Mathematik und Überwachung im Netz Gute Zahlen, schlechte Zahlen

Ulrich Trottenberg, 69, war bis Frühjahr 2012 Professor für Angewandte Mathematik und Wissenschaftliches Rechnen in Köln.

(Foto: privat)

Als die Atombombe fiel, hatte die Physik ihren Sündenfall. Heute wird massenhaft überwacht, spioniert, berechnet. Müssen sich Mathematiker verantwortlich fühlen?

Von Ulrich Trottenberg

So wie das sprichwörtliche Messer, lebensnotwendig im Alltag und potenzielles Mordinstrument, wird auch die Mathematik von den meisten Menschen und den meisten Mathematikern als wertneutral gesehen. Wird sie - oder wurde sie so gesehen? Bücher wie jene von Frank Schirrmacher und tägliche Artikel in der Presse beschreiben drastisch, wie mathematische Algorithmen dazu verwendet werden, Menschen auszuspähen und Personen auf der Basis der Spuren, die sie im Internet hinterlassen, so präzise zu charakterisieren, dass ihr Verhalten vorhersagbar zu werden scheint.

Findet ein Bewusstseinswandel statt? Juli Zeh fordert in einem offenen Brief an die Kanzlerin einen "TÜV für Algorithmen", um Verletzungen der Persönlichkeitsrechte und gesellschaftliche Schäden, die Algorithmen anrichten können, auszuschließen oder wenigstens so weit wie möglich zu begrenzen.

Mathematik wird unterschätzt und überschätzt

Sind die Mathematiker und Informatiker, die solche Algorithmen entwickeln, mitverantwortlich für die Grenzüberschreitungen, die in der NSA-Affäre bekannt werden? Der Mathematik steht die Öffentlichkeit immer noch distanziert gegenüber. Sie gilt als schwierig und abgehoben. Kippt ihr Image auch noch vom harmlos Abstrakten ins bedrohlich Konkrete, stellt sich die Frage, ob Mathematiker eine ähnliche Verantwortung für die Entwicklung der Welt übernehmen müssen, wie vor 70 Jahren die Physiker im Kontext der Kernenergie und Kernwaffentechnik.

Mathematik wird unterschätzt und überschätzt. Unterschätzt, weil die entscheidende Rolle, die sie für die technischen und naturwissenschaftlichen, aber auch für wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftliche Entwicklungen der letzten 50 Jahre spielt, von den meisten Menschen nicht erkannt wird. Mathematik durchdringt heute die Welt und gestaltet sie entscheidend, sie steckt im Auto, im Handy, im Hausgerät, im Fastfood, im Handwerk, überall.

Andererseits wird Mathematik überschätzt. Einerseits, weil Mathematikern bisweilen eine kuriose Bewunderung entgegengebracht wird. Und auch, weil der Mathematik seit der NSA-Affäre eine heimliche, von demokratischen Gremien nicht kontrollierte Macht zugeschrieben wird.