Videospiel "Deus Ex: Human Revolution" Cyborgs träumen anders

Videospiele sind zurzeit entweder stupide Klickorgien oder alberne Balance-Hampeleien. "Deus Ex: Human Revolution" ist anders und kein dumpfer Zeitvertreib: Es lässt einem immer wieder die Wahl, ob man sich als skrupellose Kampfmaschine oder als mitdenkender Altruist der Zukunft stellt.

Von Michael Moorstedt

Detroit im Jahr 2027. Die Stadt glüht in orangefarbenem Licht. Konzerne und Regierungen stehen sich auf Augenhöhe gegenüber und wie immer bleiben die Belange des Einzelnen auf der Strecke. Die Gesellschaft ist tief gespalten, oben herrscht ewiger Optimismus, unten das Elend. Straßenkampf und Partyspaß sind nur eine Ecke voneinander entfernt.

Halb Wesen, halb Überding

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Das ist die Welt von "Deus Ex: Human Revolution", einem der ambitioniertesten Videospiele der vergangenen Jahre. Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Adam Jensen, Sicherheitschef von Sarif Industries, dem Marktführer in Sachen Körperaugmentierung, der biotechnischen Verbesserung des Menschen. Das Design des Spiels orientiert sich dabei mit dem düsteren Himmel, dem allgegenwärtigen Müll auf den Straßen, den Regenpfützen, in denen sich das Licht flackernder Neonreklamen spiegelt, an der Atmosphäre des Science-Fiction-Films "Blade Runner" aus dem Jahr 1982, dem ewigen Bezugspunkt des Cyberpunk-Genres.

Menschen tätscheln verliebt ihre Touchscreen-Zeitungen

Das Appartement von Adam Jensen wirkt mit dem trübe durch Jalousien scheinenden Licht ähnlich vernachlässigt wie das von Replikantenjäger Rick Deckard in "Blade Runner". In den Auslagen der Läden verheißen fiktive Markenprodukte kurzfristiges Glück, die Menschen tätscheln verliebt ihre Touchscreen-Zeitungen. All die Details lassen glauben, dass diese Welt schon bevölkert war, bevor man sie als Adam Jensen betritt, um ein für alle mal aufzuräumen.

Bei einem blutigen Anschlag einer Gruppe von Augmentierungsgegnern namens Purity first, verlor jener Jensen nicht nur seine Ex-Verlobte, sondern wird auch schwer verwundet. Nur dank der Implantate seines Arbeitgebers kann er überleben. Nun hat er statt seiner Arme zwei schwarz schimmernde Metallgliedmaßen am Körper befestigt, trägt Computerchips in Hirn und Augen, die ihn schneller denken und besser sehen lassen.

Genau wie in Ridley Scotts Verfilmung von Philip K. Dicks Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" geht es auch in "Deus Ex" um komplexe bioethische Fragen: Was macht einen Menschen zum Menschen? Wann hört er auf, er selbst zu sein, und ist nur noch eine Maschine? Jensen ist irgendwo in der Mitte gefangen. Ohne es zu wollen ist er ist ein Cyborg geworden. Ein Rächer aus Stahl und Karbon, der sich aufmacht herauszufinden, wer wirklich hinter der Terrorattacke steckt. Doch die Augmentierungen verändern ihn, quälen ihn in seinen Träumen, in denen er mit Ikarusflügeln so hoch aufsteigt bis die Sonne seine Arme verbrennt.

Deus Ex" ist ein unzeitgemäßes Produkt. Branchenüblich werden die großen Titel in der Zeit von September bis kurz vor Weihnachten auf den Markt gebracht, auf der kürzlich in Köln zu Ende gegangenen Messe Gamescom konnte man sehen, was die Studios vorhaben. Zuletzt tendierte das Angebot stark zum sogenannten Casual Gaming. Damit sind entweder Balance-Hampeleien gemeint, die durch Infrarotkameras und Bewegungssensoren in den Spiel-Raum integriert werden. Oder stupide Klickorgien auf sozialen Netzwerken wie Facebook. Spielen heißt hier: dumpfer Zeitvertreib zur Betäubung der Langeweile.