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World Wide Web:Die digitalen Pioniere gruseln sich vor ihrer Schöpfung

Image Is Shown On Face Book Web Site

Das Facebook-Logo spiegelt sich in einem Auge. Gemeinsam mit Google und wenigen anderen Tech-Unternehmen bestimmt Facebook zunehmend die Spielregeln im Netz.

(Foto: Chris Jackson/Getty Images)
  • Das World Wide Web wird 25 Jahre alt - und steckt in seiner schwersten Krise.
  • Immer mehr Netz-Vordenker warnen vor den Auswirkungen ihrer eigenen Schöpfung.
  • Ursprünglich sollte das Internet die Menschheit vernetzen und Dialog fördern. Tatsächlich macht es wenige Menschen sehr reich und fördert Konflikte.

Es ist nicht so, dass jede Revolution, wie etwa die französische, mit ein paar Gewehrsalven auf einen Gefängnisturm beginnt, die ein beiwohnender Chronist protokollieren kann. So ist nicht immer eindeutig, wann eine Durchrüttelung bestehender Verhältnisse tatsächlich begonnen hat. Doch lässt sich mit einigem Recht sagen, dass die Netz-Revolution vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert einsetzte.

Denn vor 25 Jahren, im Herbst 1993, erschien mit "NCSA Mosaic" eine Software mit grafischer Benutzeroberfläche, vulgo: der erste Browser, der plattformübergreifend das World Wide Web zu erkunden, vulgo: zu surfen, erlaubte. Man könnte also ein WWW-Jubiläum begehen, doch nach Feiern ist gerade kaum jemand zumute.

Spätestens seit Facebooks Adiletten-Beglücker, Gründer Mark Zuckerberg, vor wenigen Wochen vor dem amerikanischen Kongress die unglaublichen Verfehlungen seiner Firma mit umständlich nebligem Erklärungsbuhei und einem unverbindlichen "I'm sorry" einräumen musste, ist der Unschuldslack des Web und seiner Communities endgültig ab. Ja, das Netz erlebt gerade die schlimmste Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte.

Technologie "Wir brauchen Leute, die nicht alles glauben, was ihnen im Internet gesagt wird"
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Dem würde Walter Isaacson ganz so vermutlich nicht zustimmen. Er ist Autor nicht nur so großer und l äußerst erfolgreicher Biografien von Henry Kissinger, Benjamin Franklin, Albert Einstein und des Apple-Gründers Steve Jobs. Er hat auch "The Innovators" vorgelegt, eine Geschichte der digitalen Revolution, erzählt entlang der Biografien ihrer bedeutenden Pioniere.

Diese Geschichte ist gerade erst auf Deutsch erschienen, im Original stammt sie aus dem Jahr 2014. Sie ist profund und witzig. Alles, was das Leserherz begehrt und begierig zu erfahren ist. Doch sie kommt hierzulande anscheinend zur Unzeit. Mitten hinein in diese schlimme Netzkrise.

Das Buch beleuchtet auch den Beitrag der Frauen zur digitalen Revolution

Isaacsons Arbeit deckt nicht nur 25 Jahre ab, sondern umfasst stolze 200 Jahre der Ingenieurs- und Programmierkunst, die er, Tusch bitte!, mit einer Frau einsetzen lässt. Mit Ada Lovelace und ihren Arbeiten an der "Analytical Engine". Sie ist die Tochter des britischen Dichters Lord Byron. Geboren 1815 "prädestinierte sie", so Isaacson, "ihre Liebe zu sowohl Dichtkunst als auch Mathematik" dafür, Großes zu schaffen. Denn das könne immer nur aus Synthese hervorgehen, bei Lovelace sind es Kunst, Wissenschaft und Technik.

Tatsächlich waren nicht nur ihre theoretischen Schriften über Rechenmaschinen brillant und hellsichtig, sie entwickelte als erste so etwas wie Programmcodes. Kein Wunder also, dass im 20. Jahrhundert eine Programmiersprache nach ihr benannt wurde, es einen "Ada-Lovelace-Tag" im Oktober gibt, auch eine "Lovelace"-Medaille, und Jimmy Wales, der Wikipedia-Gründer, benannte 2011 eine seiner Töchter nach ihr.

