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Skandal bei Aktionärsschützern:Sittenwächter am Pranger

Bei der Schlammschlacht zwischen Aktionärsschützern und der Firma Wirecard wird viel geboten: Es geht um Kursmanipulation, geheime Daten und wüste Drohungen .

Thomas Öchsner

Markus Straub, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), gilt als ein Robin Hood der Kleinaktionäre. Seit Jahren prangert der 39-jährige Volkswirt Machenschaften am Aktienmarkt an, deckt trübe Bilanzen in Unternehmen auf und geißelt das intransparente Geschäftsgebaren der Zertifikatebranche.

Markus Straub SdK

Ihm wird vorgeworfen, am Kursverlust von Wirecard verdient zu haben: SdK-Vorstandsmitglied Markus Straub

(Foto: Foto: SdK)

Nun ist der Sittenwächter des Kapitalmarkts selbst in die Kritik geraten. Es geht um den Vorwurf der Kursmanipulation - und für Straub um seinen guten Ruf.

Die Geschichte beginnt im Frühjahr 2008. Straub beschäftigt sich "außerhalb seiner Tätigkeit für die SdK", wie es in einer Mitteilung der Aktionärsschützer heißt, mit der Wirecard AG. Das Unternehmen ist ein Zahlungsabwickler und Mitglied im Technologieindex TecDax.

Straub recherchiert, prüft Handelsregister, untersucht Geschäftszahlen und kommt zum Ergebnis, "dass die Verhältnisse der Gesellschaft unrichtig wiedergegeben beziehungsweise verschleiert werden". Mitte Mai beginnt er auf einen fallenden Aktienkurs von Wirecard zu wetten - als Privatmann, wie er sagt.

Kurze Zeit später setzt sich die Geschichte auf einer anderen Bühne fort: Wirecard gerät ins Visier der SdK. Auf der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft, am 24. Juni, greift SdK-Chef Klaus Schneider Wirecard an, weil er die Bilanz für fragwürdig und das Unternehmen für überbewertet hält.

Zwei Tage danach bricht der Aktienkurs um gut 25 Prozent ein. Einen Tag später schlägt Wirecard zurück und teilt mit: Das Unternehmen sei das Ziel von Attacken mehrerer Hedgefonds. "Zudem drängt sich uns der Verdacht auf, dass sich der Schutzverband der Kleinanleger zur Anheizung von Gerüchten hat instrumentalisieren lassen." Die SdK sagt dazu: "Das ist falsch" und kontert mit dem Hinweis: "Das Argument, Hedgefonds steckten hinter einem Kursverfall, wurde auch schon in zahlreichen anderen Fällen wie Infomatec, Metabox, MLP oder Thielert, bei denen die SdK früh auf Probleme hingewiesen hat, zu Unrecht bemüht."

Inzwischen ist der Streit eskaliert. Wirecard hat eine Strafanzeige bei der Finanzaufsicht Bafin und der Münchner Staatsanwaltschaft gegen die SdK und ihren Vorstand gestellt. Der Vorwurf: Marktmanipulation und Insiderhandel. Die Schutzgemeinschaft, die die von der Hauptversammlung beschlossene Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat gerichtlich annullieren lassen will, kündigte ebenfalls strafrechtliche Schritte an.

"Das wurde uns zugetragen"

Der Fall ist für beide Seiten pikant: Im Falle von Straub geht es um die Frage, ob ein ehrenamtliches Vorstandsmitglied der SdK private Investments mit der Tätigkeit für die Schutzgemeinschaft vermengt hat und im "finanziellen Eigeninteresse" gehandelt hat, wie Wirecard behauptet.

Straub sagt dazu ganz klar: "Ich sehe in meiner Wette auf fallende Kurse bei dem Unternehmen kein Problem, wenn man sich den zeitlichen Ablauf ansieht." Er hätte sich auch niemals vorstellen können, dass die kritischen Äußerungen des SdK-Vorstandschefs Schneider auf der Hauptversammlung einen derart starken Einfluss auf den Kurs hätten haben können.

Im übrigen sei seine Position in Wirecard "kleiner als 0,01 Prozent des Grundkapitals der Gesellschaft". Es sei deshalb völlig ausgeschlossen, "dass diese Position in irgendeiner Form mit dem Kursverlust der Aktie zusammenhängt".

Wirecard muss ebenfalls heikle Fragen beantworten, nicht nur wegen der Bilanz: Die SdK hat auf ihrer Homepage den Entwurf einer Vereinbarung zwischen den beiden Parteien veröffentlicht. Das Papier, das die SdK nicht unterschreiben wollte, stammt von Wirecard. In dem Papier erklärt Wirecard, dass es genaue Kenntnis über die Transaktionen von Straub und einem ehemaligen Sprecher der SdK, dem Vermögensverwalter Tobias Bosler, bei dem Londoner Bankhaus CMC Markets habe.

Demnach hätten die beiden bis 4. Juli mit insgesamt 330.000 Papieren (sogenannten Contracts für Difference) einen Gewinn in Höhe von 3,3 Millionen Euro erwirtschaftet. SdK-Vorstand Straub erwidert, er habe den größten Teil der Position noch offen, und sein bisheriger Buchgewinn liege "nicht im Millionenbereich". Straub fragt sich aber vor allem, "auf welche illegale Weise Wirecard an diese Informationen, die unter das Bankgeheimnis fallen, herangekommen ist". Die Firmensprecherin sagt dazu: "Das wurde uns zugetragen."

Röhrborn sagt, er habe einen Termin bei Bosler gehabt. Ein Mandant und ein weiterer Mann seien dabei gewesen. Bei dem Gespräch vor dem Büro von Bosler sei es nicht zu Drohungen gekommen, sagte Röhrborn.

Es gibt also viel zu klären für die Staatsanwaltschaft und die Finanzaufsicht. Die Aktionäre feierten heute erst einmal die Schlammschlacht: Der Aktienkurs, der seit dem 24. Juni um mehr als 50 Prozent nachgab, legte am Montag um knapp 18 Prozent zu.

© SZ vom 22.07.2008/ssc
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