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Bauhaus:"Nichts drauf und nichts dran"

Einfach, günstig und doch spektakulär: die erste Bauhaustapetenkollektion von 1930.

(Foto: Rasch/OH)

Tapeten galten einst als Luxus. Dann brachte das Bauhaus mit der Firma Rasch bezahlbare Kollektionen heraus. Eine Ausstellung zeigt, wie es mit der Volkstapete weiterging.

Volksbedarf statt Luxusbedarf - das war das Motto von Hannes Meyer, ab 1928 Nachfolger von Walter Gropius als Leiter des Bauhauses in Dessau. Die unter Meyer an der staatlichen Bauhausschule entwickelten Architekturkonzeptionen und Einrichtungsgegenstände sollten das Leben nicht vermögender Menschen verbessern, ein günstiger Preis war dafür die Voraussetzung. Das Streichen der Wände wurde damals als preiswerteste Möglichkeit zur Innengestaltung angesehen. Die verbreiteten ornamentreichen Tapeten mit großen floralen Mustern standen im Widerspruch zur Idee eines Bauens und Wohnens, das auf Schnörkel verzichtet. Tapeten galten als Luxusgut, die nicht in die von Meyer propagierten Volkswohnungen passten.

Für den 1861 gegründeten Tapetenhersteller Rasch ein Grund zur Beunruhigung. "Ich ahnte instinktiv, dass in Dessau die größte Gefahr für unsere Branche heranwuchs und dachte mir, wenn es gelänge, unseren Hauptgegner zu veranlassen, eine Kollektion unter seinem Namen herauszugeben, so würde eine solche Tatsache das wirkungsvollste Signal zu einem Stimmungswandel unter den Tapetengegnern sein", so Emil Rasch damals. Ein Satz, der sich in der aktuellen Ausstellung "Bauhaustapete - neu aufgerollt" im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück findet.

Erzählt wird dort die Geschichte eines Massenproduktes: Nachdem Rasch den Bauhausleiter davon überzeugt hatte, dass die Tapete nicht teurer sein muss als ein Anstrich, schlossen die beiden im März 1929 einen Vertrag. Danach war das Bauhaus, das an den Verkaufserlösen beteiligt wurde, für die Entwürfe und Kolorierung der Tapeten zuständig, hergestellt wurden sie in Raschs Tapetenfabrik in Bramsche bei Osnabrück. Unter der Regie von Hinnerk Scheper, Leiter der Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus, kolorierten Bauhausschüler in Bramsche die Tapeten direkt an den Leimdruckmaschinen. So entstand die erste Bauhaustapetenkollektion mit 14 unterschiedlichen, sehr dezenten Mustern in 145 Farbvariationen. Das Ergebnis waren einfarbige Tapeten in gebrochenen Pastelltönen. Keine Blumen oder andere großflächige bunte Verzierungen, sondern kleine Karos oder ganz feine Striche. Meyer war begeistert, in der Tapetenbranche und bei Architekten stießen solche Tapeten dagegen auf starke Ablehnung. "Nichts drauf und nichts dran", so das Urteil der Fachleute.

Kleine Karos statt großer Verzierungen - bei Architekten stieß das auf Ablehnung

In der Ausstellung finden sich neben Tapetenmusterbüchern, Briefwechseln, Fotos und eingespielten Interviews auch viele Anzeigen für die Bauhaustapete - Rasch investierte in eine bis dahin beispiellose Werbekampagne und verschickte großflächig Musterhefte mit Originaltapetenabschnitten an Architekten. Zugleich wurde bei der unter der Leitung von Gropius und Otto Haesler erbauten Siedlung in Karlsruhe-Dammerstock die Bauhaustapete eingesetzt und der Öffentlichkeit erstmals präsentiert. Auch im Grassimuseum Leipzig wurde 1929 die Kollektion vorgestellt, für die Ausstellung in Osnabrück wurden einige Grassi-Wände mit einer Bauhaustapete in dezentem Gelb nachgebaut.

Mit der Zeit änderte sich die Stimmung, Tapeten wurden beliebter. Dabei spielte neben dem günstigen Preis auch eine Rolle, dass die Tapeten durch ihre Schlichtheit gut zum Mobiliar passten und die engen Räume nicht durch großformatige Muster erdrückt wurden. Innerhalb kurzer Zeit wurden sechs Millionen Rollen der Bauhaustapete verkauft - ein großer Erfolg für die Firma Rasch, während andere Tapetenhersteller unter der allgemeinen Wirtschaftskrise litten.

1932 beschloss der nationalsozialistisch dominierte Dessauer Gemeinderat das Aus für das Bauhaus in Dessau. Der damalige Leiter Ludwig Mies van der Rohe versuchte das Bauhaus in Berlin weiterzuführen, wobei er auf die Lizenzeinnahmen aus der Bauhaustapete setzte. Doch im April 1933 besiegelten die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten das Ende für das Bauhaus. Rasch konnte von Mies van der Rohe die Markenrechte für die Bauhaustapete erwerben. Bis heute bleibt erstaunlich, dass Rasch damals die Rollen weiter unter dem Namen Bauhaustapete herstellen und verkaufen durfte - wurde das Bauhaus von den Nazis doch als bolschewistisch diffamiert.

