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Architektur:Grausame Idylle im Kinderzimmer

Lernen von den Teletubbies: Wie Kinder Architektur entdecken.

Dachflächen von Puppenhäusern sind üblicherweise rot und geneigt, manche haben dekorativ aufgesetzte Schornsteine und Dachgauben mit Sprossenfenstern, Kugeln auf geschwungenen Zwerggiebeln oder gedrechselte Holzgeländer.

Noch individueller wirken solche Häuser allerdings mit blauen Dachflächen, so blau vielleicht wie die glasierten Dachziegel unzähliger schmucker Vorstadtvillen und mindestens so extravagant wie das immer wieder unmittelbar vor der Tagesschau stolz einem Millionenpublikum präsentierte "Traumhaus" der ARD-Fernsehlotterie im Wert von einer unglaublichen Million Euro.

Idyllische Karikatur

Wer bislang geglaubt hat, dieses Zerrbild suburbaner Wohnkultur sei an Trostlosigkeit nicht zu überbieten, der kam offensichtlich noch nicht mit dem Puppenhaus als dessen armseliger Karikatur in Berührung. Zu besichtigen nicht nur bei der jährlich stattfindenden Nürnberger Spielwarenmesse und im Spielwarengeschäft um die Ecke, sondern vor allem in Kinderzimmern.

Wohlmeinende Großeltern helfen da gerne etwas nach und bescheren die richtige Gesellschaft: abstoßend idyllische Modelleisenbahnsiedlungen wahlweise aus dem Voralpenland oder dem 19. Jahrhundert, abgeschmackte Schneewittchenschlösser aus rosa Plastik, knubbelige Schlumpfhäuser, Peter Lustigs Selbsterfahrungs-Bauwagen und nicht zuletzt alle erdenklichen Variationen des Entenhausener Einfamilienhauses von Donald Duck als ultimativen Ausdruck exzessiver Hypernormalität.

Architektur in der Schule

Unter dem Deckmantel fürsorglicher Kindgerechtheit werden damit geradezu subversiv alle Bemühungen baukulturell engagierter Institutionen untergraben, die seit einigen Jahren versuchen, Boden für Architektur gut zu machen, wie beispielsweise das Pilotprojekt "transform 2 r.a.u.m. - Architektur in der Schule", veranstaltet von der bayerischen Architektenkammer und dem bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus im Rahmen einer Initiative der Bundesarchitektenkammer.

An einigen exemplarisch ausgewählten Schulen konnten von Herbst 2001 an Schüler aller Altersgruppen und Schularten für zwei Jahre durch eigens von Architekten und Pädagogen geschulte Kunstlehrer vor allem das "Sehen" erlernen und das "ästhetische Empfinden" schärfen, um Architektur wahrzunehmen und sich "für die Qualität von Gestaltung, für gute Proportionen und für das Erleben von Raumfolgen zu sensibilisieren". Noch in diesem Frühjahr sollen die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Im bayerischen Lehrplanentwurf für das Jahr 2004 lässt sich hingegen schon heute nachlesen, dass ein Schulabgänger mit mittlerer Reife eine "differenzierte Sensibilität gegenüber vielfältigen Wirkungen von Kunstwerken" und sogar ein "Verständnis für ungewohnte künstlerische Praktiken" haben sollte.

Kinder nicht für dumm verkaufen

Der architektonisch ambitionierte Kindergarten erscheint Erwachsenen als gestalterisch "ungewohnt"; Kinder sehen darin eher ein ganz gewöhnliches Gebäude, das eben kein rotes Dach, dafür aber eine rote Fassade hat. Keine noch so ungewöhnliche Architektenidee vermag Kinder zu verschrecken, keine in der Außenwand eingebaute Oberlichtkuppel, keine gebogen eingeklemmte Plexiglasscheibe auf offener Veranda und auch keine angeblich unmenschliche Sichtbetonwand.

Kinder sollten nicht für dumm verkauft werden, denn sie wissen es bereits besser: Anspruchsvolle Architektur ist nicht zwangsläufig eine "ungewohnte künstlerische Praktik", sondern kann etwas ganz Selbstverständliches sein. Selbstverständlichkeit freilich im Sinne von Aufgeschlossenheit, keinesfalls zu verwechseln mit Gleichgültigkeit.

Diese Unvoreingenommenheit gegenüber Architektur, insbesondere auch in Büchern, Filmen oder Spielzeug, würde die unerlässliche Grundlage zum späteren Verständnis von Baukultur bilden.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, heißt es. Sollte das Pilotprojekt der Architektektenkammer aber Schule machen, wird die Spielwarenindustrie umdenken müssen, anstatt uns in Zeitungsbeilagen, vor allem während der Vorweihnachtszeit, ungefragt mit dem angeblich kindlichen Traum eines Hauses zu belästigen, das aussieht wie eine Puppenstube aus dem 19. Jahrhundert und eben nicht wie einer dieser "ungewohnt künstlerischen" Kindergärten oder das wunderbare Haus Müller von Adolf Loos in Prag, das bedauerlicherweise und trotz seiner einzigartigen räumlichen Konzeption nie als Puppenhaus gebaut wurde.

Schade eigentlich, denn die Hersteller sind hinsichtlich des Aussehens von Playmobil-, Bob-der-Baumeister- oder eben Puppenhäuser im Grunde völlig leidenschaftslos, jedenfalls solange die Verkaufszahlen stimmen. Stattdessen geraten die wenigen Puppenhäuser ohne rotes Dach und ohne geschwungene Schaugiebel noch immer allein aufgrund ihrer gestalterischen Eigenarten selbst bei aufgeschlossenen Eltern in den Verdacht des unbespielbaren "Architektenhauses". Und obwohl man in der Fachwelt darüber einig ist, dass der Elfenbeinturm ein Auslaufmodell darstellt, wabert um diese Puppenhäuser der Kult des exklusiven Designobjektes, dessen Wirkungskreis begrenzt bleibt, wahrscheinlich aber auch bleiben soll.

Wunderbar einfachen Puppenwelt

Exemplarisch zu beobachten ist dies am Beispiel eines räumlich zwar unspektakulären, dafür aber wunderbar einfachen Puppenhauses, hergestellt von einem engagierten bayerischen Holzverarbeitungsbetrieb als "Einraumwohnung" und leider nur in ausgewählten Designgeschäften erhältlich: Ein langgestreckter, nach zwei Seiten offener Kubus aus hellem, gewachstem Birkensperrholz mit großen Schiebeelementen aus Plexiglas und Holzgitterfronten. Dazu passend reduziert gestaltete Raumteiler und Küchenblock oder das nicht weniger minimalistische Außengelände mit Pool, Laufsteg und Sonnendeck.

Was sich hinter der Bezeichnung "variable Bankmonolithen" verbirgt, ist zwar nicht auszumachen, doch solange es kaum vergleichbare zeitgenössische Häuser gibt, muss man ohnehin auch in Zukunft voller Neid auf das rundliche Grashügelhaus der tölpelhaften Teletubbies schauen, das seinem um die drei Jahre alten Zielpublikum immerhin eine relativ unbefangene Vorstellung eines ziemlich eigenartigen Wohngebäudes mit auf den weiteren Weg gibt.