Drama an der Wall Street:Geld, Gier, Angst

Der Lehman-Konkurs erschüttert die Wall Street. Lange wurde um die Rettung der Bank gerungen. Doch am Ende lässt die Politik die Finanzwelt allein. Das Protokoll eines Absturzes.

Nikolaus Piper, New York

Am Sonntagabend ist der Finanzdistrikt Manhattans ausgestorben wie immer um diese Zeit. Es ist ungewöhnlich schwül für die Jahreszeit, gegen 19 Uhr meldet der Wetterdienst immer noch 27 Grad Celsius und bedrückende 76 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eine Gruppe verschwitzter Touristen hat sich in die unansehnliche und etwas heruntergekommene Nassau Street verirrt, eine Joggerin rennt durch die Straßenschlucht zur Börse, der New York Stock Exchange, hinüber. Nichts deutet darauf hin, dass hier soeben die Wall Street und das gesamte Finanzsystem der Vereinigten Staaten in den Grundfesten erschüttert wurden. Man muss schon genauer hinschauen, um Indizien für die Dramatik der Lage zu entdecken.

Drama an der Wall Street: Krisentag 15. September 2008: Die US-Bank Lehman Brothers steht vor dem Aus.

Krisentag 15. September 2008: Die US-Bank Lehman Brothers steht vor dem Aus.

(Foto: Foto: AP)

In der Federal Reserve Bank of New York, einer Trutzburg im Stile eines italienischen Renaissance-Palazzos, brennt überall noch Licht. Vor dem Hintereingang in der Maiden Lane warten ein paar Journalisten und ein Kamerateam, ein schwarzer Lincoln rollt aus der Tiefgarage, aber es ist nicht zu erkennen, wer hinter den getönten Scheiben sitzt. Hier haben gerade die wichtigsten Leute des amerikanischen Finanzsystems eine Entscheidung getroffen, deren Konsequenzen in diesem Moment noch niemand überblicken kann.

Nichts ist mehr, wie es war

Nach Verhandlungen, die sich über das ganze Wochenende hinzogen, beschlossen Finanzminister Hank Paulson, Notenbank-Chef Ben Bernanke, der Präsident der New Yorker Federal Reserve Bank, Timothy Geithner, und die Chefs der wichtigsten Banken der USA, Lehman Brothers, eine 158 Jahre alte Investmentbank mit 25.000 Mitarbeitern in Konkurs gehen zu lassen. Eine zweite Investmentbank, Merrill Lynch, wird komplett an die Bank of America verkauft.

Und plötzlich ist an der Wall Street nichts mehr wie es war. Die Stadt scheint den Atem anzuhalten vor dem großen Sturm, den jeder am anderen Morgen befürchtet, wenn die Börsenhändler mit der Arbeit beginnen.

Weiter nördlich, in Midtown Manhattan, ein ganz anderes Bild. Vor der Zentrale von Lehman Brothers in der siebten Avenue haben sich Menschentrauben gebildet: Schaulustige, vor allem aber Mitarbeiter von Lehman. Viele wissen nicht, ob sie am anderen Morgen noch einen Arbeitsplatz haben werden. Allen ist aber eines klar: Dass sie einen großen Teil ihres Vermögens verlieren werden. Lehman Brothers Aktien befinden sich zu fast 30 Prozent in den Händen der Belegschaft, etliche Angestellte haben einen Großteil ihrer Altersvorsorge in die eigene Firma gesteckt.

Tragödie beginnt in Seoul

Einige holen sich jetzt persönliche Gegenstände von ihren Schreibtischen. Ein junger Mann in T-Shirt und kurzen Hosen balanciert einen schweren Pappkarton in ein Taxi. "Dass es so weit kommen musste", sagt ein anderer mit brüchiger Stimme. "Es ist eine Tragödie."

Die Tragödie von Lehman, genauer: deren letzter Teil, hatte am Montag voriger Woche in Seoul begonnen. In der koreanischen Hauptstadt scheiterte der Versuch von Bankchef Richard Fuld, die koreanische Entwicklungsbank KDB zu einer Beteiligung an Lehman zu bewegen. Tags darauf bricht an der Wall Street der Aktienkurs um 45 Prozent ein, der schwerste Absturz in der Geschichte. Es ist klar, dass es bei der Bank jetzt um Sein oder Nichtsein geht. Am Mittwoch unternimmt Fuld einen letzten Versuch, den Zusammenbruch abzuwehren. Er legt vorläufige Quartalszahlen und ein Konzept zur radikalen Schrumpfung von Lehman vor. Am Donnerstag verliert die Aktie noch einmal 42 Prozent, am Freitag 13,5 Prozent.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Lehman-Chef Fuld einen letzten verzeifelten Versuch unternimmt, die Bank zu retten - und warum die Rettungsaktion für die Bank schließlich doch scheitert.

Geld, Gier, Angst

Es ist klar, dass niemand mehr an Lehman glaubt und die Bank daher als unabhängiges Institut keine Zukunft mehr hat. Richard Fuld sucht jetzt nach einem Käufer, der Lehman komplett übernimmt. Doch mittlerweile hat die Krise eine ganz andere, viel gefährlichere Dimension angenommen - die erkennt am Freitag aber nur, wer den Kurszettel der New York Exchange genau studiert. An dem Tag ist nicht nur die Aktie von Lehman eingebrochen, sondern auch die des Konkurrenten Merrill Lynch um 12,3 Prozent, vor allem aber die des größten Versicherungskonzerns der Welt, AIG, um mehr als 30 Prozent. Offensichtlich gibt es an den Finanzmärkten eine Lawine, die nur darauf wartet, losgetreten zu werden.

Jetzt greift die amerikanische Regierung ein. Finanzminister Paulson, Notenbank-Chef Bernanke und dessen New Yorker Statthalter Geithner laden 30 Bankchefs für 18 Uhr zu einem Krisengipfel in den Fed-Palast nach Manhattan ein. Geithner soll, so berichtete das Wall Street Journal, die Banker begrüßt haben mit den Worten: "Es gibt keinen politischen Willen, Lehman mit Staatsmitteln zu retten. Also kommen Sie morgen wieder und stellen Sie sich darauf ein, dass sie etwas tun müssen."

Kettenreaktion verhindert

Paulson, Bernanke und Geithner haben sich zu einem riskanten Kurs entschlossen: Anders als bei der Rettung der Investmentbank Bear Stearns im März wollen sie einen Staatskredit verweigern und die Wall Street zur Selbsthilfe zwingen.

Dieser Beschluss ist, bei allen seinen Gefahren, sehr gut begründet: Würde die Regierung schon wieder nachgeben, dann könnte sich jede Finanzinstitution darauf einstellen, dass ihr Washington notfalls aus der Patsche hilft. Die Disziplin an der Wall Street und die Glaubwürdigkeit von Finanzministerium und Notenbank wären vollends verloren. Und die drei Männer können darauf bauen, dass die Banken ein Eigeninteresse an einer Lösung haben. Sie alle sind durch Milliarden-Geschäfte mit Lehman verbunden und wären schwer getroffen, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten. Eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Konsequenzen wäre die Folge.

Am Samstag um neun Uhr tritt der Krisengipfel erneut zusammen. Jetzt sind gut 100 Experten in das Gebäude der Fed gekommen, um einzelne Modelle für die Rettung von Lehman zu diskutieren. Das am meisten Erfolg versprechende sieht so aus: Entweder die britische Barclays-Gruppe oder die Bank of America, ein Institut, das die Krise bisher einigermaßen glimpflich überstanden hat, übernimmt die guten Teile der Bank, der Großteil der faulen Kredite wird in eine so genannte "Bad Bank" gesteckt, deren Kapital andere Wall-Street-Banken in einer Gemeinschaftsaktion bereitstellen.

Barclays springt ab

Das Problem: Beide Institute verlangen staatliche Garantien, was das Finanzministerium ablehnt. Gegen Mittag scheidet die Bank of America aus dem Bieterverfahren aus. Die Gipfelteilnehmer gehen in eine Pause, deren Dienstwagen verursachen in den kleinen Straßen rund um die Fed ein Verkehrschaos. Am Nachmittag laufen die Verhandlungen schlecht, erstmals wird ein möglicher Bankrott von Lehman diskutiert.

Am Sonntagmorgen ist immer noch Barclays im Spiel. Aber auch die Briten wollen Staatsgarantien, außerdem wollen sie eine Hauptversammlung abhalten, ehe sie einem Deal definitiv zustimmen können - wozu angesichts der gefährlichen Lage keine Zeit mehr ist. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Kurz nach 14 Uhr verlassen die Vertreter Barclays die Verhandlungen. Zunächst spekulieren noch einige, dass es sich dabei nur um ein taktisches Manöver handeln könne, doch bald steht fest, dass es die Briten ernst meinen. Das Aus für Lehman ist jetzt unausweichlich.

Lesen Sie im dritten Teil, wie die Wall Street langsam die Dimension der Krise begreift - und wie die weltweiten Finanzmärkte auf den Kollaps von Lehman Brothers reagieren.