Auch dieser Frage ist in der Ausstellung ein Kapitel gewidmet. Rasch suchte demnach die Unterstützung des NS-Kulturfunktionärs Paul Schultze-Naumburg, der entscheidend zur Schließung des Dessauer Bauhauses beigetragen hatte. Rasch widmete Schultze-Naumburg mit der Weimar-Tapete eine eigene Kollektion - Schultze-Naumburg war Leiter der staatlichen Kunsthochschule Weimar, die am Gewinn des Tapetengeschäfts beteiligt wurde. So gab es bei Rasch ab Mitte der Dreißigerjahre drei Kollektionen, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.

Die Bauhaustapete, die ohne Beteiligung der Bauhausschüler mit ihren nun kräftigeren Prägungen und gröberen Mustern etwas von ihrer einstigen Charakteristik verloren hatte, erzielte Mitte der Dreißigerjahre ihre höchsten Verkaufszahlen. Sie war wegen der geringeren Zahl der Farbtöne etwas günstiger als die Weimar-Tapete, die viele Parallelen zur Bauhaustapete aufwies. Zudem gab es die teurere May-Tapete der Textildesignerin Maria May mit Blättern, Ranken und Blütenzweigen.

Auch nach dem Krieg blieb die Bauhaustapete im Programm. Da Unitapeten immer seltener gefragt waren, veränderte sie zunehmend ihren Charakter, zum Beispiel mit mittelgroßen stilisierten Blümchen, die - angesichts der sich ausbreitenden Wirtschaftswunderstimmung - einen heiteren Eindruck vermitteln sollten. Darüber beklagte sich Hinnerk Scheper bei Rasch, der sich damit rechtfertigte, dass man den "Bedürfnissen des Durchschnittskäufers nahe zu bleiben" habe. Gleichzeitig beauftragte Rasch Scheper mit dem Entwurf für die neue Kollektion Interbau, bei der Scheper "ohne Rücksicht auf den Publikumsgeschmack" für die erste Nachkriegs-Bauausstellung im Berliner Hansaviertel 1957 Tapeten entwerfen durfte.

Bis heute fertigt Rasch - das Unternehmen wird bereits in fünfter Generation geführt - die Bauhaustapete, die neueste Kollektion ist in Osnabrück zu sehen. Zum Bauhausjubiläum will man wieder "Tabus" brechen, wie Geschäftsführer Frederik Rasch sagt. Damit meint er eine Tapete mit dezenten Mustern, zum Teil einst von Walter Gropius und seinen Schülern entworfen, die überstrichen werden muss. Dafür hat eine Partnerfirma von Rasch 72 Farbtöne hergestellt, die die historischen Bauhausfarben als Grundlage haben.

"Das heutige Bauhaus ist zu einer elitären Idee mutiert, die wenig mit der Idee von Meyer zu tun hat", sagt Rasch. Die neue Bauhauskollektion kostet pro Rolle etwa 70 Euro und wird über den Fachhandel verkauft, während die günstigsten Raschtapeten bereits ab 15 Euro im Baumarkt zu haben sind - also wieder Luxus- statt Volksbedarf. Warum hat Rasch zum Jubiläum nicht die ersten Bauhaustapeten wieder aufgelegt? "Damals war dieser Look neu und begehrt, heute würden wir damit scheitern", ist Rasch überzeugt. Die Ausstellung bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Information und Produktwerbung, erzählt aber ein spannendes Stück Kulturgeschichte anschaulich und durchaus unternehmenskritisch, und sie stellt dabei mit einer Wandarbeit von Tobias Rehberger auch einen Bezug zur modernen Kunst her.

Heute wird in Deutschland weniger tapeziert. Der Mengenumsatz der deutschen Tapetenindustrie ist 2018 gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent gesunken. "Das liegt zum einen an veränderten Grundrissen mit weniger Wänden. Zudem wird in Neubauten überwiegend gestrichen", sagt Karsten Brandt, Geschäftsführer des Deutschen Tapeteninstituts. Bei den Tapezierern sieht er zwei gegenläufige Trends: Durch die leicht abziehbaren Vinyltapeten, deren Anteil heute bei 80 Prozent der verkauften Tapeten liege, habe sich die Tapete zu einem Modeartikel entwickelt, der mit einer besonderen Optik alle drei bis vier Jahre ausgetauscht werde. Bei den Tapeten mit herkömmlichen Mustern habe sich der zeitliche Abstand bis zum Neutapezieren dagegen verlängert.

Die Ausstellung "Bauhaustapete - neu aufgerollt" ist bis zum 8. Dezember im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 11-18 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 10-18 Uhr. Den zur Ausstellung erschienenen Katalog mit vertiefenden Aufsätzen und zahlreichen Abbildungen gibt es im Buchhandel (ISBN 978-3-89946-287-6) für 29,90 Euro oder über museum@osnabrueck.de für 34,90 Euro.