Zum 100. Geburtstag von Heinz von Foerster Der Zauberer aus Wien

Er gründete 1957 das legendäre Biological Computer Laboratory und entwickelte die Kybernetik zweiter Ordnung. Sein Radikaler Konstruktivismus verzaubert noch heute - nicht zulertzt deshalb, weil er manches zum Verschwinden bringt.

Von Michael Köhler

Er zauberte gern und gut. Buchstäblich. Als er elf Jahre alt war, ging er am liebsten in die Wiener "Zauberklingel", ein Geschäft für Magier, das in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts weltberühmt war. Das Spiel mit Erwartungen, mit unbegreiflichen Alltäglichkeiten, die Faszination für Wunder, fesselten ihn, lebenslang.

Er schaut nicht hoch, aber er weiß, dass die Kamera da ist: Heinz von Foerster in seinem Laboratorium in den frühen 1960er Jahren.

(Foto: Archiv Heinz von Foerster)

Nach dem Studium der Physik in Wien und Breslau ging er 1949 in die USA. Die Biologie des Erkennens, die später Kognitionswissenschaft genannt wurde, prägte er dort maßgeblich mit. Er arbeitete mit Norbert Wiener, Ernst von Glaserfeld, Gregory Bateson und John von Neumann, den Vätern der Kybernetik zusammen. Von 1949 bis 1955 gab er die Tagungsbände der einflussreichen Macy Foundation heraus, die rückgekoppelte, zirkuläre Systeme erforschte.

Der Witz an dieser damals neuen Lehre von der Steuerung und Regelung von Systemen durch informierte Kontrolle war die Rekursivität. Sie brach mit der herkömmlichen Trennung von Beobachter und Beobachtetem, Subjekt und Objekt und wandte ihre Einsichten auf biologische Systeme, Menschen, Familien, Gesellschaften und Maschinen an.

Frage nach den blinden Flecken

Foerster teilte nicht die kluge Kontrollwut der ersten Kybernetik, sondern fragte nach den blinden Flecken. Der blinde Fleck ist ja nicht nur die Einsicht in das Nicht-Sehen, sondern zugleich auch die Voraussetzung allen Sehens.

Foerster entwickelte daraus die Kybernetik zweiter Ordnung und gründete 1957 das legendäre Biological Computer Laboratory, das er zwanzig Jahre lang führte. Die Kybernetik zweiter Ordnung überwand die Regelungsbegeisterung der ersten Kybernetik. Sie war skeptischer. Es ging ihr um die Beobachtung des Beobachters, um Aussagen über den Vorgang des Beobachtens und die Funktion des Beobachters und wenige über Dinge an sich.

Sein Wiener Temperament kam Heinz von Foerster zu Hilfe. Er war gewitzt, sein Stil war dialogisch, konversationell. Er war ein gern gehörter Redner, der überraschen und Scherze machen konnte. Foerster brauchte den Anderen und das Andere, um zu zeigen: Bedeutung entsteht im Hörer, nicht in der Absicht des Sprechers. So drehte er gern die Perspektiven um, etwa an folgendem Beispiel.

Der Pawlowsche bedingte Reflex des hundes, bereits auf ein Läuten der Glocke mit Speichel zu reagieren, schonbevor das Futter sichtbar ist, werde auch ohne Klingeln, nur durch Zeigen der Glocke ausgelöst. Deshalb sei der Pawlowsche Reflex eher ein Reflex für Pawlow selber und weniger für den Hund. Es gehe beim Wahrnehmen nicht um objektive Wirklichkeiten, sondern um die Konstruktion erfundener Wahrheiten. Der Reflex gehört zu Pawlow, nicht zum Hund.

Scherzhaft konnte er einem Publikum glaubhaft machen, das Interessante am blinden Fleck seien nicht die physiologischen Effekte auf der Retina, die zeitweilige Blindheit an einer bestimmten Stelle, sondern die Tatsache, dass da Beobachtung zweiter Ordnung stattfindet.

Wir können nämlich nicht sehen, dass wir nicht sehen. Wir sprechen aber über das Sehen, kommunizieren also über Kommunikation. Man kann das als österreichische Vorkriegsspitzfindigkeiten abtun oder als anti-essentialistischen Impuls Ernst nehmen. Es ist nicht die Außenwelt, die so und nicht anders ist, sondern die Innenwelt, die uns sagt, so sei es. Unsere Sinne zaubern, gaukeln uns aus den Erregungen etwas vor. Wir finden und entdecken nicht Ewiges, sondern erzeugen und entdecken Befristetes.