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Red Dead Redemption:Spielbare Gemälde

Die Spielewelt eifert weiter dem Kino nach - und macht damit vieles falsch. Ein neues Spiel zeigt, wie Videospiele zu einer eigenen Kunstform finden könnten.

Wenn Dan Houser gefragt wird, wovon sein neues Spiel Red Dead Redemption handelt, muss der Chefautor des Entwicklerstudios Rockstar Games ein paar Sekunden nachdenken. "Von Amerika", antwortet er schließlich: "Es geht um die Geburt des modernen Amerika. Darum, was wir gewonnen und was wir verloren haben." Houser und sein Team haben sich an ein Genre gewagt, das die Videospielindustrie bislang nur mit spitzen Fingern anfasste. Den Western. Die Vergänglichkeit schwebt schwer über dem Setting des Spiels, denn angesetzt hat das Rockstar seine Interpretation im Jahr 1911. Die Gesetzlosigkeit ist bereits auf dem Rückzug, der Cowboy ein Auslaufmodell. John Marston, der Held, ist eines dieser Relikte, ein ehemaliger Revolverheld, der noch einmal raus muss. Gegen sein alte Gang und für seine junge Familie.

Einsamer Cowboy im Abendrot: Mit "Red Dead Redemption" hält die Westernromantik Einzug die Welt der Videospiele.

Vor knapp zwei Monaten ist das Spiel erschienen, und nachdem sie alle Rätsel gelöst und alle Fragen für beantwortet erklärt hatten, benutzten die Fans diese kaum noch verpixelte Welt mittlerweile als Kulisse für ihre eigenen Inszenierungen. Die aus dem Spiel heraus gefilmten Szenen zeigen nicht, wie sonst üblich, die spektakulärsten Explosionen und blutrünstigsten Duelle - vielmehr liefern sich Tausende von Spielern auf Youtube einen Wettlauf um den sentimentalsten Moment. Sie reiten während einer Vollmondnacht über die Grenze nach Mexiko oder stehen einsam auf einer Klippe, einer der raren Stürme tobt über das ausgemergelte Land und ein plötzlicher Blitz erhellt die Möchtegern-Cowboys von der traurigen Gestalt, während die Spielewelt für einen Moment zu erstarren scheint. Unterlegt sind die Ausschnitte mit traurigen Slidegitarren. Oft reicht schon ein Panoramaschwenk über die Postkartenmotiv-Canyons, um Wehmut in den Kommentarspalten auszulösen.

Es sind Momente der Kontemplation, vermittelt via Playstation und Xbox. Eine Mischung aus Urlaubsdiashow und Veteranentreff. Schließlich waren sie alle ganz nah dran, sind mit John Marston geritten und haben mit ihm gelitten. Immersion heißt dieses Phänomen, das vollständige Eintauchen in die virtuelle Welt ist der heilige Gral der Spiele-Entwickler. Natürlich muss in einem Western-Spiel alles Übliche vorhanden sein. Duelle wollen ausgefochten werden, Damen in Not gerettet und versteckte Schätze gefunden werden.

Auwändiges Flimmern

Und selbstverständlich muss in einem Western der größte Genremythos, die Landschaft, würdig vertreten sein. Die Spielwelt in Red Dead Redemption erscheint lebendig wie nie, auf den Pfaden flimmert die Hitze, Unschärfen locken den Blick. Allein für die Digitalisierung der Pferde hat das Rockstar-Team einige Tage im Motion-Capturing-Studio zugebracht.

Wenn es der Joystick-Cowboy zulässt, ist Red Dead Redemption jedoch viel mehr als nur die zwangsläufige Abfolge von Computerberechnungen: Der seelisch und körperlich vernarbte John Marston ist der erste Protagonist eines Videospiel, der es verdient hat, ernst genommen zu werden. In langen Dialogsequenzen sprechen die Figuren über vergangene Schuld und die Möglichkeit der im Titel angedeuteten Wiedergutmachung. Ständig begegnet Marston Schurken und Helden, die ihm ihre Ansichten zu den ganz großen Themen eröffnen: Glaube oder Ratio, Evolution oder Zivilisation, Freiheit oder Schicksal. Sie wollen verführen und locken dabei Figur und Spieler in diese oder jene Richtung.

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