Umstrittene Schule Odenwaldschule stellt Insolvenzantrag

Die Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim

(Foto: dpa)
  • Zwischenzeitlich hatte es so ausgesehen, als würde sich die Odenwaldschule finanziell erholen. Nun hat das Internat doch einen Insolvenzantrag gestellt.
  • Jahrelang war sexueller Missbrauch an der Schule vertuscht worden, ehe vor fünf Jahren viele Fälle an die Öffentlichkeit kamen.
Von Tanjev Schultz

Odenwaldschule ist insolvent

Die Odenwaldschule ist zahlungsunfähig. Sie hat beim Amtsgericht Darmstadt Insolvenz angemeldet, wie die Verantwortlichen am Dienstag mitteilten. Bereits Ende April hatte das private Internat angekündigt, zum Ende des Schuljahres zu schließen. Später hieß es, eine Rettung sei doch noch zu schaffen, man habe genügend Spenden und Darlehenszusagen erhalten. Diese reichen nun aber doch nicht.

Zum einen habe man den Behörden nicht alle Darlehenszusagen "gesichert" nachweisen können, erklärte die Schule. Zum anderen gebe es immer weniger Anmeldungen, sodass nach den Sommerferien nur noch etwa 80 Schüler das Internat in Ober-Hambach bei Heppenheim besucht hätten. "Damit sind weitere Einnahmen weggebrochen, die im Wirtschaftsplan vorgesehen waren", sagen der Geschäftsführer Marcus Halfen-Kieper und die Vorsitzende des Schulvereins, Christiane Streitz.

Zuletzt hatten noch mehr als hundert Schüler das Internat besucht. Auch das war viel zu wenig für einen dauerhaften Schulbetrieb. Die Zahl der Mitarbeiter lag ähnlich hoch. Eigentlich klingt diese Relation nach traumhaften Bedingungen, und viele Schüler und deren Eltern haben sich in den vergangenen Wochen auch sehr für den Erhalt der traditionsreichen Schule eingesetzt. Überlagert wurde ihr Engagement jedoch durch anhaltende Querelen und Konflikte im Kreise der Verantwortlichen.

"Folge aus dem langjährigen Unvermögen"

Die Odenwaldschule war vor fünf Jahren durch einen Missbrauchsskandal in die Krise geraten. Zu dem "menschlichen Bankrott kommen nun die finanziellen Folgen", teilt sie nun mit. Der Insolvenzantrag sei letztlich "die Folge aus dem langjährigen Unvermögen, Wegsehen, Gewährenlassen, Nicht-Eingreifen und Zu-Spät-Reagieren". Jenseits des organisatorischen Versagens und der administrativen und finanziellen Fehler der Vergangenheit seien junge Menschen für ihr Leben geschädigt worden. Mehr als 130 Schüler sollen in den vergangenen Jahrzehnten an der vermeintlichen Elite-Schule missbraucht worden sein, überwiegend von Lehrern. Der Opferverein Glasbrechen schätzt die Zahl der Betroffenen sogar auf 500.

Einige hoffen, dass auf dem weiträumigen Areal der Schule eine nationale Gedenk- und Schulungsstätte errichtet werden könnte, die auch im Bereich der Prävention sexueller Gewalt arbeitet. Möglich ist aber auch, dass auf dem Gelände nach einiger Zeit wieder eine Schule neu eröffnet, womöglich in ganz anderer Struktur und Trägerschaft und mit einem anderen Namen. Sowohl die Grundstücke als auch die Immobilien sind wertvoll, das Internat ist auch nicht überschuldet. Ein Insolvenzverwalter hat durchaus Spielräume.

Die Verantwortlichen betonten, zunächst werde das laufende Schuljahr bis zu den Ferien "in jedem Falle geordnet zu Ende gebracht". Viele Jugendliche haben offenbar bereits Plätze an anderen Schulen, in denen sie unterkommen können.

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