bedeckt München 24°
vgwortpixel

Neue Identität im Internet:Mein zweites Ich

Photoshop sei dank: Curtis Wallen (o.l.) bediente sich an den Gesichtern seiner Mitbewohner, die Augenpartie stammt von ihm - heraus kam Aaron Brown (r.)

(Foto: Curtis Wallen)

Curtis Wallen will im Netz anonym sein. Als er merkt, dass das nicht geht, erschafft er in der Schattenwelt des Internets eine neue Person. Die Geschichte eines Ausreißers in Zeiten der totalen Überwachung.

Dies ist ein Porträt einer Person, die nicht existiert. Man weiß eine ganze Menge über diesen Mann, er heißt Aaron Brown. Brown hat struwwelige braune Haare, grüne Augen, einen Leberfleck am Hals und spärlichen Bartwuchs. Er ist 1,82 Meter groß, 72 Kilo schwer, 30 Jahre alt und lebt in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Er hat einen Bootsführerschein, fährt einen Toyota, spricht Englisch und Spanisch und twittert gern.

Im August 2013 musste er eine Telefonrechnung in Höhe von 72,42 Dollar bezahlen. Aaron Browns auffälligste Eigenschaft ist, dass es ihn nicht gibt. Sein Schöpfer heißt Curtis Wallen, er ist 25 Jahre alt und lebt im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Er hat tätowierte Arme, einen dunklen Bart und dieselben Augen wie Aaron Brown - dieselben, nicht die gleichen.

Das Aaron-Brown-Projekt beginnt vor eineinhalb Jahren

Er wird diesen Tag nie vergessen, sagt er, an dem er Brown endgültig zum Leben erweckt hat. Im April 2013 kam Wallen nach Hause und in seinem Briefkasten wartete ein Brief aus Ohio. In ihm war Browns Führerschein, eine makellose, pinkfarbene Plastikkarte ausgestellt vom Gouverneur von Ohio, in Amerika funktioniert der Führerschein wie ein Personalausweis.

Auf dem Umschlag klebte eine Briefmarke mit der amerikanischen Flagge und dem Schriftzug "Liberty Forever", es ist eine Standard-Marke und fühlte sich doch bedeutsam an, sagt Wallen: "Ich fand das sehr passend." Denn die offizielle Bestätigung von Browns Existenz bedeutete für ihn: Freiheit.

Wallens Aaron-Brown-Projekt begann vor eineinhalb Jahren. Er war gerade mit dem College fertig, wo er Fotografie studiert hatte, arbeitete als Assistent einer New Yorker Künstlerin und beschäftigte sich mit der Frage, was Identität bedeutet - gerade in Zeiten des Internets, in dem sich jeder ein wenig neu erschaffen kann.

Er las viel über Überwachung im Netz, über die Online-Fahndung der US-Behörden nach Terroristen, über die Internet-Aktivitäten der NSA, des CIA und FBI, über die Geschäftsmethoden der Internetkonzerne wie Facebook oder Google, die mit den Daten der Internetnutzer Geld verdienen, und über technische Möglichkeiten und Grenzen. Er wollte, dass seine Daten, seine Identität, wieder ihm gehören. "Ich habe versucht, zu verschwinden", sagt er.

Die Informationen-Jäger waren überall

Wallen richtete eine neue E-Mail-Adresse ein und kaufte einen gebrauchten Laptop auf einer Kleinanzeigen-Website, zur Übergabe trug er seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er löschte alle Daten auf dem Rechner und installierte eine Verschlüsselungssoftware. Doch sein normales Online-Leben konnte er nicht führen. Jedes Mal, wenn er sich bei Facebook einloggte, wenn er für ein Projekt im Internet spendete, bei einem Online-Händler einkaufte, eine E-Mail schrieb oder empfing oder bei Google recherchierte, sammelte jemand seine Daten.

Die Informationen-Jäger waren überall. "Ich habe schnell gemerkt, dass man nicht verschwinden kann." Die einzige Lösung, dachte er, sei eine neue Identität. Nur jemand, der gar nicht wirklich existiert, kann anonym sein im Internet.

Das war der Anfang von Aaron Brown. Wallen schoss Fotos von sich selbst und seinen drei Mitbewohnern. "Ich brauche das für ein Projekt, macht euch keine Gedanken", sagte er. Er hat sie nicht eingeweiht, er hat niemandem von seiner Idee erzählt. Geheimhaltung und Unauffälligkeit sind der Schlüssel zum Versteckspiel. Aus den vier Fotos mischte er am Computer mit Photoshop ein neues zusammen: Das Kinn vom einen Mitbewohner, die Nase und die Haare vom zweiten, die Stirn vom dritten und Wallens eigene Augen. Aaron Brown hatte ein Gesicht.

