bedeckt München 20°

Geldanlage:Die beste Börsenstrategie des Jahrhunderts

Eine Studie zeigt: Wer jeden Monat Aktien kauft, die gut gelaufen sind, macht viel höhere Gewinne als der durchschnittliche Anleger.

Markus Zydra und Marco Zanchi

In einschlägigen Börsenratgebern wimmelt es von einprägsamen Regeln für den schnellen Reichtum: "Sell in May and go away" (verkaufe im Mai und gehe weg) ist eine der bekanntesten. Sie besagt, dass historisch gesehen die Aktienkurse ab Mai häufig fallen. Dieses Bonmot hat sich herumgesprochen, was dazu führte, dass die Regel nun nicht mehr gilt. Investoren verkaufen ihre Aktien jetzt schon im April - im Vorgriff auf den erwarteten Preiseinbruch. Damit ist das Grundproblem von Börsenregeln beschrieben: Je mehr Leute davon wissen, desto stärker wird die statistische Regelmäßigkeit verwässert. Das ist auch gar nicht weiter überraschend, sondern vielmehr Ausdruck eines Gesetzes: Es ist nicht möglich, dass bestimmte Anleger systematisch mehr Geld verdienen können als andere.

Nun gibt es einen Forschungsbericht, der diese sogenannte Markteffizienz in Frage stellt und damit auch viele Wissenschaftler in Erklärungsnot bringt. Mit einer simplen Anlagetechnik konnten Investoren auf Sicht von 107 Jahren nämlich deutliche Überrenditen erzielen: Indem sie nämlich stur auf Aktien setzten, die in der Vergangenheit deutliche Kursgewinne erzielten. Profis sprechen hier von einer Momentum-Strategie: Man wettet auf die Fortsetzung eines Trends. Die These: Läuft eine Aktie erst einmal gut an, dann wird diese Preisbewegung eine ganze Weile lang anhalten.

Wissenschaftler der London Business School untersuchten die globalen Aktienmärkte auf dieses Phänomen hin. Das Ergebnis: Wer zum Ende jeden Monats immer wieder die 20 Aktien kaufte, die auf Sicht der vergangenen zwölf Monate am besten abgeschnitten haben, steigerte seine Rendite um ein Vielfaches.

Simple Strategie

Bezogen auf den deutschen Aktienmarkt ergab sich in den Jahren 2000 bis 2007 eine Überrendite der besten 20 Aktien gegenüber den 20 schlechtesten von bemerkenswerten 39 Prozent jährlich. "Dieses Ergebnis ist rätselhaft, weil die Strategie so simpel ist und sie gleichzeitig höhere Renditen bringt als der gesamte Aktienmarkt", kommentierten die Autoren Elroy Dimson, Paul Marsh and Mike Staunton, die als anerkannte Profis auf dem Gebiet der langfristigen Börsendatenanalyse gelten und diese Ergebnisse in ihrem aktuellen Jahrbuch 2008 veröffentlichten.

Für den britischen Markt haben sie dieses Phänomen am ausführlichsten untersucht. Wer seit 1900 unter den 100 größten Aktien jeden Monat die 20 besten des vergangenen Jahres in sein Portfolio steckte, machte bis 2007 aus dem Einsatz von einem britischen Pfund 4,2 Millionen Pfund. Mit den 20 schlechtesten Aktien konnte der Investor nur 111 Pfund erzielen. Zum Vergleich: Das Portfolio mit den gesamten 100 größten britischen Aktien ergab bei einem Einsatz von einem Pfund 16923 Pfund - ebenfalls bezogen auf die letzten 107 Jahre.

Das Ergebnis dürfte Investoren bestärken, die mit ausgeklügelten Computerprogrammen auf die Fortsetzung oder das Ende von Aktienkurstrends wetten. Diese sogenannten Trendfolge-Fonds gewinnen immer mehr die Oberhand. Sie sind computergestützt. In den USA werden schon über 50 Prozent des Börsenhandels automatisiert ausgeführt. Der Mensch spielt hier bei der konkreten Kaufentscheidung an der Börse keine Rolle mehr.

Erhebliche Gebühren

Für den Privatanleger ist es allerdings schwierig, eine solche Strategie umzusetzen: Zum einen müsste er viel handeln - jeden Monat bis zu 20 Aktien kaufen und bis zu 20 verkaufen. Nur die Aktien, die sich in der Spitzengruppe halten konnten, bleiben im Depot. Das wären bis zu 40 Orders jeden Monat, was gehörig Gebühren kostet, aber unvermeidlich ist: Würde der Anleger nicht monatlich, sondern nur jährlich sein Portfolio mit den immer besten Aktien bestücken, wären die Vorteile dahin, so die Studie.

Problematisch wird die Strategie auch beim Platzen einer Blase, wie etwa im Jahr 2000. Anleger hätten sich mit diesem Momentumansatz noch eine ganze Zeitlang Technologieaktien ins Depot geholt, weil diese Papiere auf Sicht des dann relevanten Jahres 1999 angestiegen waren. Das Ergebnis wäre kurzfristig verheerend gewesen. Überhaupt können die Wertausschläge bei dieser Momentumstrategie sehr stark ausfallen. Langfristig allerdings zahlt es sich aus, so die Studie - auch wenn die Ursachen rätselhaft bleiben. "In einem gut funktionierenden Markt sollte eine solche simple Strategie nicht funktionieren", sagt Paul Marsh. Vielleicht kommt es ja so, dass die Publikation der Studie selbst das Ende der Erfolgsstrategie einläutet, denn auch hier dürfte gelten: Je mehr Investoren davon wissen, desto stärker wird die statistische Regelmäßigkeit verwässert.

© SZ vom 29.02.2008/mel
Zur SZ-Startseite