World Wide Web "Was wir schufen, zerstört den Zusammenhalt jeder Gesellschaft"

So feiert Isaacson etwa den Briten Tim Berners-Lee, den Erfinder von Hypertext und HTTP, der den Browser, das Web erst möglich machte. Doch genau dieser Berners-Lee äußert sich in der aktuellen Debatte eindringlich zu den schier dystopischen Auswüchsen seiner Erfindung: Das, was das Web mal war, sei es heute nicht mehr, gibt er zu Protokoll. "Die Tatsache, dass dessen Macht in den Händen so weniger Internet-Firmen liegt, hat es erst möglich gemacht, dass das Web heute zur Waffe geworden ist."

Oder Tony Fadell, einer der Väter des iPod: "Ich wache morgens schweißgebadet auf und denke: Was haben wir da nur über die Welt gebracht!" Tim Cook, Nachfolger des von Isaacson so verehrten Apple-Gründers Steve Jobs, sagt: "Ich habe Nichten und Neffen, und ich erlaube ihnen nicht, dass sie einem Sozialen Netzwerk beitreten." Denn, so Chamath Palihapitiya dann, ehemals verantwortlich für Mitgliederwachstum bei Facebook: "Was wir schufen, zerstört den Zusammenhalt jeder Gesellschaft: An die Stelle von Bürger-Diskurs und Kooperation setzten wir Desinformation und Unwahrheit. Es geht nicht um ein paar Russenhacks, das ist eine globales Problem."

In vollem Sünderornat räumt die Netz- und Gadget-Avantgarde ihr Versagen ein, in einem unglaublichen Beitrag des New-York-Magazins: "The Internet Apologizes". Darin äußern sich mehr als ein Dutzend Macher und Netzvordenker freimütig zum verheerenden Stand der Dinge - und entschuldigen sich.

Jaron Lanier geißelt die unselige Verquickung mit dem entfesselten Kapitalismus

Bedenkenträger gibt es immer. Doch nun stammt die vernichtende Kritik am Netz von seinen Urhebern selber, sie kommt aus dem Herzen des Silicon Valley. Jaron Lanier etwa, Pionier der Virtuellen Realität, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Chefstratege bei Microsoft, geißelt die unselige Verquickung mit dem entfesselten Kapitalismus. Einer der Macher des iPhones und Facebooks erster Präsident warnen vor Sucht, Manipulation, Entmündigung, gar Hirnschäden, die ihre "Errungenschaften" auslösen - aber genau darauf angelegt sind.

Diese unsanfte, sicher notwendige Debatte köchelt seit gut anderthalb Jahren, genauer: seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Doch nach dem Verdacht von gezielter Wahlmanipulation und Desinformation im Netz, nach Facebooks großem Datenskandal bei ununterbrochenem Dauerfeuer an infamer, aber wirksamer Twitterpropaganda Trumps brannte diese Debatte noch nie so heftig wie jetzt.

"Wir sind Arschlöcher geworden.", sagt Jaron Lanier heute. Der Web-Pionier ist Friedenspreisträger.

(Foto: Regina Schmeken)

Und nicht nur der Chor an kritischen Stimmen darin wächst. Auch die Radikalität ihrer Kritik. Jaron Lanier bilanziert, man sei erst völlig besoffen gewesen vom eigenen Erfolg und dann skrupellos dabei, ihn auszubeuten. "One has this feeling of having contributed to something that's gone very wrong." ("Man hat das Gefühl, zu etwas beigetragen zu haben, das gründlich schief gelaufen ist.")

Die Schöpfer haben es gut gemeint

So habe man zwar einerseits "gewonnen": "We've disrupted absolutely everything. Politics, finance, education, media, relationships. We've absolutely won. But we have no sense of balance or modesty or graciousness having won. We really kind of turn into assholes." (Wir haben absolut alles über den Haufen geschmissen: Politik, Wirtschaft, Erziehung, Medien, Beziehungen. Doch wir zeigen keine Dankbarkeit, keine Demut. Wir sind zu Arschlöchern geworden.)

Denn, wie Ellen Pao, ehemals Chefin von Reddit, ausführt, habe sich die Unternehmenskultur im Silicon Valley mit den Unsummen von Geld, die im Digitalraum verdient wurden, in ihr Gegenteil verkehrt. Man sei ausgegangen von: "I'm going to build this company to improve people's lives" (Ich gründe diese Firma, um das Leben der Menschen besser zu machen), und sei nun gelandet bei "I'm gonna build this company that builds this product that everybody uses, so I can make a lot of money." (Ich schaffe ein Produkt, das jeder nutzt, damit ich sehr viel Geld damit verdiene.)

Silicon Valley

Liebe Menschheit, es tut uns leid

Insofern muss das Netz heute durchaus als zweischneidige Errungenschaft betrachtet werden, die von ihren Schöpfern vielleicht gut gewollt, aber ihnen mittlerweile fürchterlich entglitten ist. Gedacht als ein Kommunikations-Netz, das alle bereichert, erleben wir heute eine digitale Infrastruktur mit dem einzigen Zweck der Gewinnmaximierung für wenige.

Das Netz heuchelt Gemeinschaft, dient aber nur der Moneterisierung

Ein nur schaler Toast ist darum angebracht auf dieses Netz nach seinem ersten Vierteljahrhundert: Es heuchelt Gemeinschaft und Kommunikation für alle, bezweckt aber über das Microtargeting, das vampirhafte Absaugen möglichst vieler Daten jedes beteiligten Nutzers, nur dessen Monetarisierung. Solange Geld so fließt, wird sich daran auch nichts ändern. Sogar Trumps Lügen sind nach dieser perversen Logik beste Ware und gutes Geld wert.

Um Isaacsons Vordenker angesichts dieser fatalen Krise dann doch noch zu rehabilitieren: Es waren und sind die wohl besten Zeiten für Revolutionäre mit kreativem Technikverstand, es sind und bleiben wohl auch schlimme für diejenigen, die von ihnen erobert wurden.