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Unterrichtszeiten:"Schule kann doch nicht bleiben wie vor 100 Jahren"

Um neun Uhr sieht man dann auch die ersten Oberstufenschüler in der Schule. In manchen Fluren stehen Tische zum Lernen, an einem sitzen Tamara und Chantal. Die beiden Zwölftklässlerinnen haben in den kommenden Tagen ihre letzte Abiturprüfung in Bio und müssten eigentlich nicht mehr in die Schule kommen, sind aber trotzdem da. "Es ist total praktisch, dass man in die Schule zu einem Lehrer in einer Dalton-Stunde gehen kann, der einem noch mal erklärt, was man nicht verstanden hat", sagt Chantal.

Die beiden Mädchen tun, was motivierte Schüler an einer solchen Schule tun können - mehr Unterricht haben als vorgesehen, indem sie in ihren Freistunden in noch mehr Dalton-Stunden gehen. Für Schulleiter Bock ist das nur einer der Vorteile des pädagogischen Konzepts: Dass die Schüler individueller gefördert werden können als an einer normalen Schule, wo die Lehrer dafür zu wenig Zeit hätten. Überhaupt erstaune es ihn, dass jetzt alle darüber diskutierten, ob es okay sei, wenn Schüler morgens eine Stunde länger schlafen - statt eine Debatte darüber zu führen, was im deutschen Schulsystem grundsätzlich alles schiefläuft. Das mit der Gleitzeit sei ja nur eine Art Nebenprodukt des Kurssystems der Schule, sagt er. "Die wirkliche Revolution war vor zehn Jahren, aber da wurden wir nur belächelt."

"Sozialer Jetlag"

Einer der bekanntesten Wissenschaftler, die seit Jahren einen späteren Unterrichtsbeginn fordern, ist der Chronobiologe Till Roenneberg von der Uni München. Ihm zufolge tickt die innere Uhr bei Jugendlichen anders als bei Erwachsenen: Etwa bis zum 20. Lebensjahr könnten sie erst spät einschlafen, müssten sie entgegen ihrer biologischen Uhr um acht in der Schule sein, entstehe ein "sozialer Jetlag". Die Schüler säßen im Halbschlaf im Unterricht, außerdem falle die Schlafphase weg, in der das Wissen vom Vortag konsolidiert werden könne. Drei Viertel der Jugendlichen hätten damit zu kämpfen. Roenneberg betreut das Gleitzeitmodell in Alsdorf. Regelmäßig ploppt die Debatte über den Schulbeginn auf. Der Philologenverband hält davon nichts, einmal hieß es: Ein Grund für die Müdigkeit der Schüler sei viel eher "ein Freizeitverhalten, zu dem nicht selten spätes Nach-Hause-Kommen oder sogar mitternächtliche LAN-Partys gehören". Sophie Burfeind

Mit seinen Kollegen habe er versucht, ein Konzept zu entwickeln, das den Unterricht an seiner Schule besser machen könnte. "Warum ist Schule in Deutschland denn oft so ineffektiv?", fragt er, nur um dann aufzuzählen: Die Belastungen für Schüler und Lehrer seien zu hoch, Schüler seien auf den Unterricht von Lehrern angewiesen, mit denen sie nicht zurechtkämen, oder bei denen sie nichts verstünden. Lehrer stünden vor demotivierten und müden Schülern - und würden am Ende von den Eltern für schlechte Noten verantwortlich gemacht.

Für einen Wandel müsste es eine Art Gleizeit für die Gesellschaft geben

"Bei uns sind die Schüler viel stärker für sich selbst verantwortlich, das motiviert sie", sagt der Schulleiter. Außerdem glaubt er, dass sich auch die Qualität des Unterrichts verbessert habe. Weil alle Klassen einer Jahrgangsstufe dieselben Lernpläne haben, müssten alle Lehrer in den fünf Wochen auch dasselbe machen.

Den Schulleiter ärgert es, dass er von Kollegen anderer Schulen bisher vor allem gehört habe, dass das doch nicht gut sein könne, erst auszuschlafen und dann in die Schule zu gehen. "Dieses Denken in Deutschland, dass man immer meint, etwas geht nicht, ohne es ausprobiert zu haben, das stört mich." Er findet: "Schule kann doch nicht bleiben wie vor 100 Jahren." Also dürfte es schwierig werden mit einer Gleitzeit für alle Schulen - wie in der nun begonnenen Debatte sogleich einige Direktoren klarstellten.

Und einen weiteren Haken gibt es an der Gleitzeit für Schüler: Viele Eltern haben keine. Auf dieses Problem machte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) aufmerksam, als 2015 schon einmal die Sorge über den Biorhythmus aufkeimte. Für einen späteren Unterrichtsbeginn müsse es einen Wandel in der Wirtschaft geben - also eine Art Gleitzeit für die ganze Gesellschaft.