Abzocke per SMS-Chat:"War 'ne tolle Nacht. Sehn wir uns wieder?"

Und so können Hager und seine Kollegen fast ungestört weitersimsen. Nahezu endlos. Selbst dann, wenn sich der SMS-Chatter am Ziel seiner Träume wähnt. "Klar, irgendwann muss Julia ihm ein Date anbieten", sagt Hager. Per SMS wird ein Treffpunkt vereinbart. Wer nicht auftaucht, ist Julia. Stattdessen schickt Hager neue Kurzmitteilungen: "Ich habe mich verfahren", lässt er Julia schreiben.

Hager: "Über Google Earth kann ich mir ja ein Bild von der Umgebung des Treffpunkts machen." Wurde zum Beispiel ein Treffen am Stachus in München vereinbart, gibt Julia an, gerade in der Bayerstraße zu sein, also nur ein paar Ecken weiter. "Wie komme ich denn jetzt zum Stachus?", fragt sie wieder per SMS. Wegen der vielen Einbahnstraßen in der Gegend ist das gar nicht so einfach. "So lassen sich noch mal ein paar SMS rausleiern", sagt Hager.

1,99 Euro pro Mitteilung kassieren die meisten Anbieter für diese Dienste. In der Regel gehen 19 Cent an den Betreiber des Mobilfunknetzes, also beispielsweise T-Mobile oder Vodafone. Sieben Cent erhält Hager für jede von ihm generierte Kurzmitteilung. Und einen kleinen Betrag erhält auch der AG-Betreiber. Der große Rest geht an den Mehrwertdiensteanbieter. Das sind unterm Strich 1,20 bis 1,50 Euro pro SMS, schätzt Hager.

Und das ist noch nicht alles. Die Betreiber haben Aufpasser engagiert, die SMS-Moderatoren wie Hager auf die tippenden Finger schauen. Über die Software können sie jeden SMS-Dialog nachverfolgen. Macht Hager einen Fehler, vertippt er sich zum Beispiel bei einem Wort oder kommt er durcheinander, gibt er sich gegenüber einem Julia-Kunden mal als Manuela aus, dann brummt ihm der Aufpasser eine Vertragsstrafe auf. Und zwar drei Euro pro Fehler. "Bei zehn Fehlern im Monat sind das 30 Euro", sagt Hager. Von den 300 Euro, die er im Monat mit seinem Nebenjob verdient, gehen so schon mal zehn Prozent weg. Einfach so.

Das war auch ein Grund, warum Hager nun ausgestiegen ist. "Es geht in der Branche sehr hart zu", sagt er. Nicht nur im Umgang untereinander, natürlich auch im Umgang mit den Kunden, den potentiellen Opfern. Als Hager anfing mit dem Job, das war vergangenes Jahr, sei es noch so gewesen, dass ein Dialogpartner jederzeit den SMS-Chat abbrechen konnte, indem er "STOP" oder "ENDE" einsimste - die Nummer sei daraufhin aus dem Rechner gelöscht worden.

"Das gibt es jetzt nicht mehr", sagt Hager. "Wer einmal schreibt, ist drin." Nach ein paar Wochen sendet eine Spezialsoftware, Trigger genannt, wieder eine SMS raus. Da steht dann zum Beispiel: "Warum meldest du dich nicht mehr?" Oder auch: "War 'ne tolle Nacht. Sehn wir uns wieder?" Und das Spiel beginnt von vorne.

Auch wer noch nie auf ein solches Angebot reagiert hat, macht die Erfahrung, dass auf seinem Handy hin und wieder solche Lock-SMS eingehen. Verbraucherschützer vermuten, dass dubiose Datenhändler Dateien mit Handynummern an die Betreiber verkaufen, die dann ihren Trigger einsetzen. In der Hoffnung, dass jemand auf Mitteilungen wie "Bianca hat dringend versucht, dich zu erreichen" antwortet - und den SMS-Anglern ins Netz geht.

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