bedeckt München 22°

Missbrauchsvergangenheit:Odenwaldschule soll doch überleben

Odenwaldschule

Schüler hatten dieses Schild Ende April an einem Fenster der Odenwaldschule befestigt.

(Foto: dpa)
  • Vor Wochen hatte es noch geheißen, die Odenwaldschule müsse endgültig schließen. Nun hat die Schulleitung das Geld für den Weiterbetrieb wohl doch zusammen.
  • Die "Welle der Solidarität" von Eltern, Mitarbeitern, Altschülern und Externen habe alle überwältigt, sagt der Geschäftsführer der Schule, Marcus Halfen-Kieper.
  • Vor fünf Jahren war bekannt geworden, dass an der Schule jahrelang Schüler missbraucht wurden.

Von Tanjev Schultz

Die krisengeschüttelte Odenwaldschule muss möglicherweise doch nicht schließen. Man habe jetzt das notwendige Geld für den Weiterbetrieb beisammen, teilte die Schulleitung am Freitag mit. Vor drei Wochen hatte sie noch verkündet, das Internat werde zum Ende des Schuljahres schließen. Es fehlten 2,5 Millionen Euro, um von den Behörden eine Genehmigung für die nächsten drei Jahre zu erhalten. Nun könnte es kurz vor Toresschluss eine Rettung geben. Man habe 2,2 Millionen Euro beisammen - und es gebe weitere Zusagen, mit denen die Privatschule die geforderte 2,5-Millionen-Grenze überschreiten werde.

Die "Welle der Solidarität" habe alle überwältigt, sagt der Geschäftsführer der Schule, Marcus Halfen-Kieper. Eltern, Mitarbeiter, Altschüler und Externe hätten sich verpflichtet, zu helfen. Mit detaillierten Zahlen wolle man in der kommenden Woche auf die Behörden zugehen. Diese seien am Freitag vorab über die aktuelle Entwicklung unterrichtet worden.

Halfen-Kieper sagte, die Hilfe sei auch eine Verpflichtung, den Neuanfang an der Schule fortzusetzen. Viele Spender würden darauf bestehen, dass es kein schlichtes "Weiter so" gebe. Ein Neuanfang sei nur in enger Zusammenarbeit mit den Opfern sexualisierter Gewalt möglich. Vor fünf Jahren kam ans Licht, dass in früheren Jahren mindestens 132 Schüler missbraucht worden waren. Zu den Tätern gehörten mehrere Lehrer. Die Aufklärung wurde lange Zeit verhindert und verschleppt. Seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals gab es immer wieder interne Querelen. Zudem litt das Internat unter einem Einbruch der Schülerzahlen.

Der Vorsitzende des Opfervereins Glasbrechen, Adrian Koerfer, zeigte sich am Freitag skeptisch, ob es einen echten Neuanfang geben werde. In den alten Strukturen dürfe das Internat nicht fortbestehen, und es müsse sich auch von einigen Lehrern trennen. Notwendig sei ein neuer Name für die Schule.

Vorzeigeeinrichtung der Reformpädagogik

Die Odenwaldschule galt früher als Vorzeigeeinrichtung der Reformpädagogik. Sie wurde von zahlreichen Prominenten besucht, beispielsweise Klaus Mann, Johannes von Dohnanyi und Tilman Jens.

Derzeit hat die Schule weniger als 150 Schüler. Mehr als ein Dutzend von ihnen sind Abiturienten, die im Sommer abgehen werden. Das Schulgeld beträgt 2490 Euro im Monat für Internatsschüler und 790 Euro für Externe, die nicht in dem Internat wohnen. Etwa ein Drittel der Schüler kommt im Rahmen der Jugendhilfe; dabei handelt es sich um Kinder mit gebrochenen Schulkarrieren oder schwierigen Elternhäusern.

© SZ.de/mkoh/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite