Datenschutz Eine Mail-Adresse bringt 0,75 Cent

Ob Fotos von Städten, Ereignissen oder Freunden, Bilder werden überall gemacht, Daten preisgegeben. Konzerne verdienen damit viel Geld, doch auch Nutzer überlegen inzwischen, ob sie profitieren können.

(Foto: Photo by Tom Grimbert on Unsplash)

Tech-Konzerne wie Google verdienen Milliarden mit Nutzerdaten. Doch wie lässt sich deren Wert berechnen und wie können Nutzer davon profitieren?

Von Jan Schwenkenbecher

Schon seit Längerem fordern die EU-Finanzminister eine Digitalsteuer. Vergangene Woche besuchte der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) in Berlin und besprach sich mit ihm. Wie eine solche Digitalsteuer aussehen könnte, weiß zwar immer noch niemand, aber im Dezember soll sie fertig sein. Das Ziel ist allerdings klar: Sie soll jene Unternehmen betreffen, die aus Daten, die sie hierzulande sammeln, riesigen Wert schöpfen.

Damit dürften vor allem Google, also Alphabet, und Facebook gemeint sein. Beide Unternehmen sind mehrere Hundert Milliarden Euro wert und zählen zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Dabei verkaufen sie praktisch nichts außer Werbeplätzen im Internet. Das allerdings können sie besonders gut. Denn weil sie unzählbare Mengen an Daten von den Nutzern ihrer Dienste sammeln, wissen sie genau, welchem Nutzer sie am besten welche Werbung zeigen. Die Nutzer bekommen im Tausch gegen ihre Daten zwar Zugang zu den Diensten der Firmen. Doch ist das ein fairer Deal? Um das beurteilen zu können, muss man erst mal wissen, was die Daten eines Einzelnen eigentlich wert sind. Das ist nicht leicht, es gibt aber dennoch ein paar Annäherungswege.

Preis bei Datenhändlern

Der vielleicht direkteste Weg ist zu schauen, was für Daten am Markt bezahlt wird. Dabei hängt der Preis stark davon ab, um welche Daten es sich handelt. 2013 wertete die OECD in einem Report aus, was verschiedene Datensätze bei Online-Datenhändlern so kosten. Eine US-Adresse gab es für umgerechnet 0,44 Euro, ein Geburtsdatum kostete 1,75 Euro, sieben Euro musste man hingegen für eine Sozialversicherungsnummer zahlen. 2,60 Euro kostete die Nummer eines Führerscheins und stolze 31 Euro war der Preis für eine persönliche Militärakte. Für Deutschland ergab eine 2017 aktualisierte Studie des Justizministeriums, dass eine einfache Haushaltsadresse zwischen 6,5 und 24 Cent kostet, eine E-Mail-Adresse ist zwischen 0,75 und einem Cent wert.

Unternehmensumsatz je Nutzer

Der wohl gängigste Ansatz, den monetären Wert von Daten zu bestimmen, ist, den Wert von Unternehmen auf seine Nutzer umzulegen. Man teilt den Umsatz durch die Anzahl aktiver Nutzer. Anleger sprechen hier auch vom "ARPU", dem "Average Revenue per User", also dem Umsatz je Nutzer. Besonders bei Internetfirmen wie Facebook und Google ist das auch für Anleger ein beliebtes Modell, um zu sehen, wie gut die Firmen die Daten ihrer Nutzer zu Geld machen können.

Vergangene Woche präsentierte Twitter die aktuellen Quartalszahlen und machte demnach zwischen Anfang Juli und Ende September einen Umsatz von 667 Millionen Euro. 326 Millionen aktive Nutzer habe man in diesem Zeitraum gehabt - 2,05 Euro waren die Daten eines Twitterers also für das Unternehmen in den drei Monaten wert. Für Facebook liegt der Wert aktuell bei 5,25 Euro. Der Wert hängt aber immer stark vom Wohnort und damit von der Kaufkraft der einzelnen Nutzer ab. In Nordamerika sind die Facebook-Daten mehr als 20 Euro im Quartal wert, im asiatisch-pazifischen Raum nur zwei bis drei Euro. In Nordamerika lohnt sich Werbung mehr, das macht Werbeplätze teurer, und damit sind auf diesem Rechenweg die Daten der Nutzer mehr wert.

