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Datendiebstahl:Millionenklau bei Goldman

Ein Computerexperte soll Daten entwendet und an die Konkurrenz weitergereicht haben. Goldman Sachs spricht vom schwersten Diebstahl in der Geschichte des Instituts.

Sergey Aleynikov hatte seinen neuen Arbeitsvertrag schon ausgehandelt. 1,15 Millionen Dollar jährlich sollte er bei der jungen Investmentfirma Teza Technologies verdienen, fast dreimal mehr als bei seinem bisherigen Arbeitgeber, der US-Investmentbank Goldman Sachs. Doch als Aleynikov im Juni 2009 von einer Besprechung mit Teza in Chicago nach New York zurückkehrte, wurde er am Flughafen Newark verhaftet.

Goldman Sachs, Foto: dpa

Der US-Bank Goldman Sachs wurden Programmcodes für ein elektronisches Handelssystem geklaut. Goldman Sachs spricht vom schwersten Fall von Diebstahl in ihrer Geschichte.

(Foto: Foto: dpa)

Jetzt, ein halbes Jahr später, haben US-Bundesstaatsanwälte Anklage gegen ihn erhoben - wegen des Diebstahls von Handelsgeheimnissen, Datenschmuggels und unauthorisierten Zugriffs auf Unternehmenscomputer. Aleynikov drohen bis zu 25 Jahre Haft.

Der 40-Jährige soll Programmcodes für den computerisierten Hochfrequenzhandel bei Goldman Sachs gestohlen und sie unter anderem auf einem Großrechner in Deutschland geparkt haben.

Die gestohlenen Daten habe er dafür verwenden wollen, Teza beim Aufbau eines eigenen Hochfrequenzhandelssystems zu helfen, vermutet die Staatsanwaltschaft.

Der Wert der Codes wird auf mehrere Millionen Dollar beziffert. Die Investmentbank Goldman Sachs spricht vom schwersten Fall von Diebstahl in ihrer Geschichte. Der Angeklagte bestreitet nicht, Daten von Firmencomputern heruntergeladen zu haben. Allerdings habe er nur seine eigene Arbeit sichern wollen.

Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens wirft die Klage Licht auf die obskuren Geschäftspraktiken an der Wall Street. In den vergangenen Jahren hat der Hochfrequenzhandel massiv an Bedeutung gewonnen. Dabei setzen Investmentfirmen leistungsfähige und extrem schnelle Großcomputer ein, die so programmiert sind, dass sie Kursbewegungen auf mehreren Märkten verfolgen, Trends erkennen - und dann Aktien oder Wertpapiere kaufen und verkaufen, bevor gewöhnliche Investoren auch nur mit ihrer Maus klicken können.

Es ist ein Handel im Millisekunden-Rhythmus, der denen, die sich die teuren Großrechner leisten können, hohe Profite verspricht. Experten schätzen, dass inzwischen 70 Prozent der Börsenumsätze mit Hochfrequenzgeschäften erzielt werden. Kritiker beklagen ein regelrechtes Computerwettrüsten zwischen Investoren, das letztlich allen schade.

Außerdem seien Kleinanleger massiv benachteiligt, da sie keinen Zugriff auf leistungsfähige Handelsprogramme haben. Banken wie Goldman verteidigen ihre Handelsstrategie: Sie schaffe die Liquidität, die moderne Märkte bräuchten, um Käufer und Verkäufer zusammenzubringen.

SEC schaltet sich ein

Doch inzwischen hat auch die Börsenaufsicht SEC Zweifel am Nutzen der vollautomatischen Blitzorder. Sie will Banken verbieten, Großkunden ihre superschnellen Handelsplattformen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig will die Regierung in Washington Geschäftsbanken untersagen, auf eigene Rechnung mit Aktien und Wertpapieren zu spekulieren. Sollten die Vorhaben umgesetzt werden, dürfte der Boom des Hochfrequenzhandels bald vorbei sein. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Die Finanzreform steckt im Senat fest.

In der Zwischenzeit wird an der Wall Street das Rennen um die schnellsten Rechner weitergehen. Und nicht nur dort: Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass Unbekannte die Daten abgefangen haben, die Aleynikov nach Deutschland geschleust hat. Die Missbrauchsmöglichkeiten seien enorm und stellten im schlimmsten Fall sogar eine Gefahr für das US-Finanzsystem dar.

© SZ vom 13.02.2010/jcb/hgn

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