Reden wir über Geld: Jürgen Flimm:"Frauen himmeln immer den Schlagzeuger an"

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Jürgen Flimm ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Ein Gespräch über den Neid auf seinen Bruder, seine Kältephobie - und die Frage, wie er mit 1600 Mark im Monat eine siebenköpfige Familie ernährte.

Alina Fichter

Es ist halb elf, als Jürgen Flimm sein Büro betritt. Die schwarze Baseballmütze wirft einen Schatten auf das müde Gesicht. Warm hier. An der Wand kleben gelbe Zettel, auf denen "Walküre" und "Parsifal" steht. Flimm, 69, ist seit 2010 Intendant der Berliner Staatsoper im Schiller Theater. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Zuletzt leitete er die Salzburger Festspiele, davor das Hamburger Thalia Theater. Bevor das Gespräch beginnt, wirft Flimm einen düsteren Blick auf die leere Schachtel roter Gauloises. Seine Assistentin eilt davon - Zigaretten holen.

Juergen Flimm

Jürgen Flimm bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2009.

(Foto: AP)

SZ: Herr Flimm, reden wir über Geld. Kaufen Sie gerne ein?

Flimm: Ich gebe nicht gerne Geld aus, ich bin ein Eichhörnchen. Ein paar tausend Euro für eine Designer-Lederjacke? Nicht meine Welt. Früher gehörte es zu meinen größten Freuden, das Konto 500 Mark im Plus zu sehen.

SZ: Sie besaßen nicht viel Geld?

Flimm: Ich war Regieassistent. Den Sprung zum Regisseur zu schaffen, war schwer. Ich hatte eine Frau und fünf Kinder, da kam ein gewisser Existenzdruck hinzu.

SZ: Wie viel verdienten Sie?

Flimm: An den Münchner Kammerspielen bekam ich 1600 Mark im Monat. Das war damals schon wenig.

SZ: Davon haben Sie zu siebt gelebt?

Flimm: Nachts, nach dem Tag am Theater, arbeitete ich zusätzlich als Synchronsprecher, manchmal jobbte ich als Fernsehschauspieler, Ferien hatte ich nie. So kamen wir durch. Mehr Geld wäre schön gewesen.

SZ: Was fehlte Ihnen als junger Mann am meisten?

Flimm: Ich wäre gerne mal abends essen gegangen, ohne den Kindern zu sagen: "Mehr als eine Cola für jeden ist nicht drin." Oder mal ein hübsches Sofa. Meine Mutter ließ bei ihren Besuchen zum Glück oft etwas Geld liegen.

SZ: Dachten Sie manchmal, jetzt geht es nicht mehr weiter?

Flimm: Merkwürdigerweise reichte das Geld immer irgendwie. Vielleicht ist das meine protestantische Seite: Ich achtete sehr darauf, keine Schulden zu machen. Manchmal, wenn es knapp wurde, berief ich den Familienrat ein. Jeder sollte sagen, wo wir noch sparen könnten. Eines der Kinder schlug vor, auf seine Gitarrenstunden verzichten. Später dachte ich, das anzunehmen, war das Dümmste, was ich gemacht habe.

SZ: Wurden Sie damals zum Eichhörnchen?

Flimm: Vorher schon. Ich wuchs nach dem Krieg auf, meine Mutter fuhr hamstern; sie nahm alles mit, was sie tauschen konnte, und kehrte total erschöpft heim - für etwas Butter und ein bisschen Fleisch.

SZ: Und Sie?

Flimm: Ich sammelte Zeitungen, legte sie in großen Stößen auf mein Fahrrad und fuhr zum Fischhändler. Der gab mir 50 Pfennig. Manchmal las ich Tennisbälle auf, noch mal 50 Pfennig.

SZ: Was arbeitete Ihr Vater?

Flimm: Er war Arzt, unsere Wohnung seine Praxis. Ich klappte jeden Morgen mein Bett hoch, und das Wohnzimmer wurde zum Wartezimmer: überall Patienten. Manchmal kam abends jemand vorbei, nach einem Unfall. Dann musste ich ran.

SZ: Sie haben als Neunjähriger Patienten behandelt?

Flimm: Ja, ich habe assistiert.

"Ich brauche warme Räume"

SZ: Was war in dieser Zeit das Schlimmste für Sie?

Flimm: Die Kälte. Immer fror ich. Bis heute habe ich eine Kältephobie. Ich brauche warme Räume.

SZ: Kunst, Theater - Ihre heutige Welt hatte damals keinen Platz, oder?

Flimm: Es gab ein altes Kino, in dem sonntags um elf Uhr Filme liefen, die ich als Kind nicht verstand. Zum Glück gab es die Großmutter, sie spielte phantastisch Klavier. "Die Fledermaus" konnte sie auswendig.

SZ: War das Ihr Anstoß, Künstler zu werden?

Flimm: Nein. Ich hatte einen wunderbaren Bruder, ein echter Überflieger. Er war begabt und sah sehr gut aus. Immer hatte er die schönen Mädchen. Unmöglich für mich, dagegen anzukommen.

SZ: Wie schaffte er es, sich die Frauen zu angeln?

Flimm: Er war ein exzellenter Schlagzeuger und spielte Jazz mit berühmten Menschen. Er trommelte und schwitzte, das beeindruckte die Mädchen. War ich neidisch! Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Frauen immer den Trompeter und den Schlagzeuger anhimmeln? Leider nicht deren kleinere Brüder.

SZ: Wie gingen Sie damit um?