So erzählt Isaacson seine Geschichte der digitalen und Netz-Revolution entlang des Spitzenpersonals der Technik, erfreulicherweise mit starkem Gewicht auf den Beiträgen, die weibliche Akteure dazu beigetragen haben, Grace Hopper etwa, die Compiler-Entwicklerin im Dienst der Navy, oder die "Eniac"-Frauen, die für die US-Armee Programme zur Berechnung ballistischer Tabellen erstellten.

Isaacson betont, dass technische Revolution nicht nur das Werk kluger Köpfe ist, sondern stets das Ergebnis von Teamarbeit, bei der verschrobene Nerds, visionäre, oft narzisstisch veranlagte Persönlichkeiten, unermüdliche Tüftler und beseelte Ästheten produktiv zusammenfinden. "Innovative Entwicklung", so Isaacson nach fast 600 herzerfrischenden Seiten, "wird nur von Menschen betrieben, die imstande sind, Schönheit mit Technik, Geisteswissenschaften mit Technologie und Poesie mit Prozessoren zusammenzubringen."

Die Innovatoren stehen im Büßerhemd vor ihren entfesselten Geistern

Nun würde man Isaacsons wunderbare Technik-Geschichte gerne mit einem Seufzer und einem Well Done! an den Autor aus der Hand legen, wenn da eben nicht gerade diese ungemütliche Debatte darüber entbrannt wäre, was aus all den Technik-Fortschritten mittlerweile geworden ist, die Isaacsons bedeutende Köpfe jeweils angestoßen haben.

Es drängt sich gerade die Frage auf: Kann man - siehe Zuckerberg - diese Revolutionäre hochleben lassen, wenn das, was sie losgetreten haben, nun nur noch skrupellos und obszön kapitalistisch erscheinen muss? Gewiss, man liebt die Sünde, aber nicht die Sünder, man feiert die Revolution, aber verachtet die Revolutionäre. Sollte sich das mit dem Internet umgekehrt haben?

Die Synopse von Isaacsons Buch und aktueller Debatte um Datenklau-, staatliche Überwachungs- und Facebook-Skandale, um Fake News, Propaganda, Bots und Trolle, ja, um Spionage, Wahlmanipulation und Cyberwar bietet sich nicht nur an, weil dieses Buch gerade erschienen ist und man nach 25 Jahren auch mal kritisch zurückschauen darf. Sie drängt sich geradezu auf, weil es oft dieselben Akteure sind, die einerseits von Isaacson gefeiert werden, während sie selber heute zähneknirschend ihr Misslingen eingestehen. Die Innovatoren von einst stehen gerade im Büßerhemd vor ihren entfesselten Geistern.

"Was wir schufen, zerstört den Zusammenhalt jeder Gesellschaft"

So feiert Isaacson etwa den Briten Tim Berners-Lee, den Erfinder von Hypertext und HTTP, der den Browser, das Web erst möglich machte. Doch genau dieser Berners-Lee äußert sich in der aktuellen Debatte eindringlich zu den schier dystopischen Auswüchsen seiner Erfindung: Das, was das Web mal war, sei es heute nicht mehr, gibt er zu Protokoll. "Die Tatsache, dass dessen Macht in den Händen so weniger Internet-Firmen liegt, hat es erst möglich gemacht, dass das Web heute zur Waffe geworden ist."

Oder Tony Fadell, einer der Väter des iPod: "Ich wache morgens schweißgebadet auf und denke: Was haben wir da nur über die Welt gebracht!" Tim Cook, Nachfolger des von Isaacson so verehrten Apple-Gründers Steve Jobs, sagt: "Ich habe Nichten und Neffen, und ich erlaube ihnen nicht, dass sie einem Sozialen Netzwerk beitreten." Denn, so Chamath Palihapitiya dann, ehemals verantwortlich für Mitgliederwachstum bei Facebook: "Was wir schufen, zerstört den Zusammenhalt jeder Gesellschaft: An die Stelle von Bürger-Diskurs und Kooperation setzten wir Desinformation und Unwahrheit. Es geht nicht um ein paar Russenhacks, das ist eine globales Problem."

In vollem Sünderornat räumt die Netz- und Gadget-Avantgarde ihr Versagen ein, in einem unglaublichen Beitrag des New-York-Magazins: "The Internet Apologizes". Darin äußern sich mehr als ein Dutzend Macher und Netzvordenker freimütig zum verheerenden Stand der Dinge - und entschuldigen sich.