Geld, Gier, Angst

Drama an der Wall Street: Aus für die Traditionsbank Lehman Brothers: "Es gibt keinen politischen Willen, Lehman mit Staatsmitteln zu retten."

Aus für die Traditionsbank Lehman Brothers: "Es gibt keinen politischen Willen, Lehman mit Staatsmitteln zu retten."

(Foto: Foto: AFP)

Um 16.23 meldet das Wall Street Journal auf seiner Internet-Seite die nächste Sensation: Die Bank of America verhandele mit Merrill Lynch wegen einer Übernahme. Zwanzig Minuten später wird bekannt, dass die Versicherung AIG wichtige Teile ihres Geschäfts verkaufen wird, um an dringend notwendiges Kapital zu kommen. Um 20.53 Uhr wird der Verkauf von Merrill besiegelt. Eine Gruppe großer Banken, darunter die Deutsche Bank, stellt eine Kreditlinie bereit, um die Abwicklung von Wertpapieren aus Lehman-Beständen in dreistelliger Milliardenhöhe zu erleichtern.

Inzwischen beginnt der Rest der Finanzwelt, die Dimension der Neuigkeiten zu begreifen: An einem einzigen Tag haben zwei große Investmentbanken als unabhängige Unternehmen aufgehört zu bestehen. Die Zeit dieser einst so stolzen Meister des großen Geldes geht zu Ende. Und die Wall Street muss nun gegen die Nebenfolgen des Lehman-Konkurses Vorsorge leisten.

Bloomberg bleibt in New York

Es findet eine zweistündige Sondersitzung von Händlern von Swaps und anderen komplizierten Wertpapieren statt. Sinn dieser merkwürdigen Notsitzung ist es, allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, schon einmal vorsorglich Lehman-Papiere abzuwickeln, auf dass der Schock begrenzt bleibe. Manager, Analysten und Rechtsanwälte eilen zu ihren Arbeitsplätzen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Manche sind am Rande der Panik. "Ich habe mehr Angst, als ich es nach dem 11. September hatte", sagt eine junge Finanzmanagerin, die ihren Namen nicht genannt wissen will. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte zeitweise eine Panik an den Finanzmärkten gedroht.

Mel Immergut, Seniorpartner von Milbank, einer der angesehensten Anwaltskanzleien des Finanzdistrikts, zieht einen anderen Vergleich: "Das ist Long Term Capital mal fünf." Der Zusammenbruch des Hedgefonds Long Term Capital hatte 1998 ebenfalls beinahe zu einer globalen Krise des Finanzsystems geführt. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ließ mitteilen, dass er einen lange geplanten Besuch bei dem kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger abgesagt hat und lieber in der Stadt bleiben will.

Die große Frage an diesem Abend ist: Was passiert, wenn die Börsen öffnen, wird es eine Panik geben? Die ersten Nachrichten aus Asien sind schlecht, aber nicht katastrophal. Die Börsen in Australien, Neuseeland, Malaysia und auf den Philippinen verlieren zwischen einem und drei Prozent. Schanghai, Tokio und Hongkong haben wegen eines Feiertags geschlossen. In Europa sieht die Lage dann schon bedrohlicher aus: Der Dax in Frankfurt verliert zeitweise über vier Prozent und fällt unter seinen Jahrestiefststand.

Panik bleibt aus

In den USA teilt Lehman am Montagmorgen, kurz nach sechs Uhr, mit, Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des amerikanischen Konkursrechts beantragt zu haben. Das ist eine etwas leichtere Form des Konkurses, die dem Management weiterhin die Kontrolle über wesentliche Teile des Geschäfts belässt. Wichtige Tochterfirmen, vor allem die, die mit den Wertpapieren und Vermögen der Kunden handeln, sind von dem Konkurs nicht betroffen und können normal weiter arbeiten - eine wichtige Maßnahme, um die Finanzmärkte zu beruhigen.

Um 10.30 Uhr beginnt der Handel an der New York Stock Exchange. Die Eröffnungsglocke wird an diesem Morgen vom Management der Hotelkette Sheraton gedrückt, was angesichts der Lage merkwürdig verharmlosend wirkt. Der Dow Jones verliert 300 Punkte, eine scharfe Korrektur, aber die Panik ist ausgeblieben. Gegen Mittag sieht es so aus, als sei die Wette von Finanzminister Paulson aufgegangen: Lehman ist auf ordentliche, kontrollierte Weise pleite gegangen. Vorerst jedenfalls.

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