Finanzkrise trifft Dänemark Ein Land taumelt

Die Finanzkrise hat die dänische Wirtschaft viel härter getroffen als erwartet. Jetzt rutscht der Staat als erstes Land in Europa in die Rezession.

Von Gunnar Herrmann

Dänemark ist als erstes Land Europas in eine Rezession gerutscht. Laut den in dieser Woche veröffentlichten Wirtschaftsdaten schrumpfte das Bruttonationalprodukt (BNP) im ersten Quartal 2008 um 0,6 Prozent.

Bereits im vierten Quartal des Vorjahres war der Wert leicht gesunken. Die dänischen Banken wurden von der Entwicklung überrascht, mehrere Institute korrigierten nach Bekanntgabe der Zahlen ihre Wachstumsprognosen nach unten. Sie rechnen nun entgegen früherer Vorhersage bestenfalls mit einem Nullwachstum in diesem Jahr. Die Regierungspartei Venstre will der Entwicklung mit Steuersenkungen entgegenwirken.

Ursache für die Rezession sind unerwartet starke Rückgänge beim privaten Verbrauch und den Ausgaben der öffentlichen Hand. Neben hohen Sprit- und Lebensmittelpreisen hatten unter anderem steigende Kreditzinsen die Dänen zu Sparsamkeit gezwungen.

Arbeitskräfte - dringend gesucht

Mehrere Beobachter wiesen aber darauf hin, dass auch der frühe Ostertermin in diesem Jahr einen negativen Einfluss auf das Wachstum gehabt haben könnte. An Feiertagen wird nicht gearbeitet - und somit auch weniger produziert. Experten bezeichnen die Situation als besorgniserregend.

Die internationale Finanzkrise habe die dänische Wirtschaft viel härter getroffen als erwartet, kommentierte Steen Bocian, Chefvolkswirt des größten dänischen Geldinstituts Danske Bank. Die Nordea-Bank meint: "Eine große runde Null oder sogar eine leicht negative Entwicklung des BNP im Jahr 2008 ist sicher nicht mehr unwahrscheinlich".

Ganz überraschend kommen die neuen Zahlen jedoch nicht, denn nach einer Phase der Hochkonjunktur hatten eigentlich alle mit einer Flaute in Dänemarks Wirtschaft gerechnet. Bereits im vergangenen Jahr gab es entsprechende Warnungen, damals galt vor allem Arbeitskräftemangel als mögliche Ursache für gebremstes Wachstum.

Viele Branchen in Dänemark suchen händeringend nach Mitarbeitern, die Firmen rekrutieren nun auch im Ausland und nicht zuletzt in Deutschland. An dieser Situation hat sich bislang wenig verändert. In Dänemark herrscht nach wie vor nahezu Vollbeschäftigung, die Zahl der Erwerbstätigen erhöhte sich auch im ersten Quartal 2008 noch einmal kräftig um 22 000 Personen.

Zinspolitik folgt der EZB

Es wird allerdings erwartet, dass mit der Rezession nun auch die Arbeitslosigkeit wieder zunimmt. Insbesondere rechnen die Experten der Banken mit einem Einbruch in der Baubranche, da die Preise für Immobilien in den vergangenen Monaten gefallen sind.

Unter den politischen Parteien ist nach Bekanntgabe der Wachstumszahlen eine Debatte über Steuersenkungen ausgebrochen. Der Abgeordnete Peter Christensen forderte, die Rezession mit einer Senkung des Spitzensteuersatzes zu bekämpfen.

Christensen ist finanzpolitischer Sprecher der rechtsliberalen Partei Venstre, der auch Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen angehört. Die oppositionellen Sozialdemokraten nannten den Vorstoß "unverantwortlich", der Vorschlag werde zu Einschnitten bei den Sozialleistungen führen. Dem EU-Statistikbüro zufolge ist Dänemark das Land mit der größten Steuerlast in Europa. Eine Parlamentskommission arbeitet derzeit an einer Steuerreform.

Großen Einfluss auf die Entwicklung in Dänemark wird die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben. Zwar bezahlen die Dänen noch in Kronen, deren Wechselkurs zum Euro ist jedoch weitgehend fixiert. Die Kopenhagener Zentralbank folgt in ihrer Zinspolitik den EZB-Entscheidungen.