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Sprache im Netz:Wie man sich im Internet kunstvoll beleidigt

Die Digitalisierung der Gesellschaft stellt Zyniker vor ein Problem: Wie können sie Sarkasmus in Online-Texten darstellen? Typographen suchen schon lange nach einer Lösung - ein Internet-Projekt geht dabei nun den unkonventionellen Weg.

Christoph Stutz

Verstehen Sie Sarkasmus? Oder sind Sie wie Sheldon Cooper aus der Serie "The Big Bang Theory"? Sein Mitbewohner Leonard Hofstadter hält jeweils ein Schildchen hoch, wenn sein Gegenüber eine sarkastische Bemerkung macht. Dr. Sheldon kann ja nichts dafür - er verkörpert den leicht autistischen, aber genialen Wissenschaftler. Klug, aber sozial total defizitär.

Sartalics

Ausschnitt aus dem Sartalics-Werbevideo: Der Sarkasmus geht nur als Subversion auf.

(Foto: Screenshot YouTube)

Sarkasmus - das ist eine Formulierung wie "das war ja eine reife Leistung". Vorausgesetzt, man hört, wie sich der Sprecher die beiden letzten Wörter in ihrem Sprachfluss verlangsamt und jedes einzeln betont. Die meisten Menschen haben keine Probleme, sarkastische Bemerkungen zu erkennen.

Solange sie die Stimmen des Gesprächspartners vernehmen - kurz: solange die Kommunikation mündlich stattfindet. Doch sobald geschrieben wird, ändern sich die Dinge. Sarkasmus wird nun zu etwas sehr Subtilem. Man kann sich nicht mehr auf den Tonfall oder die Mimik des Gegenübers verlassen. Es muss zwischen den Zeilen gelesen werden. Nützlich wäre: ein Kennzeichen in der Schrift.

Dem Sarkasmus Zeichen zu setzen, wurde oft erprobt. Der Maler Henry Denham versuchte es im 16. Jahrhundert mit vertikal gespiegelten Fragezeichen. Karl Marx verwendete knapp drei Jahrhunderte später ein mit Klammern ummanteltes Ausrufezeichen, wenn er bedeuten wollte, dass sich der Unsinn, der sich in der gerade referierten Ansicht verbirgt, durch das bloße Aussprechen oder Lesen von selbst überführt.

Wo ist die Metaebene?

Doch beide Autoren haben die Welt mit ihren Sarkasmus-Zeichen nicht nachhaltig geprägt. Offenbar fällt es dem Menschen schwer, eine Kennung für die Metaebene des Sarkasmus zu konventionalisieren. Doch nun kann über ein Internetportal ein "Sarcastic Font" gratis heruntergeladen werden.

Es handelt sich dabei um eine Funktion, die Sätze kursiv stellt, wobei die Neigung von links oben nach rechts unten geht - so dass die Buchstaben aussehen, als schöben sie ihre Beine vor sich her. Durch einen Entengang der Lettern soll ein für alle Mal allen Missverständnissen, welche der Sarkasmus für Sender und Adressaten bereithält, Einhalt geboten werden. Darüber hinaus findet man im Netz neben dem "Sarcastic Font" auch das "SarcMark".

Es handelt sich dabei um ein Zeichen, das für knapp zwei Dollar heruntergeladen werden kann. Auch Merchandise-Artikel, wie ein "SarcMark"-Pullover scheinen schon in der Vorbereitung zu sein. Doch Vorsicht: Der Übergang zum Sarkasmus als Marke gefährdet den Sarkasmus. Am Ende trägt er das tote Grinsen der Guy-Fawkes-Maske.

Das Kennzeichen entlarvt die Pointe

Das liegt daran, dass der Sarkasmus davon lebt, dass etwas völlig ernst Gemeintes und Erwartbares plötzlich durch einen Gegensinn unterlaufen wird. Der Sarkasmus geht nur als Subversion auf, und die Unterwanderung lebt von der Überraschung.

Wird dem Sarkasmus aber ein typographisches Zeichen gegeben, so ist dies zu erkennen, schon bevor das Unterwanderte überhaupt gelesen ist - was ungefähr so wirkt, als schickte man einem Witz seine Pointe voran: Der Sarkasmus wird dadurch zerstört.

Vielleicht muss er sich deshalb, als etwas Vernichtetes, in die Marke retten. Überhaupt dürfte allmählich zu erkennen sein, dass sich typographische Symbole im Internet nicht durchsetzen.

Das liegt daran, dass die Typographie - im Unterschied zu Bildsymbolen wie dem Smiley - etwas Abstraktes ist. Anders gesagt: Es ist die Metaphysik, die aus jeder reifen Leistung nichts anderes als eine reife Leistung macht.

© SZ vom 14.12.2011/joku
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