Für Google ist der ARPU-Wert schwer zu bestimmen, da das Unternehmen meist nur Nutzerzahlen zu einzelnen seiner vielen Dienste nennt. Einige Studien haben dennoch Annäherungswerte ermittelt - sie kommen dabei meist auf Werte um die 35 bis 45 Euro.

Schaden einer Datenpanne

Wie viel Daten wert sind, wird auch greifbar, wenn man auf den finanziellen Schaden einer Datenpanne schaut. Im März 2007 etwa wurden beim US-amerikanischen Einzelhandelskonzern TJX Companies die Kredit- und Debitkartennummern von 94 Millionen Kunden gestohlen. Der Konzern musste im darauffolgenden Jahr 118 Millionen Dollar zur Wiedergutmachung bereitstellen - macht etwa 1,11 Euro je beklautem Kunde. Nicht im Preis inbegriffen ist der enorme Schaden für den Ruf des Unternehmens.

Kosten von Datenschutz

Man kann auch einfach schauen, wie viel Geld Nutzer zahlen, um ihre Daten zu schützen. Das ist je nach Art der Daten verschieden. 2013 errechneten zwei Forscher der University of Colorado at Boulder, wie viel Geld App-Nutzern ihre Privatsphäre wert war. Um den Browser-Verlauf geheim zu halten, waren sie bereit, zwei Euro zu zahlen. 3,56 Euro waren es für ihre Kontaktliste, 1,05 Euro war der Standort wert und 3,15 Euro der Inhalt ihrer Textnachrichten. Für 17,50 Euro im Monat bietet das Projekt "Protect my ID" den umfassenden Schutz aller Daten. Sollte doch etwas abhandenkommen, beträgt die Versicherungssumme bis zu 880 000 Euro. Noch ein Hinweis: Werbefreie E-Mail-Dienste, die die Daten ihrer Nutzer also Werbekunden nicht zur Verfügung stellen, kosten zwischen einem und drei Euro im Monat.

Wünsche von Nutzern

Um zu wissen, wie viel Geld den Nutzern ihre Daten wert sind, kann man natürlich auch die Nutzer fragen, wie viel Geld ihnen ihre Daten wert sind: Für wie viel Geld würden sie welche ihrer Daten verkaufen? 2014 untersuchten das zwei Forscher des Düsseldorf Institute for Competition Economics. Nur zehn bis 20 Prozent der Befragten waren gar nicht dazu bereit, ihre Daten zu verkaufen - beim Rest ging es um den Preis. 15 Euro wollten die Befragten für Kontaktdaten wie Name, Adresse, E-Mail und Telefonnummer. Die Facebook-Daten waren ihnen mehr wert: Für Name, About-Seite und Timeline wollten sie 19 Euro haben.

Selbstversuchsrechner

2013 veröffentlichte die Financial Times einen Onlinerechner, bei dem jeder selbst ausprobieren kann, was seine Daten wert sind. Dazu wurden aus zahlreichen Quellen die Werte einzelner Informationen für Firmen bestimmt. Alter oder Geschlecht einer Person sind demnach 0,0004 Euro wert, für Details zum Einkommen oder eine Liste vergangener Einkäufe sind es 0,001 Euro. Mitte 2017 hat die Financial Times den Rechner aktualisiert, und wenn man nach und nach seine Daten einspeist, wird schnell eines deutlich: Je reicher und wichtiger jemand ist, desto wertvoller sind auch seine Daten.

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Unser Autor hat sein persönliches Facebook-Archiv heruntergeladen. Es ist erschreckend groß - und dennoch unvollständig. Tatsächlich sammelt Facebook viel mehr Daten. Von Simon Hurtz mehr...