Süddeutsche Zeitung

Handy-Ladegeräte:Was gegen den Kabelsalat helfen soll

  • Forscher nennen der EU Möglichkeiten zur Vereinheitlichung von Ladegeräten und Ladekabeln. Alle Vorschläge haben demnach aber Nachteile.
  • Die Vorschläge lauten unter anderem: ein Zwang zu USB-C in Europa oder eine Adapterpflicht für Hersteller, die sich dem verweigern.
  • Zudem geht es darum, Elektroschrott zu vermeiden.

Sie sammeln sich in Schubladen an, und manche werden erst gar nicht aus der Verpackungsbox herausgeholt: Ladegeräte und -kabel für Handys und Tabletrechner. Wer ein neues Mobiltelefon kauft, erhält Ladeblock und Kabel dazu, auch wenn er weiter sein altes Zubehör nutzen könnte. Ein wichtiger Grund für diese Zwangsbeglückung sind unterschiedliche Standards. Nicht jeder Stecker passt in jedes Smartphone - daher können Hersteller nicht voraussetzen, dass schon die richtigen Kabel vorhanden sind. Doch dies könnte sich in absehbarer Zeit ändern. Die EU-Kommission will im Spätsommer einen Gesetzesvorschlag für ein einheitliches Ladegerät für Handys und ähnliche Geräte präsentieren. Das verspricht die Brüsseler Behörde in ihrem Arbeitsprogramm.

Die Kommission gab bereits eine Studie zu den verschiedenen Optionen in Auftrag, unter anderem beim Berliner Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme. Das 211-Seiten-Werk, das kürzlich fertiggestellt wurde, kommt zum Schluss, es gebe "keine eindeutig beste Lösung", alles habe Vor- und Nachteile. Trotzdem sind klare Favoriten zu erkennen - und die dürften in erster Linie dem kalifornischen iPhone-Hersteller Apple missfallen.

Denn am besten schneidet der Vorschlag ab, dass in Europa verkaufte Geräte nur einem Standard beim Handy-Eingang folgen sollten, und zwar USB-C. Den nutzen die meisten höherwertigen Telefone. Apple hingegen verwendet den nur für große Tablets sowie Laptops und verbaut ansonsten den eigenen Lightning-Standard. Ein Kompromiss wäre, USB-C vorzuschreiben, doch andere Stecker zu erlauben, wenn der Hersteller Adapter mitliefert. Die Forscher sehen hier aber nur wenig Nutzen und halten es für unwahrscheinlich, dass dies ein lohnender Ansatz sein könnte.

Ergänzend könnte die EU vorschreiben, dass die Ladegeräte, also die Blöcke, die an der Steckdose hängen, ebenfalls kompatibel mit sämtlichen Handys sein müssen. Allerdings sei das bereits weitgehend erreicht, schreiben die Wissenschaftler. Eine Verschärfung wäre die Forderung, dass Blöcke schnelles Aufladen unterstützen müssen. Diese Option würde aber die Preise erhöhen, warnen die Forscher.

Der erste Pakt lief 2014 aus

Sie weisen zudem darauf hin, dass die Standardisierung der Kabel und Blöcke allein keinen Elektroschrott vermeiden helfe. Einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz gebe es nur, wenn als Folge der Vereinheitlichung Handys nicht mehr automatisch mit Kabel und Ladeblock verkauft würden, heißt es. Daneben mahnen die Fachleute, dass Festlegungen auf Standards Innovationen bremsen könnten, weil Konzerne weniger Anreize hätten, an besseren Alternativen zu forschen. Im Zweifel sei es daher günstiger, die Ziele durch freiwillige Vereinbarungen der Industrie zu erreichen als mit Gesetzen.

Die Hersteller schlossen solch eine Vereinbarung schon 2009 ab, auf Betreiben der EU-Kommission. Der Pakt lief 2014 aus, und die Gespräche über eine Nachfolgeregelung zwischen Unternehmen und Brüsseler Behörde brachten bislang kein Ergebnis. Deswegen droht die Kommission nun mit einem Rechtsakt - und wird dabei vom Europaparlament unterstützt, das sich Ende Januar mit breiter Mehrheit für neue Gesetze aussprach. Der Typ von Regulierung, welcher der Kommission vorschwebt, würde automatisch in Kraft treten, wenn nicht die Mehrheit in Parlament und Ministerrat widerspricht. Da Europa ein wichtiger Markt ist und Hersteller ungern unterschiedliche Standards verbauen, könnte das EU-Einheitskabel früher oder später zur weltweiten Norm werden.

Kritiker, etwa Vertreter von Apple, weisen allerdings darauf hin, dass bereits die freiwillige Vereinbarung von 2009 zu deutlichen Verbesserungen geführt habe. Gab es damals mehr als 30 Anschlusstypen, sind es nun drei - neben USB-C und Lightning das Auslaufmodell Micro-USB. Auf der anderen Seite des Kabels, beim Stromblock, finden sich zwei Varianten. Und anders als früher sind Kabel und Block nicht mehr fest verbaut, sondern getrennt. Doch der EU reicht das nicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4801184
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.02.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.