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Musikstreaming:Spotify-Nutzern fehlt die Orientierung

500 Millionen Dollar habe sein Unternehmen seit Gründung an die Plattenfirmen überwiesen, rechnet er Punk-untypisch vor. Möglich wird dies durch 20 Millionen aktive Nutzer, von denen ein Viertel den bezahlpflichtigen Premium-Dienst für fünf oder zehn Euro monatlich nutzt. So wurden bereits eine Milliarde Playlists erstellt. Das soll beeindrucken, ohne protzig zu wirken, deshalb schiebt Ek die Information nach, dass vier Millionen davon das Wort "Liebe" im Titel tragen.

Trotzdem hat Ek außer dem sanften Popstreber-Nörgeln (gegen das er den Mumford-and-Sons-Manager auf die Bühne holt, der sagt, dass Streaming nicht den Verkauf von Musik kannibalisiert) ein zweites Problem, das mit dem oben beschriebenen "Matrix"-Moment zu tun hat: Die Nutzer von Spotify wissen nicht so genau, an welchem dieser unendlich vielen Regale sie sich zuerst bedienen sollen.

Das Digitale bietet ein Zuviel, für das die Menschheit noch keine Kulturtechnik entwickelt hat. In Zeiten des Vinyls diente das private Regal im Wohnzimmer als Ausweis von Kennerschaft und Distinktion. Heute gibt es Regale in Güterzug-Länge im Netz. Wer nicht weiß, dass "Rock The Casbah" 1982 auf dem Album "Combat Rock" veröffentlicht wurde, schaut es halt schnell nach. Aber wie soll man sich da orientieren?

Nutzer können Fans sammeln

Was echte Menschen hören, soll bald als Leitfaden dienen. So wird eine Funktion namens Music-Graph, mit der sich Spotify Anfang Januar erneuert, Playlisten anbieten. Der Streaming-Dienst, der zum Deutschlandstart nur in Kombination mit Facebook zu nutzen war, nähert sich damit dem Follower-Prinzip von Twitter an. Musiker, Prominente, gewöhnliche Nutzer können künftig Fans sammeln, die ihrer persönlichen Musikauswahl folgen. Jeder wird so zum DJ und kann mit seinem Musikgeschmack Gefolgschaft sammeln. "Willst du wissen, was Obama hört, bevor er der Welt Rede und Antwort steht?", fragt die Pressemitteilung und antwortet: "Jetzt ist es möglich."

Dass ausgerechnet Obama hier als Beispiel angeführt wird, sagt einiges über den Zustand des Pop und die Orientierungsmuster im Digitalen: Twitter hat das DJ-Prinzip auf Text übertragen und liefert einer wachsenden Zahl an Menschen personalisierte Live-Informationen. Dieses Prinzip will sich die Musik jetzt zurückholen: Spotify zeigt künftig nicht mehr nur an, was enge Freunde hören, sondern schafft Leitfiguren, die Orientierung liefern sollen im unübersichtlichen Überangebot des Digitalen.

Vielleicht steckt in diesem Ansatz mehr als nur ein Relaunch von Spotify. Vielleicht zeichnet sich hier ein Relaunch des Prinzips des Kritikers ab, der seine Autorität nicht mehr nur im Reden über Musik begründet, sondern im Hören und Vorspielen. Vielleicht liefert die Demokratisierung der DJ-Culture eine Zukunftsperspektive auch für andere Inhalte im Digitalen. Wie heißt es in "Matrix"? "Niemand hat so etwas jemals zuvor getan." - "Deshalb wird es jetzt funktionieren."

© SZ vom 08.12.2012/joku

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