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Ein Jahr Kreditkrise:Das Ende einer Party

Vor einem Jahr rissen schlechte Nachrichten die Finanzwelt in die Krise: Mit dem Zusammenbruch von zwei Hedge-Fonds der Investmentbank Bear Stearns ging eine Hochphase abrupt zu Ende.

Nikolaus Piper

Niemand demonstriert die Stimmung in der Finanzwelt besser als Joshua Persky. Der 48-jährige Investmentbanker hatte bis vor einem halben Jahr einen gut bezahlten Job bei der kleinen Finanzfirma Houlihan Lokey in New York. Seither ist er arbeitslos.

Ende einer Party: Mit dem Niedergang von Bear Stearns ging eine Hochphase abrupt zu Ende.

(Foto: Foto: ddp)

Ende Juni fasste Persky einen ungewöhnlichen Beschluss: Er hängte sich ein Pappschild um mit der Aufschrift "Erfahrener MIT-Absolvent sucht Arbeit" (MIT steht für die angesehene US-Hochschule Massachusetts Institute of Technology).

Seither läuft Persky als Sandwichmann auf der vornehmen Park Avenue in Manhattan hin und her - wie einst die Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise. Einen Job hat er zwar noch nicht, dafür aber jede Menge Medien-Aufmerksamkeit.

Gewinner und Verlierer

Die globale Kreditkrise begann vor einem Jahr, als zwei Hedge-Fonds der bis dahin angesehenen Investmentbank Bear Stearns zusammenbrachen. Seither haben die Banken ungefähr 80.000 Arbeitsplätze gestrichen. Etliche Finanzinstitute sind verschwunden.

In den Vereinigten Staaten erwischte es zunächst einige der Übeltäter, jene Hypothekenbanken also, die mit oft fragwürdigen Methoden Kredite an Familien verkauften, die sich diese nicht leisten konnten. Verleiher wie Ameriquest und New Century mussten schließen; Countrywide, der größte Hausfinanzierer Amerikas, schlüpfte unter die Fittiche der Bank of America.

Die Welt der etablierten Banken hat sich in Gewinner und Verlierer geteilt. Fast unbeschädigt ist Goldman Sachs, der Star unter den Investmentbanken, durch die Krise gekommen. Auch die Deutsche Bank, Morgan Stanley und JP Morgan kann man, mit Einschränkungen, zu den Gewinnern zählen. Die Institute waren zwar ebenso zu Milliardenabschreibungen gezwungen, sie konnten aber im Wesentlichen ihren Kurs halten.

Die größten Verlierer der Krise sind Citigroup, Merrill Lynch und die Schweizer UBS. Alle drei haben ihr Management ausgetauscht, alle drei mussten zu ungünstigen Konditionen frisches Kapital aufnehmen, weil die Abschreibungen auf Hypothekenpapiere die Kapitalbasis weitgehend aufgezehrt hatten. Bei allen dreien ist noch nicht klar, wie ihr Geschäftsmodell künftig aussehen wird.

Allein Citigroup, nach den Umsätzen noch immer die größte Bank der Welt, hat seit Juli 2007 an der Börse zwei Drittel ihres Werts eingebüßt. Lehman Brothers, die viertgrößte der New Yorker Investmentbanken, hat fast drei Viertel an Wert verloren und muss sich jetzt Gerüchten erwehren, die Übernahme durch ein anderes Institut stehe unmittelbar bevor.

Fed setzt Steuergelder aufs Spiel

Ein besonderer Fall ist Bear Stearns, mit deren Problemen der offizielle Teil der Finanzkrise begonnen hatte. Die Investmentbank wurde im März in einer dramatischen Aktion von JP Morgan übernommen und so vor dem Zusammenbruch gerettet. Die Notenbank Fed machte den Kauf durch einen 30-Milliarden-Dollar-Kredit möglich.

Ein Einschnitt in der Finanzgeschichte: Erstmals seit der Weltwirtschaftskrise riskierte die Fed das Geld der Steuerzahler, um eine Bank zu retten. Dabei handelte es sich nicht einmal um ein besonders großes Institut - Bear Stearns war die kleinste der Investmentbanken -, aber es war in so viele komplexe Geschäfte involviert, dass die Experten für den Fall eines Zusammenbruchs trotzdem eine Kernschmelze des Finanzsystems fürchteten.

Nach der Rettungsaktion gab die Fed den Investmentbanken direkten Zugang zum Notenbankkredit, auch dies ein Tabubruch. Bisher konnten nur die streng regulierten Geschäftsbanken direkt bei der Fed borgen. Eine Konsequenz wird sein, dass Investmentbanken künftig wesentlich strenger reguliert werden. Wo genau die Regulierungspläne der Fed und des amerikanischen Finanzministeriums enden, ist bis jetzt noch nicht klar.

Im vergangenen Herbst hatten viele Börsianer noch gehofft, nach einer Welle von schlechten Zahlen im ersten Quartal werde das Schlimmste vorbei sein. Die Hoffnung hat getrogen. Vermutlich ist die Gefahr eines akuten Zusammenbruchs des Finanzsystems tatsächlich geringer geworden, dafür steht nun eine lange, schmerzhafte Anpassungskrise der Finanzbranche bevor. Bis jetzt hat sie etwa 250 bis 300 Milliarden Dollar faule Kredite abgeschrieben.

Eine Billion Dollar Verluste

Der New Yorker Professor Nouriel Roubini glaubt, dass damit erst ein Viertel der drohenden Verluste realisiert ist. Seine Schätzung, wonach Gesamtverluste von mindestens einer Billion Dollar drohen, gilt heute unter Experten längst nicht mehr als Außenseiterposition. Der Verfall der Immobilienpreise in den USA geht weiter, nicht nur zweitklassige, sondern zunehmend auch erstklassige Hypotheken werden notleidend. Verluste aus dem Geschäft mit Kreditausfall-Versicherungen (Credit Default Swaps) und mit Kreditkarten kommen dazu.

Mittelfristig müssen die Banken ihren Aktionären die Frage beantworten, wie sie künftig Geld verdienen wollen. Vor Ausbruch der Krise erwirtschaftete der Finanzsektor 40 Prozent aller Unternehmensgewinne in Amerika, aber nur 15 Prozent der Wertschöpfung.

Der Durchschnittsverdienst lag um 50 Prozent höher als im Rest der Wirtschaft. 1980 hatte dieser Aufschlag noch bei zehn Prozent gelegen, wie der New Yorker Professor Thomas Philippon errechnete. Die Ausnahmestellung war gerechtfertigt durch eine Welle von Innovationen im Finanzsektor.

In jüngster Zeit konnten die Banken jedoch nur noch dadurch ihre Position halten, dass sie immer höhere Risiken eingingen. Die Krise hat gezeigt, dass sie diese Risiken nicht mehr beherrschten.

Ein neues Geschäftsfeld, auf dem sich die immensen Gewinne der vergangenen Jahre wiederholen ließen, ist nicht in Sicht. Vermutlich müssen sich die Banken auf Normalmaß gesundschrumpfen.

© SZ vom 10.07.2008/jpm/tob
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