Israel Spirituelles Exportgut

Die Stundenanzahl der Fächer bestimmt die Regierung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bildungsminister Bennett kürzt Schulstunden in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern. Dafür lernen Schüler mehr über jüdische Kultur.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Das nennt man eine Ansage: "Jüdisches Wissen ist in meinen Augen sogar noch wichtiger als Mathematik und Naturwissenschaften", sprach Naftali Bennett, nachdem er 2015 mit dem Bildungsministerium die Verantwortung für die Schulen in Israel übernommen hatte. Man muss dazu wissen: Israelische Schüler sind, statistisch betrachtet, in Mathematik und Naturwissenschaften nicht gerade Überflieger. Innerhalb der Unterklasse der Pisa-Rankings haben sie sich in den letzten zwölf Jahren zwar etwas hochgearbeitet, aber ihre Leistungen liegen immer noch deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Das könnte ein Grund sein, Fächer wie Physik, Biologie und Mathematik in den Schulen zu stärken. Zumal Israel, das sich der Weltöffentlichkeit gern als Hightech-Nation präsentiert, mehr Absolventen in diesen Disziplinen für seine Wirtschaft sehr gut gebrauchen könnte. Aber nicht mit Naftali Bennett.

Bennett ist Chef der national-religiösen Partei "Jüdisches Heim", die die Interessen jüdischer Siedler in israelisch besetzten Gebieten vertritt. Er war Religionsminister, bevor er zur Bildung wechselte. Was sich in seiner dreijährigen Amtszeit in den staatlich-säkularen Schulen des Landes geändert hat, zeigte kürzlich die israelische Wirtschaftszeitung The Marker in einer Statistik: Die vorgeschriebene Wochenstundenzahl in Mathematik, verteilt auf die ersten sechs Jahrgangsstufen, sank von insgesamt 36 auf 30, die in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen von 18 auf zwölf. Zum Vergleich: Für das Fach "Bibel, Tora und Judaismus" sind zehn Stunden in den ersten sechs Jahren vorgeschrieben. Dieses Maß blieb unter Bennett zwar gleich, das Fach "Jüdische Kultur" bekam indes einen Zuschlag von vier auf fünf Stunden und wird auf Bennetts Initiative hin bereits von der dritten Klasse an unterrichtet, und nicht erst ab der fünften.

Die Gewichte im staatlichen Lehrplan verschieben sich zugunsten der Religion. In Israel legt das Bildungsministerium jedes Jahr fest, welche Stundenkontingente für welche Fächer vorgesehen sind. Die Direktoren der Schulen dürfen die Kontingente nicht kürzen, nur Stunden hinzufügen, wenn sie die Motivation und die Mittel dafür haben. Auch in den national-religiösen Schulen muss nicht mehr so viel Mathe und Naturwissenschaft wie noch vor einigen Jahren vermittelt werden. Von den Lehrinhalten streng religiöser Talmud-Tora-Schulen ganz zu schweigen. Ein Gesetz seines liberalen Vorgängers, das die orthodoxen Lehranstalten dazu verpflichten sollte, wenigstens säkulare Kernfächer wie Mathematik und Englisch zu unterrichten, hat Bennett gekippt. Israel solle Spiritualität exportieren, ließ er wissen. Bennett war übrigens auch einmal Industrieminister.

Unterstützt wird Bennetts Agenda mit Geld. Extrem gestiegen ist in seiner Amtszeit die Förderung für Gruppierungen, die es in den Schulen übernehmen, den Kindern die Tora und jüdische Kultur nahezubringen. Das Budget wuchs um 70 Prozentpunkte, auf knapp 45 Millionen Euro. Davon profitieren auch Nichtregierungsorganisationen, die der Partei des Bildungsministers nahestehen. Kritiker sehen in diesem Unterricht durch externe Lehrkräfte die Gefahr einer Indoktrinierung.

Im Juli beschloss Israels Parlament zudem ein Gesetz, das den Bildungsminister weiter stärkt: Es sieht vor, dass er "die Regeln macht, um Aktivitäten von Personen oder Organisationen an Bildungseinrichtungen zu unterbinden, die nicht Teil des Bildungssystems sind". Das Gesetz zielt darauf ab, Gruppen wie "Breaking the Silence" von Informationsveranstaltungen in Schulen abzuhalten. Die Initiative ehemaliger und aktiver Soldaten berichtet über Vergehen israelischer Soldaten in den besetzten palästinensischen Gebieten. Das passt nicht in den Kanon des von Bennett gewünschten Wissens.