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Anonyme Nachrichten-App:Whisper-Chef Heyward verteidigt Speichern von Nutzerdaten

  • Nach den Enthüllungen des Guardian äußert sich "Whisper"-Chef Michael Heyward erstmals zur Datenspeicherung der App.
  • Die Vorwürfe der Zeitung kann Heyward nicht widerlegen und gibt zu, mit dem Pentagon zu kooperieren. Die Nutzer wussten davon nichts.
  • Der Guardian und andere Partner von Whisper haben die Zusammenarbeit inzwischen beendet.

Whisper-Chef Heyward äußert sich zu Guardian-Vorwürfen

48 Stunden ließ sich der Chef der Social-Media-App Whisper Zeit, um auf die Recherchen des Guardian zu antworten. Michael Heyward hatte offenbar etwas nachdenken müssen, wie er den Vorwürfen der Zeitung entgegentritt.

Der Guardian hatte enthüllt, dass Whisper massenhaft Nutzerdaten sammelt und speichert, darunter die Zeit, den ungefähren Ort und den dazugehörigen Beitrag, den ein User geteilt hat.

Für eine App, die sich damit brüstet, eine Whistleblower-Plattform zu sein und Anonymität im Netz als ihr größtes Kapital preist, ist das wohl weniger gute Werbung.

Auf einem Blogbeitrag hat sich Heyward nun zu den Vorwürfen geäußert. Die Recherchen des Guardian konnte er dadurch nicht widerlegen.

Heyward: Speichern GPS-Daten nicht automatisch

So gab der 27-Jährige zu, dass Whisper selbstverständlich nicht "fehlerfrei" sei. Auch sammle der Dienst die IP-Adressen seiner Nutzer, um abzuleiten, aus welchem Staat und aus welcher Stadt sie kommen - alles für einen besseren Dienst, wie er beteuerte. Aber das mache ohnehin fast jede App und jede Website, sagte Heyward.

Auch würde Whisper nicht automatisch die GPS-Adresse seiner Nutzer erfassen - nur von denjenigen, die diese Einstellung auf ihrem Gerät aktivieren. Selbst dann, sagt Heyward, "versuchen wir diese Daten bestmöglich zu anonymisieren".

Dabei hatten Whisper-Verantwortliche den Reportern vom Guardian vergangenen Monat persönlich vorgeführt, wie der Dienst mit Nutzerdaten in Wahrheit arbeitet, wie die Zeitung in einer Reaktion auf Heywards Blog-Eintrag schrieb.

Wahrheit sieht anders aus

Chefredakteur Neetzan Zimmermann hatte den Journalisten bei einem Treffen in der Firmenzentrale in Kalifornien anvertraut, dass Whisper mittels eines eigenen Kartographie-Tools die Bewegungen seiner Nutzer verfolgt und ihre Geoposition bis auf 500 Meter vom tatsächlichen Standort bestimmt. So könne man verifizieren, ob gepostete Fakten tatsächlich stimmen, ob sich ein Student beispielsweise auch gerade an der Uni befinde.

Auch Whispers Vize-Präsident Eric Yellin hatte in einer Email-Anfrage des Guardian bestätigt, dass die App "ab und zu" IP-Adressen speichert, um den genauen Ort des Absenders einer Nachricht zu lokalisieren.

Denn der Dienst ist für die Macher auch eine Fundgrube für Geschichten. Die Mitarbeiter von Zimmerman durchforsten aktiv die Nutzerbeiträge der User, um interessante Beiträge zu finden. Denn die App soll für Schlagzeilen sorgen. Und das geht am besten über gute Geschichten - die im Idealfall auch noch wahr sind.

Von diesen Geschichten hatte zuletzt auch der Guardian profitiert, der über Whisper Irak-Veteranen gefunden hatte, die sich zur wachsenden Bedrohung durch die Terrormiliz Islamischer Staat äußerten.

Dass die Zeitung den Dienst nun öffentlich diskreditierte, fand Whisper-Chef Heyward deshalb sehr unpassend. Er sei "schockiert" gewesen, wie er in seinem Blog-Eintrag wissen ließ, wolle sich der Diskussion aber gerne stellen.

Dabei ließ Heyward jedoch offen, was genau Whisper mit den Nutzerdaten anstellt - und wie der Dienst diese Informationen weiterverwendet.

Zusammenarbeit mit dem Pentagon

Was der Firmenchef allerdings bestätigte: Whisper teilt manche Daten auch mit dem Pentagon. Der Dienst stehe dort in enger Verbindung mit dem Selbstmord-Beratungsservice des US-Verteidigungsministeriums. Über 40 000 Menschen habe Whisper schon an die Einrichtung vermitteln können. Nur gesagt hatte Whisper seinen Nutzern nie, dass ihre Daten für solche Zwecke verwendet werden.

Heyward kündigte unterdessen an, er wolle solche Kooperationen in Zukunft ausbauen, "um weiter auf soziale Missstände hinzuweisen."

Erst kürzlich war Whisper auch eine Partnerschaft mit der Website Buzzfeed und dem TV-Sender Fusion eingegangen.

Nach der Enthüllung des Guardian haben beide die Kooperation inzwischen wieder beendet. Auch die Zeitung selbst arbeite nicht mehr mit Whisper zusammen.

© SZ.de/fie/luk
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