Youtube wird zehn:Youtube globalisiert den Mainstream

Auf Youtube ist fast alles zu sehen, was es zu sehen gibt. Menschen werden geboren, Menschen sterben, zwischendrin stellen sie eine Menge Dinge an. Und von allem, dessen Darstellung nicht - wie Sex - amerikanischer Moral oder, weniger wichtig, geltenden Gesetzen widersprechen würde, gibt es Aufnahmen. Gemäß dem ersten Youtube-Motto: "Broadcast Yourself" - versende dich selbst. Werde Teil der digitalen Kultur. Jeder hofft hier auf Publikum, und Youtube gibt allen Grund zur Hoffnung. Die Plattform ist eine demokratisierte Abspielfläche. Nur das technische Format des Videos klammert die Inhalte zusammen. Eine rare Schwarz-Weiß-Aufnahme von Gottfried Benn steht neben Waschmittelwerbung. Alles ist möglich, auch die absurdesten Karrieren. Hier kann die nach klassischen Kriterien unwichtigste Aufnahme den größten Ruhm erlangen. In der alten Welt lief es andersrum: Professionell gemachte Videos erhielten die meisten Zuschauer.

Als Youtube online ging, war kaum abzusehen, welche Auswirkungen die bloße Existenz von Videos im Netz haben würde. Ganze Branchen brechen zusammen, auch jenseits der Blockbuster-Videokette. Das Ende des Musikfernsehens hat das rote Logo mit dem Abspielbutton ebenso besiegelt wie die Bedrohung unzähliger anderer Branchen, weil in Videos schlicht erklärt wird, was bislang als Expertenwissen teuer bezahlt werden musste. Wie schließe ich eine Waschmaschine an? Wie lerne ich Japanisch? Wie berechne ich ein Marketingbudget? Die Kategorien "How to" und "Bildung" liegen bei Erwachsenen noch vor Musikvideos (aber hinter "Humor") auf Platz zwei. Youtube versteht sich auch durchaus als Konkurrenz zur traditionellen Filmindustrie. In Los Angeles, Tokio, London, New York und São Paulo hat die Firma schon Studios aufgebaut.

Gleichzeitig globalisiert Youtube den Mainstream. Über all den Videos schwebt der Rapper Psy. Das Musikvideo seines Hits "Gangnam Style" wurde 2,2 Milliarden Mal angesehen, mehr als jedes andere Video jemals. Youtube ist damit auch ein technisch genauer Gradmesser dessen, was auf der Welt gerade beliebt ist oder worüber die Welt gerade streitet.

Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln

Sogar Krieg wird auf Youtube mit anderen Mitteln fortgesetzt. Videos sämtlicher kämpfenden Parteien aller globalen Konflikte sind auf der Plattform zu finden. Grausamkeiten wie Hinrichtungsvideos des sogenannten Islamischen Staats löscht Youtube zwar in der Regel. Die unzähligen Propagandavideos und verschwörungstheoretischen Filme aber sind meistens vom amerikanischen Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt und bleiben online.

Eine Gegenöffentlichkeit, Bürgerjournalisten, ergänzen den klassischen Journalismus. Was ist eine Agenturmeldung über die Notlandung eines Flugzeugs im Vergleich zum Video aus dem Inneren des Flugzeugs? Dabei entstehen Hybride aller Art - Propaganda, die sich als Amateurvideo tarnt, die politische Fortsetzung der Werbung, die sich als Produkttest tarnt.

Dabei wirft die Webseite große rechtliche Fragen auf. Während die Kulturproduktion sich auf einen vereinheitlichten, globalen Markt einstellt, reichen traditionelles Urheber- und Lizenzrecht nicht mehr aus. Wer verdient mit welchem Video Geld? Wie findet die Lizenzierung statt? Was ist mit der Hintergrundmusik? Wie wird die rechtliche Situation einer der vielen Aufnahmen, die auf Youtube hochgeladen werden, überhaupt geprüft? Und je nach Land gelten auch noch andere Regeln. In Deutschland etwa schwelt schon ewig der Streit mit der Verwertungsgesellschaft Gema - das ist der Grund, warum hier viele Videos gesperrt sind.

Youtube macht, was die Firma schon immer gemacht hat. Sie nutzt die Verwirrung und entwickelt clevere Werkzeuge, die es zumindest technisch möglich machen, dass alle Berechtigten an einem Video mitverdienen, ein Geschäftsmodell mit Geschäftsmodellen. Aber allem zugrunde liegt nur diese Idee: Videos hochladen. Videos angucken. So simpel, so mächtig. "Me at the zoo" wurde bis Freitagabend übrigens schon 17 427 247 Mal angesehen.

© SZ vom 14.02.2015/luk
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