Flimm: Ich suchte mir ein anderes Feld: ein Kasperletheater, mit dem ich oben auf dem Dachboden spielte. Ich erfand Dialoge für die Puppen. Ein paar von ihnen besitze ich noch. Irgendwann fing ich an, Stücke zu schreiben, ich war wohl acht.

SZ: Sahen Sie sich auch manchmal Aufführungen an?

Flimm: Mein Vater war Theaterarzt. Er bekam die Karten gratis, also durfte ich mit. Heimlich hoffte ich, dass einem Schauspieler schlecht wird, dann durfte ich mit hinter die Bühne und mir ansehen, was da los ist - spannend.

SZ: Sie wuchsen in Armut auf und wollten ausgerechnet Künstler werden?

Flimm: Mein Vater fand das nicht gut. Mein Bruder studierte tags Architektur und spielte nachts Schlagzeug. Ich schrieb mich für Theaterwissenschaften ein und spielte in einem kleinen Theater. Mein Vater hätte uns schwer bestochen, wären wir Ärzte geworden!

SZ: Eigentlich wollten Sie doch Theologie studieren.

Flimm: Aber ich traute mich nicht. Ich hatte Angst, es nicht zu schaffen.

SZ: Hört sich an, als hätten Sie kein großes Selbstbewusstsein gehabt damals.

Flimm: Kann sein.

SZ: Haben Sie heute noch manchmal Versagensangst?

Flimm: Wer keine Versagensangst hat, ist dumm. Der bringt es zu nichts. Wer beim Inszenieren keine Angst davor hat, dass es nicht gelingt, kann es gleich sein lassen.

SZ: Wer entscheidet, ob etwas gelungen ist? Die Kritiker?

Flimm: Nein. Ich. Am Ende der Proben spüre ich genau, ob ich es hingekriegt habe. Ob es dem Publikum gefällt, weiß ich vorher nie; keiner weiß das. Sonst gäbe es nur Bestseller und Blockbuster.

SZ: Vor 30 Jahren sagten Sie: Ein gutes Theater ist ein volles Theater.

Flimm: Der Kunde ist das Kriterium. Was hat man von einem tollen Stück, das sich niemand ansieht? Wenn mir etwas wirklich gelungen ist, gehen die Leute auch rein.

"Geld verdirbt Kreativität nicht"

SZ: Gucken Sie bei Ihren Inszenierungen aufs Geld?

Flimm: Ich habe nie in meinem Leben ein Defizit gemacht. Ich sagte meinen Leuten immer: Wir kriegen Geld vom Staat, um Theater zu machen, und müssen damit sorgfältig umgehen. Gehen die Steuereinnahmen runter, müssen wir auch gewappnet sein, weniger zu bekommen.

SZ: Ist mal eines Ihrer Projekte am Geld gescheitert?

Flimm: Beinahe. Am Hamburger Thalia Theater planten wir das Musical "Black Rider" von Tom Waits, inszeniert von Robert Wilson. Dem Aufsichtsrat sagten wir: Im Moment haben wir eine Million Defizit. Aber ich besorge das Geld. Das Stück wurde ein Welterfolg.

SZ: Kann zu viel Geld Kunst auch kaputtmachen?

Flimm: Quatsch, Geld verdirbt Kreativität nicht. Das ist so ein romantisches Gerücht. Plácido Domingo verdient viel, singt aber deshalb nicht schlechter. Im Gegenteil, er ist ein Genie.

SZ: Sie sind Rheinländer - sind Sie eine Frohnatur?

Flimm: Was soll das sein?

SZ: Vielleicht das Gegenteil eines Depressiven?

Flimm: Dann bin ich keine Frohnatur. Jeder hat doch Depressionen. Ich auch. Jeder ist manchmal müde im Kopf und niedergeschlagen. Das muss man aushalten.

SZ: Sie nehmen das Leben also nicht leicht?

Flimm: Quatsch. Nur dass ich Optimist bin, das stimmt.

SZ: Und harmoniebedürftig?

Flimm: Wer das nicht ist, muss zum Psychiater gehen. Hier arbeiten gut 500 Leute; wäre ich nicht nett zu ihnen, käme ich nicht weit.

SZ: Können Sie gut mit Streit umgehen?

Flimm: Das habe ich gelernt. Auf jeder Probe gibt es doch Konflikte: Was denkst du, was denk ich, wie können wir das lösen? Bei einer Krise mache ich eine Zigarettenpause. Danach geht es weiter.

SZ: Rauchen Sie deshalb?

Flimm: Jedenfalls rauche ich nur im Beruf. Zu Hause und in den Ferien zünde ich mir keine Zigarette an.

SZ: Eine Frohnatur sind Sie nicht. Ist etwas anderes an Ihnen typisch rheinländisch?

Flimm: Ich liebe Kölsch ...

SZ: ... und Karneval?

Flimm: Wenn ich früher am Rosenmontag in München saß, war ich ganz traurig, weil ich nicht dabei war. Aber ich habe mich entwöhnt. Der Bezug zu Köln ist nicht mehr so da.

SZ: Bald werden Sie 70. Wie lange wollen Sie noch arbeiten?

Flimm: Solang' ich kann.

SZ: Was würden Sie am meisten vermissen, wenn Sie noch mal von 1600 Mark leben müssten?

Flimm: Die Wohnung: Stuck an der Decke, ein paar schöne Bilder von Robert Longo, Daniel Richter, Karl Lagerfeld und meinem Großvater, 120 Quadratmeter. Damals in München, mit meiner damaligen Frau und den fünf Kindern, hatten wir ebenso viel Platz. Heute sind wir zu zweit.

Interview: Alina Fichter

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