Musiker Falco In der Dominikanischen Republik kokst und säuft er vor sich hin

Die gängige postume Interpretation lautet, dass dieser Betrug der Anfang der finalen Talfahrt ist. "Den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren, kennt heute jedes Kind": Die Presse spekuliert munter über seine Drogenprobleme - und sie liebt die Geschichte von der untergejubelten Tochter. Falco schont sich nicht. Er gibt Interviews, flapsig, ironisch. Keine Verletzung, die er nicht nach außen trägt. Keine Niederlage, die er nicht zum Mythos stilisiert.

Mehrere Jahre lang klappt musikalisch wenig. Irgendwann sitzt er in der Late-Night-Show von Harald Schmidt und feixt, er müsse nun eine neue Platte bewerben, die er gemacht habe, weil ihm die Kohle ausgegangen sei. Nichts daran ist ein Scherz. Die Scheidung, die Autos, das Koks. Die Lust am Desaster. Er erzählt, dass er nicht einmal genug Geld für ein Flugticket habe - wenn er aus seiner Wahlheimat, der Dominikanischen Republik, nach Europa fliegen wolle, müsse es jemanden geben, der ihn einlädt. Er ist immer noch charmant und schlagfertig, aber wenn man den Auftritt heute noch einmal ansieht, ist das ewige Über-sich-selbst-Reflektieren irgendwie: zäh. Er wirkt wie einer, der versucht, sich an eine Masche zu erinnern, die er früher mal draufhatte.

Trotzdem hat er noch einmal einen Hit. "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" wird ein Überraschungserfolg. Auch für ihn. Der Titel erscheint zuerst unter einem Pseudonym: "T>>MA". Als Falco wollte er keinen weiteren Misserfolg riskieren.

Kurzfristig schöpft er wieder Mut. 1996 kommt "Naked" auf den Markt, es soll eine Singleauskopplung aus einem Album sein, das "Egoisten" heißen soll. "Naked" läuft in Österreich ganz okay, in Deutschland ist es ein Flop. Falco ist deprimiert. Er stellt die Arbeit an dem Album ein und verkriecht sich in der Dominikanischen Republik. Dort kokst er vor sich hin. Wenn er nicht kokst, säuft er. Fast zwei Jahre geht das so. "Naked" wird der letzte Song bleiben, den er zu Lebzeiten veröffentlicht.

1,5 Promille Alkohol im Blut, dazu große Mengen Kokain und THC

Am 6. Februar 1998 fährt er mit seinem Geländewagen vom Parkplatz nahe Puerto Plata. Er will auf die Hauptstraße einbiegen. Die Stelle ist übersichtlich, es ist eigentlich kein Ort, an dem man einen Reisebus übersehen könnte. Die Obduktion ergibt 1,5 Promille Alkohol im Blut, dazu große Mengen Kokain und THC.

Falco ist tot, sein Heimatland begreift das als Startschuss zur Heldenverehrung. Niki Lauda reist in die Dominikanische Republik, um die Leiche abzuholen und in einem seiner Jets persönlich nach Wien zu fliegen. Zur Beerdigung kommen 4000 Leute. Die Plattenfirma wirft das "Egoisten"-Album auf den Markt, es heißt jetzt "Out of the Dark", enthält die schöne Zeile "Muss ich denn sterben, um zu leben?". Es wird zwei Millionen Mal verkauft.

Diverse Frauen geben Interviews bei RTL und erzählen, sie wären jeweils die letzte, die allerletzte oder die letzte richtige Freundin Falcos gewesen. Alle sagen, er habe schon die Hochzeit geplant. Das Erbe geht trotzdem an seine Mutter. Sie stirbt 2014 und hinterlässt die Anweisung, ihre Urne zum Sohn ins Ehrengrab zu befördern.

Auf dem Zentralfriedhof geht endlich das Gewitter nieder, krachend und gnadenlos. Es schüttet eine gefühlte Ewigkeit. Die Begonien überstehen es unbeschadet.

Der Text ist der sechste Teil der SZ-Serie "Arm, verkannt, rebellisch".