Zukunftslabor MIT Media Lab:Lügendetektor für politische Mails

Ethan Zuckerman, ein korpulenter Kerl mit langen Haaren und einer Vorliebe für bunte Hemden, denkt anders: Ihn treibt der Wunsch, etwas zu verändern. 1999 gründete er das Programm Geekcorps, das Techniker in Entwicklungsländer schickt. Nun erforscht der 39-Jährige als Chef des Bereichs Civic Media, wie neue und traditionelle Medien Politik und gesellschaftliche Debatten beeinflussen. So hat sich Zuckerman sehr früh intensiv mit dem Einfluss von Twitter und Facebook auf den Verlauf des Arabischen Frühlings beschäftigt. Und dass die Ideen des studierten Philosophen Wirkung zeigen, zeigt die Ehrung des Magazins Foreign Policy, das ihn 2011 zu einem der 100 einflussreichsten Denker der Welt kürte.

MIT Media Lab

Der Fahrradhelm der Zukunft? Mittels eines Lichts zeigt er an, ob der Radler aufmerksam oder unaufmerksam ist.

(Foto: Matthias Kolb)

Zuckerman fasziniert, wie sich Medien als Ökosystem verhalten und wer wen beeinflusst. Seine Studenten untersuchen etwa den Fall Trayvon Martin: Über den schwarzen Teenager, der in Florida erschossen wurde, wurde zunächst weder bei Twitter noch im Fernsehen berichtet - die Information wurde über Mailinglisten der afroamerikanischen Community verbreitet. Zuckerman ist ein Optimist, wenn es um die Chancen der IT geht, doch die Ignoranz der westlichen Gesellschaft macht ihm Sorgen. Bereits 2005 hat er die internationale Blogger-Plattform Global Voices gegründet: Hier werden Blogs aus aller Welt in 15 Sprachen übersetzt, um über jene Teile der Welt zu berichten, die Mainstream-Medien ignorieren.

Um die Unkenntnis der Amerikaner und Westeuropäer zu mindern, tüftelt er an einem Gegenmittel. In den USA seien kleine Geräte namens Fitbit sehr beliebt, die alle Schritte einer Person zählen: "Wenn ich heute faul war, weiß ich, dass ich noch mal um den Block gehen sollte, bevor ich ins Auto steige. Etwas Ähnliches möchten wir für Leser entwickeln. So ein Tool würde den Leuten zeigen: Ich lese fast nur Artikel über Nordamerika und Football, aber mit Europa oder Afrika beschäftige ich mich nie."

Inhaltsangabe auf alle Medien

Zuckerman träumt davon, dass irgendwann auf allen Medien eine Inhaltsangabe steht. Analog zu Nahrungsmitteln und deren Kaloriengehalt wäre auf dem Titelbild einer Ausgabe des Nachrichtenmagazins Newsweek vermerkt, dass sich 70 Prozent der Artikel mit Amerika beschäftigen und jeder zweite sich um Politik dreht. Bei Glamour sähe die Mischung ganz anders aus. Ein solcher Aufkleber, so hofft Zuckerman, könnte die Bürger wachrütteln und die Demokratie stärken.

Ähnlich aufklärend soll Lazy Truth wirken, das wie ein Lügendetektor den Wahrheitsgehalt von politischen E-Mails überprüft. "Vor Weihnachten erhalten Amerikaner E-Mails, wonach Obama den Weihnachtsbaum vor dem Weißen Haus entfernen will, weil er angeblich Muslim ist. Unser Programm verknüpft diese falsche Behauptung mit entsprechenden Artikeln von Websites wie factcheck.org oder The Fact Checker", erklärt Zuckerman.

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