Eine glaubwürdige neue Identität braucht Interessen

"Irgendetwas fühlt sich immer komisch an, wenn ich Aaron Brown anschaue", sagt Wallen heute. "Wahrscheinlich liegt es an den Augen. Ich sehe sie jeden Morgen im Spiegel und dann plötzlich in einem anderen Gesicht." Doch ein Passfoto reichte nicht, Brown brauchte ein Leben.

Jeder Spion weiß: Eine glaubwürdige neue Identität braucht eigene Interessen, sie muss Spuren hinterlassen haben - und sie braucht Ausweise. In der Schattenwelt des Internets, dem so genannten Deep Web, suchte Wallen auf seinem verschlüsselten Computer nach Dingen, die Aaron Brown zum Leben erwecken würden.

Das Deep Web ist der Teil des Internets, in der keine normale Suchmaschine wie Google etwas findet, weil alle Daten verschlüsselt oder durch Passwörter geschützt sind. Erst wenn ein User eine spezielle Anfrage an die Datenbank schickt und das Passwort kennt, produziert diese das gewünschte Ergebnis. Im Deep Web sind nicht nur Kriminelle unterwegs, auch die Informationen der Nasa sind hier gespeichert oder die Kataloge von Bibliotheken, für die man Passwörter braucht. Man findet im Deep Web aber auch Datenbanken und Netzwerke für Waffen- und Drogenhändler, Auftragsmörder und allerlei falsche Ausweispapiere.

"Am Anfang war das Trial and Error", sagt Wallen. "Ich musste erst einmal lernen." Durch das Deep Web bewegte er sich mit Hilfe von Tor, einer Art digitalem Schleier. Das Netzwerk ist eine kostenlose Software, mit der er einigermaßen anonym im Internet surfen kann, sie verschlüsselte Wallens Verbindung mehrfach und leitete sie über Zwischenstationen um. Mit Tor waren seine Bewegungen im Internet für Überwacher schwer nachzuverfolgen.

Gefälschter Ausweis für ein paar Bitcoins

Wallen besorgte Bitcoins für Aaron Brown, das Internet-Zahlungsmittel, das man in Dollar tauschen kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Mit den Bitcoins kaufte er einen Studenten-Ausweis, eine Autoversicherungskarte, die Kabelrechnung, den Bootsführerschein, einen Ausweis der Zugehörigkeit zu einem amerikanischen Indianer-Stamm und den Führerschein im Deep Web - alles gefälscht für insgesamt sieben Bitcoins, damals waren das rund 400 Dollar.

Browns Interessen konnte er sich nicht aussuchen, er musste nehmen, was er kriegen konnte. "Das Projekt war schwerer, als ich dachte, aber aus anderen Gründen", sagt Wallen. "Es ist leicht, eine neue Person im Internet zu erschaffen, aber es ist sehr schwer, es richtig zu machen. Man muss ständig aufpassen, dass man sich nicht verrät." Ihm sind viele kleine Fehler unterlaufen, er hat zu viel seines Versuchs, nicht dokumentiert zu werden, selbst dokumentiert.

"Vermische die Identitäten nicht"

Die größte Herausforderung, sagt er, war stets darauf zu achten, die richtigen Programme, Netzwerke und Deep-Web-Marktplätze mit den richtigen Kennwörtern zu verwenden. Es gab schließlich E-Mail-Adressen, die mit ein paar Tricks zurück zu Curtis Wallen geführt hätten. An Wallens Bildschirm in seiner Wohnung in Brooklyn klebte seit dem Anfang des Projekts ein Post-it: "Vermische die Identitäten nicht".

All seine Passwörter schrieb er in ein Notizbuch, den einzig sicheren Ort vor den Datensammlern. "Wenn jemand sich wirklich bemühen würde, könnte er wahrscheinlich eine Verbindung zwischen Aaron Brown und mir herstellen. Ich würde mir wünschen, dass es nicht ginge, aber wenn die Behörden einen wirklich finden wollen, schaffen sie es doch fast immer. Es wäre allerdings nicht leicht."

Im vergangenen Oktober hat das FBI zum Beispiel nach jahrelanger Suche den ausgesprochen gewieften Betreiber des Deep-Web-Netzwerks Silk Road verhaftet, eine Art Ebay für Gangster. Wichtig für Aaron Browns Glaubwürdigkeit war außerdem Twitter, der falsche Mensch muss sich äußern - aber ohne auf Wallen hinzuweisen. Der 25-Jährige hat Browns Twitter-Konto @aaronbrown216 mit einem Programm verbunden, so dass jeder den Account benutzen und in Browns Namen twittern kann.

