufenster des Papierladens scheint der Geist einer verstorbenen Ballett-Tänzerin vorbeizuschweben.

(Foto: sueddeutsche.de)

(K)eine Stadt der Gegenwart

"München ist immer retrospektiv gewesen, es war nie eine Stadt der Gegenwart", sagt ein Galerist aus der Straße. Darüber lässt sich streiten. Doch zumindest die Schellingstraße atmet den Geist der Vergangenheit. In Nummer 39 hatte sich der Dichter Alfred Andersch nach dem Krieg mit Leidenschaft der Aufgabe gewidmet, die "Neue Zeitung" herauszubringen - eine amerikanische Publikation für die deutsche Bevölkerung. Er appellierte an alle, die eine "demokratische Gesinnung" hätten, sich bei ihm und dem Feuilletonchef Erich Kästner zu melden.

Eine Ideenschmiede war die Maxvorstadt, in deren Herzen die Schellingstraße liegt, vorwiegend in der Zeit nach der Jahrhundertwende. Manche der Treffpunkte der Münchner Bohème, die in den Hinterhof-Ateliers rauschende Feste feierte, existieren noch heute, wie etwa das Café Altschwabing. In diesem Kaffeehaus diskutierten zum Beispiel Thomas Mann, Frank Wedekind, Stefan George und Paul Klee, wie sich die Welt verbessern ließe. Über die "Osteria Bavaria", die heute "Osteria Italiana" heißt - Münchens erstes Speiselokal, das italienische Küche anbot, - ist ein eigenes Buch geschrieben worden, über die Schellingstraße insgesamt gibt es auch zahlreiche Publikationen.

Heimat der Künstler

Früher hieß sie Löwenstraße - dem bayerischen Wappentier zu Ehren. "König Max II. hat sie dann nach seinem Lieblingsphilosophen Friedrich Wilhelm Schelling umbenannt", erzählt ein Historiker, der regelmäßig Führungen durch Münchner Stadtviertel, darunter auch die Maxvorstadt, leitet. Die Schellingstraße ist für ihn "eine der politisch und kulturgeschichtlich interessantesten Straßen der Welt". Franz von Stuck etwa lebte hier, bevor er sich seiner Jugendstil-Villa in der Prinzregentenstraße widmete; Franz Marc besaß ein Atelier in der Schellingstraße, in Nummer drei wohnte der Schriftsteller Eduard von Keyserling, in Nummer 21 Hans Carossa, in Nummer 27 Frank Wedekind, in Nummer 62 Wassily Kandinsky.

Ringelnatz hatte hier einen Laden. Freunde von der einstigen Künstlerkneipe "Simplicissimus" in der Türkenstraße zogen oft nachts um drei Uhr zu Ringelnatz' Tabakladen "Zum Hausdichter", um dort lustig bis zum Morgen weiter zu feiern. Einen Skandal löste vor allem die Schaufenster-Dekoration aus - eingebettet in Zigarren, stierte ein menschliches Skelett die Passanten an. Dagegen wirkten die im Laden ausgestellten Imitate wilder Tiere und Trophäen aus Ringelnatz' Seefahrerzeit völlig harmlos.

Spuren der Vergangenheit

Das ist längst Geschichte, die Künstler sind anderswo, nur die Antiquariate sind geblieben - und viele Spuren aus der Vergangenheit, wie Hitlers Reichsadler-Emblem an der Einfahrt der Schellingstraße 50, wo einst die NSDAP-Parteizentrale war. Und dann ist da noch der Sauerkrautgeruch, der nach dem Krieg über ganz München hing, wie sich der Journalist Walter Kolbenhoff mokierte. Dazu wurde "fade Blutwurst" mit "ein paar blauen Kartoffeln" serviert. Ein ähnliches Gericht gibt es heute noch im Studentenlokal "Atzinger". Nur klingt es verheißungsvoller, wenn die Speisetafel "Frische Blut- und Leberwürste auf Sauerkraut mit Püree" ankündigt.

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