Effizienz Einfach gut

Komfort ohne Hightech: Wie das geht, zeigt das würfelförmige Bürohaus in Lustenau bei Bregenz, das sich das Architekturbüro Baumschlager Eberle gebaut hat.

(Foto: Norbert Prommer/Wienerberger Ziegelindustrie GmbH)

Um den Energieverbrauch zu senken, werden Häuser mit viel und teurer Technik ausgestattet. Dabei können Bauherren oft auch mit traditionellen Mitteln viel erreichen.

Von Ralph Diermann

Zum Beispiel das ökologisch vorbildhafte Neunparteienmietshaus in Brütten bei Zürich, das im vergangenen Sommer fertiggestellt wurde: Dach und Fassaden sind mit Fotovoltaikmodulen belegt, im Keller stehen eine Brennstoffzelle, ein Batteriespeicher und eine Wärmepumpe. Eine ausgefeilte Steuerung organisiert deren Zusammenspiel - eine grüne Hightech-Leistungsschau.

Auch wenn das Haus in der Schweiz ein extremes Beispiel ist, steht es doch für einen Trend, der bei Ein- und Mehrfamilienhäusern genauso zu beobachten ist wie bei Bürogebäuden: Mit dem Streben nach Klimaschutz und Energieeffizienz hält mehr und mehr Technik Einzug in die Neubauten. Die automatische Be- und Entlüftung etwa gehört schon fast zum Standard, ebenso Kombiheizungen wie Gaskessel plus Solarthermie. Wohnhäuser der oberen Preisklasse werden immer häufiger mit Smart-Home-Elementen wie Heizkörper- oder Rollladen-Steuerungen ausgestattet. Am höchsten ist der Grad der Technisierung aber im Bürosegment. Kaum ein neues Gebäude kommt mehr ohne eine selbsttätige Regulierung von Heizung, Klimatisierung und Verschattung aus.

Die technische Aufrüstung hat einiges dazu beigetragen, dass sich die Klimabilanz im Neubau heute sehen lassen kann. Doch der Fortschritt hat seinen Preis - die Technik macht das Bauen teurer. Weitere Kosten entstehen beim Betrieb der Gebäude, da die Anlagen gewartet und repariert werden müssen. Dazu kommt, dass sie nur dann Energie sparen, wenn die Nutzer mitspielen. Das ist jedoch längst nicht immer der Fall. So berichten Wohnungsbaugesellschaften, dass automatische Lüftungsanlagen in der Praxis nicht die erwarteten Einsparungen bringen, weil viele Mieter zum Lüften lieber die Fenster öffnen, anstatt sich auf die Anlagen zu verlassen.

"Nur dumme Gebäude brauchen künstliche Intelligenz."

"Mit der Technisierung sind die Häuser deutlich komplexer geworden", sagt Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und Bauklimatik an der TU München. Das bringe Probleme mit sich, etwa was die Abstimmung der einzelnen Komponenten aufeinander betreffe. "Die Gebäude tun dann mitunter Dinge, die der Nutzer gar nicht will." Für Auer ist das aber kein Grund, die technische Aufrüstung pauschal abzulehnen. "Wir müssen hier das richtige Maß finden", erklärt der Wissenschaftler.

Wolfgang Streicher von der Universität Innsbruck geht noch einen Schritt weiter. "Wir sollten Gebäude möglichst wenig technisieren", meint der Professor für Energieeffizientes Bauen. "Clevere Lösungen kommen mit wenig oder gar keiner Elektronik aus. Nur dumme Gebäude brauchen künstliche Intelligenz." Er fordert, mit einer integrierten Planung die heute oft entkoppelten Disziplinen Architektur und Technik zusammenzubringen. "Schon beim ersten Entwurf muss berücksichtigt werden, was diese oder jene bauliche Variante für die Behaglichkeit, den Energiebedarf und die Gebäudetechnik bedeutet."

Energieeffizienz ohne Technik? Streicher nennt die Anordnung der Fenster als Beispiel: Nach Süden hin sollten sie relativ groß sein, sodass sie im Winter Sonnenwärme hinein lassen. Das entlastet die Heizung. Steht im Sommer die Sonne höher am Himmel, können Dachüberstände verhindern, dass sich die Räume mittags allzu sehr aufheizen. Im Westen und Osten dagegen sind kleinere Fenster sinnvoll. Denn im Sommer scheint die Sonne morgens und abends direkt in die Zimmer, sodass es dort schnell zu warm werden kann. Ein anderes Beispiel ist die Nachtkühlung. "Wenn man nachts die Fenster öffnet, kann man die Temperaturen auch ohne Klimaanlage deutlich reduzieren", sagt Streicher. Allerdings ist dann ein Schutz vor Schlagregen und Einbrechern nötig. Ideal geeignet seien zum Beispiel die traditionellen Holz-Fensterläden mit Lamellen. Sie lassen Luft herein, halten aber Regen und Diebe draußen. "Dieses Prinzip kann man natürlich auch für moderne Verschattungssysteme nutzen", erklärt Streicher.

Ob der Verzicht auf Hightech mit einem Komfortverlust verbunden ist, werden die Nutzer von Gebäuden abhängig von individuellen Vorlieben und Technikaffinität wohl unterschiedlich beurteilen. Klar ist jedoch: Auch mit einfachen Instrumenten lassen sich die gegenwärtigen und auch künftig gültigen gesetzlichen Vorgaben für den Energiebedarf von Gebäuden erfüllen. Das zeigt das sechsgeschossige, würfelförmige Bürohaus in Lustenau bei Bregenz, das sich das weltweit tätige Architekturbüro Baumschlager Eberle als Zentrale gebaut hat - quasi der Lowtech-Gegenentwurf zum Hightech-Haus bei Zürich. Geheizt wird das Gebäude allein durch Sonneneinstrahlung und die Wärme, die die Mitarbeiter und die technischen Geräte abstrahlen. Die 76 Zentimeter dicken Ziegelwände halten die Energie im Haus. Zugleich dienen sie zusammen mit den Betonböden und -decken als thermische Speicher, die Temperaturschwankungen ausgleichen. "Die Massen halten die Temperatur konstant und tragen so zu einem angenehmen Klima bei", sagt Architekt Dietmar Eberle.

Das Lüften erfolgt über einfache Klappen in den Fenstern, die von Elektromotoren - dem einzigen technischen System des Gebäudes - geöffnet und geschlossen werden. Sie reagieren auf Signale von Sensoren, die laufend den CO2-Gehalt der Raumluft messen. Das sichert die Luftqualität, ohne dass unnötig viel Wärme über die Fenster entweicht. In Sommernächten bleiben die Fensterklappen geöffnet, um die Speichermassen auszukühlen. Die ungewöhnliche Raumhöhe von 3,36 Metern ermöglicht eine gute Luftzirkulation - und, in Verbund mit hohen Fenstern, eine optimale Verteilung des Tageslichts im Innern. Bis zu sieben Monate im Jahr kommen die Mitarbeiter laut Eberle daher ganz ohne künstliche Beleuchtung aus.

"Die moderne Technik ist an ihre Grenzen gekommen, was Energieeinsparung und Komfortgewinn betrifft", begründet Eberle den weitgehenden Verzicht auf Gebäudetechnik. Statt auf Hightech habe man daher lieber auf empirisches, in vielen Jahrhunderten gewachsenes Wissen über standortangepasstes Bauen zurückgegriffen. "In den vergangenen Jahrzehnten ist so viel davon verloren gegangen. Wir versuchen, das wieder zu aktivieren und auf moderne Gebäude zu übertragen", sagt der Architekt.