Interview mit Henry Kaufman "Die Marktaufsicht hat versagt"

SZ: Welche schlechten Nachrichten erwarten Sie noch aus der Finanzbranche?

Kaufman: Weitere Verlustmeldungen großer Finanzinstitute. In diesem Monat werden Investmentbanken wie Goldman Sachs, Bear Stearns und Lehman, ihre Zahlen vorlegen, im Januar folgen dann Citigroup, J.P. Morgan Chase, Bank of America. Es ist offen, was da alles noch kommt. Man muss auch auf andere Dunge achten. Der Markt für Gewerbeimmobilien in den USA hat sich bisher noch nicht abgeschwächt. Aber viele der Bürogebäude sind zu einem erheblichen Teil fremdfinanziert. Was wird hier passieren, wenn die amerikanische Wirtschaft langsamer wächst als in den ersten neun Monaten dieses Jahres? Wir werden vielleicht keine Rezession bekommen, aber es wird sich wie eine Rezession anfühlen, weil wir aus einer Phase starken Wachstums kommen. Die Lage an den Finanzmärkten wird volatil bleiben.

SZ: Für wie lange?

Kaufman: Was heißt lange? Auf absehbare Zeit jedenfalls.

SZ: Gibt es eine kritische Phase im nächsten Jahr. Zum Beispiel dann, wenn die Zinsen für viele Hypothekendarlehen an ärmere Familien steigen ?

Kaufman: Ich denke, dass der amerikanische Wohnungsmarkt in der ersten Jahreshälfte 2008 den Tiefpunkt erreicht.

SZ: Und was erwarten Sie für die Aktienmärkte?

Kaufman: Der große Unsicherheitsfaktor im nächsten Jahres sind die Unternehmensgewinne. Das Wachstum der Gewinne wird sicher zurückgehen, wie jetzt schon bei den Finanzinstituten. Was ebenfalls sinken wird, sind die Aktienrückkäufe, die bisher die Kurse hochgetrieben haben. Und dann die Unsicherheit über den Ausgang der Präsidentschaftswahl und was das für die Steuerpolitik bedeutet. Das ergibt einen unsicheren Aktienmarkt.

SZ: Und was ist mit den Zinsen?

Kaufman: Ich denke, die Renditen erstklassiger Anleihen werden weiter sinken, der Leitzins der Notenbank, die Federal Funds Rate, wird auf mindestens 4,0 Prozent (von derzeit 4,5) zurückgehen. Die größere Herausforderung für die Fed liegt aber darin, die Finanzmarktaufsicht zu verbessern. Das ist sehr komplex und schwierig. Sehen Sie es einmal so: In einer Wirtschaftsdemokratie sollten sich die durchsetzen, die es richtig machen, während jene mit schlechten Ergebnissen scheitern. Bei Finanzinstituten erlauben wir es den Marktkräften nicht so zu wirken - aus Furcht, der Zusammenbruch eines großen Instituts könnte ein systemisches Risiko für den Finanzmarkt bedeuten. Deshalb dürfen große Instituten nicht scheitern. Kleinere Institute dagegen verschwinden, denn die dürfen ja zusammenbrechen.

SZ: In der jetzigen Krise sind viele amerikanische Hypothekenbanken verschwunden.

Kaufman: Es bleiben die großen übrig und wir haben Probleme, diese diversifizierten Institute zu überwachen. Das Thema wird uns in den kommenden Monaten beschäftigen, der Ausgang ist offen.

SZ: Was ist die Lösung?

Kaufman: Zentralbanken scheuen sich, offen zu sagen, dass es auf dem Kreditmarkt eine Spekulationsblase gibt. Sie sagen: Wir wissen nicht, wann eine Kreditblase entsteht, aber wir wissen, was wir tun müssen, wenn eine Blase platzt: Zinsen senken, Liquidität bereitstellen und das System stützen. Ich halte das für keine sehr gute Taktik, weil so das Entstehen von exzessiver Liquidität und exzessivem Kredit zugelassen wird. Dadurch können die Notenbank ihrer eigentlichen Aufgabe nicht nachkommen: kontinuierliches und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu unterstützen. Es ist sicher viel angenehmer, wenn man als Zentralbank nur die Geldversorgung kontrolliert und nicht gestört wird durch zweitklassige Hypotheken, durch aggressive Handelspraktiken und ähnliches. Die Zentralbanker erwarten, dass der Markt das alles bereinigt, aber der Markt bereinigt es nicht.

SZ: Hat die Fed ihre Geldpolitik zu schnell gelockert, als sie in diesem Jahr zwei Mal die Zinsen senkte?

Kaufman: Nein, das war nicht zu schnell. Das Problem entstand 2003, als der Leitzins bei einem Prozent lag und Alan Greenspan nicht rasch genug den Kurs angezogen hat. So konnte dieses enorme Kreditvolumens entstehen.

SZ: Was sind Ihre Lehren aus dieser Krise?

Kaufman: Erstens: Nicht alles ist marktfähig. Zweitens: Die staatliche Marktaufsicht und Regulierung hat versagt. Drittens: Wir müssen etwas tun, um die Märkte durchsichtiger zu machen.