Erst twitterten nur ein paar inzwischen eingeweihte Freunde unter dem Namen, dann wurden es mehr und mehr Menschen, es gibt Liebeserklärungen, Witze, Beschimpfungen und politische Statements unter @aaronbrown216. Gerade hat einer "Fuck you Curtis Wallen" getwittert. Wallen kichert, als er das sieht. "Seit es ein paar Medienberichte über das Projekt gab, ist die Verbindung von Aaron Brown zu mir nicht gerade ein Geheimnis." Aaron Brown sei ihm ans Herz gewachsen, sagt Wallen. "Aber ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich finde, dass jeder mit ihm machen kann, was er will."

Aaron Brown ist aktuell auf Wohnungssuche

Aaron Brown lebt. "Gerade sucht er nach einer Wohnung in Cleveland, habe ich gehört", sagt Wallen - und grinst. Schließlich sei sein geheimer vorheriger Wohnsitz ja bekannt, seit Wallen in den Medien von ihm erzählt. "Aaron mag aber Anonymität." Das Spiel mit den Identitäten macht Wallen Spaß, manchmal redet er von ihm wie von einer richtigen Person und manchmal ist er nur ein Projekt.

"Als plötzlich Leute auf Spanisch über @aaronbrown216 twitterten, dachte ich: Wow, wo hast du denn Spanisch gelernt, Aaron?" Nun sucht er für Brown nach einer Wohnung in Cleveland, die er für ein bis zwei Monate mieten will. Dort soll Brown dann mit seinem Computer, seinen Fotos, dem Post-it und all seinen Dokumenten einziehen, Wallen will das dokumentieren - es wird eine Art Galerie, die zwar niemand besuchen soll, die man aber im Internet aufspüren kann. Mit den falschen Ausweisen hat Wallen Gesetze gebrochen, er hat deswegen schon mit einem Anwalt gesprochen.

Die Polizei habe sich noch nicht bei ihm gemeldet, aber mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, mit jedem Zeitungsartikel über ihn wächst die Gefahr. Im Oktober spricht er sogar auf einer Konferenz in Deutschland über sein Projekt, auf der "border:none" in Nürnberg. Schlimmstenfalls drohe ihm Gefängnis, sagt er. "Ich habe entschieden, dass es das Risiko wert ist. Ich bin ja jung." Er habe niemanden betrogen und hatte keine kriminellen Absichten, darum hofft er auf eine - wenn überhaupt - milde Strafe.

"Die meisten Leute interessieren sich nicht für Datenschutz, weil sie glauben, dass sie nichts zu verstecken haben", sagt Wallen. "Aber das ist sehr egoistisch. Andere Leute könnten ja etwas zu verstecken haben und einen guten Grund dafür. Auch Martin Luther King wurde vom FBI überwacht und nun ist er ein Nationalheld. Ein gewisser Grad von Anonymität ist wichtig für den Fortschritt der Gesellschaft."

Sein iPhone hat er verkauft, die Laptop-Kamera klebt er ab

Wallen ist gleichzeitig Künstler und politischer Aktivist, seine Kunst soll Menschen die Augen öffnen. "Es gibt mit den Regierungen und mit Konzernen wie Facebook oder Google zwei mächtige Gruppen, die ein Interesse daran haben, dass das Internet nicht frei ist", sagt er. Und: "Der erste Schritt zur Freiheit ist, dass die Leute wissen, was diese Gruppen tun."

Das Projekt hat sein Leben verändert, sein Leben als Curtis Wallen. Er hat sein iPhone verkauft, als der Berliner Chaos Computer Club die Sicherheitslücken der Handys aufdeckte. Er hat sich bei Facebook abgemeldet. Die Kamera an seinem Laptop hat er mit schwarzem Klebeband zugeklebt. Wenn er im Internet surft, benutzt er Sicherheitsfilter. Er arbeitet nicht mit Windows, sondern mit dem Konzern-unabhängigen Betriebssystem Linux.

Alle E-Mails verschickt er mit einer verschlüsselten Software - jede Kleinigkeit, sogar die Einladung zum nächsten Grillabend an einen Kumpel. "Man macht sich bei den Behörden ja schon dadurch verdächtig, dass man Verschlüsselungsprogramme einsetzt. Die denken dann, man hätte etwas zu verbergen", sagt er. Und: "Das wird sich erst ändern, wenn sie mehr und häufiger benutzt werden, auch für harmlose Dinge."