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Hifi-Anlage für 300.000 Euro:Im Klang-Nirwana

Glimmende Röhren, zwei Kanäle, analog - wie eine Anlage im Wert von 300.000 Euro für den perfekten Klang sorgen soll.

Jörg Buschmann

Wir hatten uns mit Alexander Voigt zum Musikhören verabredet - was nicht leicht war. Denn erst nach Wochen war an Voigts Hifi-Anlage alles perfekt und penibel justiert. Schließlich setzt sie sich aus den Spitzenprodukten der englischen Firma Audio Note zusammen, deren deutscher Vertreter Voigt ist.

Hifi-Anlage von Audio Note: Klassische Röhrentechnik, zweikanalig und analog.

Die Anlage, die etwas mehr als 300.000 Euro kostet, basiert auf klassischer Röhrentechnik, ist zweikanalig und analog. Nichts davon gibt es im Elektromarkt am Stadtrand. Und nun soll ausgerechnet Tom Jones uns von ihrer Qualität überzeugen?

Für einige ist schon der Name Audio Note ein Mythos. Und eine Anlage aus deren besten Produkten gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Im Untergeschoss eines schlichten Einfamilienhauses in Nordhessen steht man vor zehn bis zwölf, bierkastengroßen Kisten, zwei Plattenspielern und zwei Lautsprechern - und ist erst mal enttäuscht. Es funkelt und blitzt nichts, das Design ist eher technisch und schlicht.

Wo stecken nun die 300.000 Euro? Da muss man wortwörtlich in die Tiefe gehen - Alexander Voigt öffnet Gehäusedeckel und gewährt Blicke ins Innenleben der Kisten. Und das unterscheidet sich dann doch sehr von anderer Highend-Ware.

Fast alles bei Audio Note ist ein Eigenprodukt und in vielem steckt das Edelmetall Silber: Die Kondensatoren sind Ölpapier-Typen, gewickelt auf Kupfer- und Silberfolie, Eingangsübertrager bestehen aus hunderte Meter langem Silberdraht, Verbindungskabel, Lautsprecherkabel, ja selbst kürzeste Drähte in den Geräten - alles aus Silber.

Originalteile aus den vierziger Jahren

Und auch der Rest ist keine Stangenware, die verwendeten Röhren sind Originale aus den vierziger und fünfziger Jahren, die unbenutzt in vergessenen Lagern überlebt haben. Leiterbahnen findet man auch nicht. Stattdessen werden die Bauteile von Hand auf Sockel gelötet, die in einer hölzernen Plattform stecken. Und das dauert. Voigt: "An unserer großen Vorstufe arbeitet ein Techniker zwei Wochen." So viel Individualität schlägt sich auch im Angebot nieder, es gibt zahlreiche Varianten der Geräte.

Gegründet wurde Audio Note vor 25 Jahren von Peter Qvortrup. Er darf als einer der Hauptverantwortlichen für die Renaissance der totgeglaubten Röhrenverstärker gelten. An der Schallplatte als Hauptmedium hat der passionierte Vinyl-Sammler natürlich auch festgehalten.

Alexander Voigt ist daher besonders stolz, die letzten Entwicklungen von Audio Note vorführen zu können: den Reference-Plattenspieler TT3, 92.000 Euro teuer und ausgestattet mit drei Motoren. An jedem hängt eine dieser bierkastengroßen Kisten, die wie ein Verstärker funktionieren und eine neue Netzspannung erzeugen.

Im hauseigenen Tonarm steckt - weltweit einzigartig - ein Tonabnehmer mit eigener Energieversorgung; alles zusammen kostet 24.000 Euro. Das Musiksignal durchläuft dann ein paar Übertrager aus Silberdraht für 13.700 Euro und gelangt in die Vorstufe M9, die mit 77.000 Euro zu Buche schlägt. Weiter geht es über ein Verbindungskabel, das auch aus Silber ist, den Musikfreund um 5.000 Euro ärmer und um eine Lektion englischen Humors reicher macht. Es trägt den Namen Sooto, was für "So over the top" steht.

Die Endstufe ist dann eine Überraschung, denn: Sie kostet nur 2600 Euro (ohne Röhren) und wäre damit bezahlbar. Die Schaltung ist simpel und bewährt. Und die Ausgangsröhre eine Rarität aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ein paar original US-Röhren vom Typ 45 sollen den Schmelz direkt geheizter Trioden verbreiten.

Audio Notes Lautsprecher, klassische Zweiwegetechnik, stehen in den Ecken. Im Gegensatz zu den meisten modernen Angeboten, die möglichst frei im Raum aufgestellt werden sollen, sind die von Audio Note tatsächlich für die Ecken konstruiert. Die Frequenzweichen sind nicht weiter kompliziert, wohl aber sehr genau und groß. Audio Note hat sie in eigene Gehäuse ausgelagert - das sind zwei der Bierkästen.

Zeit für Tom Jones. Den hatte man bislang ja nie so ernstgenommen. Was anscheinend ein schwerer Fehler war: Seine Stimme steht groß und mächtig im Raum. Und man kann den Aufnahmeraum und jedes Geräusch in großer Natürlichkeit wahrnehmen. Muss wohl eine audiophil bearbeitete Nachpressung sein. "Flohmarktfund, fünf Euro", winkt Alexander Voigt ab.

Und legt die nächste Platte auf, Elvis mit "Fever". Wieder scheint man mitten ins Studio reinzuhören. So nah war Elvis selten. Bei Ute Lemper lässt sich der Beginn der digitalen Aufnahme- und Bearbeitungstechnik der Achtzigerjahre in aller Künstlichkeit und Härte erfahren. Die Anlage bleibt aber immer eher auf der freundlichen und angenehmen Seite.

Losgelöst vom Lautsprecher

Ihre vielen Komponenten scheinen sich in den Dienst der Musik zu stellen, sie verschwinden hinter den Interpreten. Die erfüllen dafür den Raum ohne elektronischen oder mechanischen Beigeschmack. Als habe man einen Vorhang vor den Lautsprechern bei Seite gezogen. Die Klangereignisse scheinen jetzt und hier im Raum stattzufinden, losgelöst vom Lautsprecher. Das ist spektakulär in seiner Selbstverständlichkeit.

Was bleibt nach einem Vormittag im Highend-Nirwana? Konten plündern, Bausparvertrag auflösen, Auto verkaufen? Das Geld für diese Anlage werden wohl nur wenige aufbringen wollen - oder können. Muss man vielleicht auch gar nicht. Audio Note selbst hat preiswertere Sachen im Programm: Vollverstärker für bereits 1700 Euro oder Lautsprecher für 2500 Euro. Die technischen Grundgedanken, die Klangidee sind dann ähnlich. Und ab einer bestimmten Stufe ist eine Verbesserung ohnehin mit enorm steigenden Kosten verbunden.

So kann man sich trösten. Und hört noch in die eine oder andere mitgebrachte Schallplatte rein auf der famosen Anlage in Voigts Vorführkeller. Der hatte allerdings im Vorgespräch genau davor gewarnt: "Viele können die Platten danach bei sich zu Hause nicht mehr hören." Leider sollte Alexander Voigt in dieser Frage recht behalten.

© SZ vom 17.01.2011/joku

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