Süddeutsche Zeitung

Dubiose Online-Lexika:Der große Wikinepp

Fragwürdige Verlage stellen Bücher aus Wikipedia-Inhalten zusammen, geben ihnen spannende Namen und verkaufen sie für gutes Geld. Auch deutsche Bibliotheken gehören zu den Abnehmern.

Man stelle sich vor: Jemand interessiert sich für ein spezielles, vielleicht skurriles Thema. Er stöbert, forscht, trägt alles zusammen, was er findet. Sein Wissen stellt er der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung, in der idealistischen Hoffnung, dass andere fehlende Puzzleteile ergänzen.

Plötzlich offeriert ein Internethändler zu diesem Thema ein Buch. Der Forscher ist erfreut, kauft es - und stellt fest: Das Werk, für das er 22,19 Euro bezahlt hat, ist nur eine Zusammenstellung verschiedener Wikipedia-Artikel. Sieben davon hat er selbst verfasst.

Genau das ist dem Wiener Literaturwissenschaftler Andreas Weigel passiert. Sein Spezialthema ist die Beziehung James Joyces zu Österreich, und Ende August stieß er bei Amazon.de auf den Bandwurmtitel "James Joyce: Ulysses, Hans Wollschläger, Dubliner, Finnegans Wake, Nora Barnacle, Siegmund Feilbogen, Adolph Johannes Fischer, Fluviana". Herausgeber war die "Bucher Gruppe", die zum Verlag "Books Llc" gehört.

Weigel vermutete zwar, dass jemand seine eigene Internetseite angezapft hatte - schließlich wird im Netz tagtäglich abgeschrieben und geklaut. Doch es stammte alles von Wikipedia, eine wilde Mischung aus der Kategorie "James Joyce". "Das ist Kundentäuschung!", sagt der 48-Jährige der SZ.

"Die Hauptautoren oder zumindest Wikipedia müssten wenigstens auf dem Titel genannt werden." Doch die Herausgeber, die aus der Mühe und der unentgeltlichen Arbeit anderer Profit ziehen, sind rechtlich auf der sicheren Seite. Denn alle Wikipedia-Texte unterstehen einer sogenannten Creative-Commons-Lizenz, die auch die kommerzielle Nutzung erlaubt, soweit irgendwo im Buch auf die Online-Enzyklopädie und die freie Lizenz verwiesen wird.

Miserable Qualität

Weigel schildert seine Erlebnisse auf seiner Homepage, gescannte Seiten veranschaulichen den Bericht. Der Literaturwissenschaftler stößt sich vor allem an der miserablen Qualität des Werks, das laut Stempel einen Tag nach seiner Bestellung in La Vergne, Tennessee, gedruckt wurde.

Im Titel fehlen Sonderzeichen, die standardisierte, computerübersetzte Einleitung gleicht einer Satire: "Denken Sis, dass Sie das Buch verbessern kann? Wenn so, sehen Sie die On-Line Version an und Veränderungen vorschlagen." Der Index setzt sich aus jenen Schlagworten zusammen, die online verlinkt sind (etwa "anpinkelten"), statt der Bilder gibt es Hinweise wie: "Online image: Seal".

Und das Inhaltsverzeichnis ordnet die Artikel schlicht nach den Anfangsbuchstaben der ersten Worte - so folgen auf "Bloomsday" "Die Verbannten" und "Dieter H. Stündel". Dabei lag der Preis über dem, was man für eigene Ausdrucke oder die Anfertigung bei alternativen Anbietern von "Book on Demand", also Büchern, die auf Bestellung gedruckt werden, zahlen müsste.

Erschreckend ist die schiere Masse solcher Bandwurmtitel, die mittlerweile über den Amazon Marketplace bestellt werden können: Der Suchbegriff "Books Llc" wirft mehr als 58.000 Treffer aus, zum Beispiel das Werk "Gewrz: Schnittlauch, Pfeffer, Gewrzvanille, ...". Unter den insgesamt 14,3 Millionen englischen Büchern sind es gut 400.000.

Deutschsprachige Bibliotheken greifen zu

Anbieter Amazon, dem Blogger und Autoren Tatenlosigkeit und eigene Profitinteressen vorwerfen, redet sich heraus, man wolle "nicht darüber entscheiden, welche Titel oder welche Inhalte von Kunden (nicht) erworben werden können, sofern sie legal erhältlich sind". Auch Wikimedia Deutschland, der Verein, der Wikipedia trägt, sieht es nicht als seine Aufgabe an, zu kritisieren oder gar einzugreifen.

Books Llc ist nicht das einzige Unternehmen, das Profit aus dem bei Wikipedia gesammelten Wissen zieht. Mehrere Verlage, die zur "VDM Publishing House Ltd." mit Sitz auf Mauritius gehören, haben Wikipedia als Goldgrube entdeckt: Nach eigenen Angaben haben der "Doyen Verlag", "Alphascript Publishing", "Betascript Publishing" und "Fastbook Publishing" "leider erst" 350.000 Titel herausgegeben, die auf Wikipedia-Artikeln beruhen; knapp 6000 finden sich bei Amazon.

Zum Firmennetz gehört auch der "VDM Verlag Dr. Müller" in Saarbrücken, der bislang vor allem mit dem Nachdruck von wissenschaftlichen Arbeiten Geschäfte gemacht hat. Den Angeboten dieser Gruppe muss man zu Gute halten: In der Amazon-Beschreibung wird auf Wikipedia hingewiesen, die Zusammenstellung der Artikel erscheint weniger wahllos, und die Einleitung ist in einwandfreiem Deutsch verfasst.

Doch wer soll so etwas kaufen? Wer ist in der Lage, bei Amazon nach Literatur zu suchen, zahlt aber 22,19 Euro oder auch 39 Euro für eine Kompilation von Texten, die er kostenlos und tagesaktuell herunterladen könnte?

"Sinnlose Bücher" im Bestand

In der VDM- Gruppe war bislang keiner zu sprechen, der die Geschäftsidee erläutern oder Angabe zur Zielgruppe machen könnte. Auf der Homepage von Books Llc fehlt sogar ein Impressum. Nur wer ein Buch bestellt hat, kann sich einloggen. Dort findet sich aber die Angabe, dass angeblich vor allem Bibliotheken die Wiki-Bücher kaufen.

In diesem Zusammenhang ist es erschreckend, was der Dresdner Plagiatsforscher Stefan Weber entdeckt hat: Im Karlsruher Virtuellen Katalog hat er für die genannten Verlage 417 Treffer in den Beständen deutscher, österreichischer und Schweizer wissenschaftlicher Bibliotheken gefunden. Er könne nicht eruieren, wie viele kommunale öffentliche Bibliotheken "diese sinnlosen Bücher" gekauft haben.

Womöglich seien weit mehr als 1000 im Umlauf.

Lesen Sie hierzu Berichte in der Süddeutschen Zeitung.

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SZ vom 30.09.2010/joku
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