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Digitales Morgen:1. Schreiben ist das neue Reden

Menschen, die sich um den Fortbestand der Kultur sorgen, bedrückte in den 1980er Jahren eine Angst, die mit einem Übermaß an Bildern zu tun hatte. Das sich ständig ausbreitende Fernsehen spülte Bilder, Bilder, Bilder in die sprichwörtlichen Wohnzimmer der Menschen. Daraus erwuchs eine zentrale Sorge: Der Text, der als Ausdruck kontemplativer Tiefe und intellektueller Reife galt, würde durch das TV-Signal ungelesen in den Hintergrund - konkret in die Ecken der Buchregale - gedrängt.

Wie merkwürdig diese Sorge 30 Jahre später wirkt, erkennen wir daran, dass man jüngeren Smartphone-Besitzern heute erklären muss, dass sie mit ihrer aktuellen Version des Taschencomputers auch telefonieren können. Smartphone-Nutzung gerade unter jungen Menschen ist kurztextgetrieben. Live-Chats, Twitter- und Facebook-Nutzung sowie die gesamte Mailkommunikation ist zwingend an das Medium Text geknüpft. Erst langsam (z. B. durch das Aufkommen von Instagram und Snapchat) werden auch Bilder in diesem Textkontext (mit-)teilbar.

Die Kommunikationskultur ist dadurch lebendiger geworden. Text als kulturelle Kategorie wurde durch neue Abkürzungen und Emoticons belebt [k1] und erfreut sich *lol* einer vitalen wie viralen Präsenz, die zu einer erstaunlichen Verschiebung der Bewertungsmuster geführt hat. Was früher beiläufig dahergesagt war, ist im Netz stets beiläufig dahergeschrieben. Die Flüchtigkeit der gesprochenen Kommunikation wird auf das geschriebene Wort übertragen - und führt so zu einer Renaissance alter oraler Erzähltraditionen in einem neuen, digitalen Kontext der Schriftsprache. Das "ask me anything"-Format auf der Plattform Reddit (Frag mich alles, was du wissen magst) ist zum Beispiel die digitale Entsprechung eines alten Lagerfeuers: Menschen setzen sich zusammen und kommunizieren - nun eben auf Basis von Text.