Jaron Lanier geißelt die unselige Verquickung mit dem entfesselten Kapitalismus

Bedenkenträger gibt es immer. Doch nun stammt die vernichtende Kritik am Netz von seinen Urhebern selber, sie kommt aus dem Herzen des Silicon Valley. Jaron Lanier etwa, Pionier der Virtuellen Realität, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Chefstratege bei Microsoft, geißelt die unselige Verquickung mit dem entfesselten Kapitalismus. Einer der Macher des iPhones und Facebooks erster Präsident warnen vor Sucht, Manipulation, Entmündigung, gar Hirnschäden, die ihre "Errungenschaften" auslösen - aber genau darauf angelegt sind.

Diese unsanfte, sicher notwendige Debatte köchelt seit gut anderthalb Jahren, genauer: seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Doch nach dem Verdacht von gezielter Wahlmanipulation und Desinformation im Netz, nach Facebooks großem Datenskandal bei ununterbrochenem Dauerfeuer an infamer, aber wirksamer Twitterpropaganda Trumps brannte diese Debatte noch nie so heftig wie jetzt.

Jaron Lanier

"Wir sind Arschlöcher geworden.", sagt Jaron Lanier heute. Der Web-Pionier ist Friedenspreisträger.

(Foto: Regina Schmeken)

Und nicht nur der Chor an kritischen Stimmen darin wächst. Auch die Radikalität ihrer Kritik. Jaron Lanier bilanziert, man sei erst völlig besoffen gewesen vom eigenen Erfolg und dann skrupellos dabei, ihn auszubeuten. "One has this feeling of having contributed to something that's gone very wrong." ("Man hat das Gefühl, zu etwas beigetragen zu haben, das gründlich schief gelaufen ist.")

Die Schöpfer haben es gut gemeint

So habe man zwar einerseits "gewonnen": "We've disrupted absolutely everything. Politics, finance, education, media, relationships. We've absolutely won. But we have no sense of balance or modesty or graciousness having won. We really kind of turn into assholes." (Wir haben absolut alles über den Haufen geschmissen: Politik, Wirtschaft, Erziehung, Medien, Beziehungen. Doch wir zeigen keine Dankbarkeit, keine Demut. Wir sind zu Arschlöchern geworden.)

Denn, wie Ellen Pao, ehemals Chefin von Reddit, ausführt, habe sich die Unternehmenskultur im Silicon Valley mit den Unsummen von Geld, die im Digitalraum verdient wurden, in ihr Gegenteil verkehrt. Man sei ausgegangen von: "I'm going to build this company to improve people's lives" (Ich gründe diese Firma, um das Leben der Menschen besser zu machen), und sei nun gelandet bei "I'm gonna build this company that builds this product that everybody uses, so I can make a lot of money." (Ich schaffe ein Produkt, das jeder nutzt, damit ich sehr viel Geld damit verdiene.)

Silicon Valley

Liebe Menschheit, es tut uns leid

Insofern muss das Netz heute durchaus als zweischneidige Errungenschaft betrachtet werden, die von ihren Schöpfern vielleicht gut gewollt, aber ihnen mittlerweile fürchterlich entglitten ist. Gedacht als ein Kommunikations-Netz, das alle bereichert, erleben wir heute eine digitale Infrastruktur mit dem einzigen Zweck der Gewinnmaximierung für wenige.

Das Netz heuchelt Gemeinschaft, dient aber nur der Moneterisierung

Ein nur schaler Toast ist darum angebracht auf dieses Netz nach seinem ersten Vierteljahrhundert: Es heuchelt Gemeinschaft und Kommunikation für alle, bezweckt aber über das Microtargeting, das vampirhafte Absaugen möglichst vieler Daten jedes beteiligten Nutzers, nur dessen Monetarisierung. Solange Geld so fließt, wird sich daran auch nichts ändern. Sogar Trumps Lügen sind nach dieser perversen Logik beste Ware und gutes Geld wert.

Um Isaacsons Vordenker angesichts dieser fatalen Krise dann doch noch zu rehabilitieren: Es waren und sind die wohl besten Zeiten für Revolutionäre mit kreativem Technikverstand, es sind und bleiben wohl auch schlimme für diejenigen, die von ihnen erobert wurden.