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Gastbeitrag:Europa braucht junge Europäer

Mit Erasmus überwinden Menschen Grenzen - auch im Kopf. Das muss den EU-Ländern mehr wert sein.

Von Joybrato Mukherjee

Austausch ohne Austausch? - Was aus Erasmus 2020 wird

Das Erasmus-Programm der EU verhilft Studierenden, Wissenschaftlern, Auszubildenden und Schülern zu Auslandsaufenthalten.

(Foto: Christin Klose/dpa)

Bildungspolitikerinnen und -politiker aller Bundestagsfraktionen außer der AfD haben sich am letzten Montag in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel gewandt, um mehr Geld für Erasmus+ zu fordern - das Austausch- und Bildungsprogramm der EU. Als Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und überzeugter Europäer begrüße ich das. Die Forderung ist berechtigt und notwendig. Über zehn Millionen junge Menschen haben Europas Vielfalt in den letzten 33 Jahren durch Auslandsaufenthalte mit Erasmus kennen- und oftmals lieben gelernt. Im Erasmus-Programm schlägt das Herz des europäischen Projekts: die Möglichkeit, grenzübergreifend zu studieren, zu arbeiten und zu leben. Damit dies so bleibt, muss die Politik jetzt die finanziellen Grundlagen sichern.

Erasmus+ steht ab 2021 vor einer neuen siebenjährigen Programmgeneration. Für ihre Ausgestaltung ist der Finanzrahmen der EU zentral - und um ihn wird gerade gerungen. Nicht zuletzt Ursula von der Leyen hatte sich in ihrer Bewerbungsrede als Kommissionspräsidentin vor dem EU-Parlament der Forderung der Parlamentarier nach einer annähernden Verdreifachung des bisherigen Budgets von 14,7 auf 41,2 Milliarden Euro angeschlossen. Der Haushaltskompromiss der europäischen Staats- und Regierungschefs vom Juli mit 21,2 Milliarden für das zukünftige Erasmus-Programm ist jedoch weit davon entfernt.

21,2 Milliarden Euro sind viel Geld. Doch es reicht nicht aus

Joybrato Mukherjee

Joybrato Mukherjee, 46, ist Anglist, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der den internationalen Austausch von Lernenden und Lehrenden fördert.

(Foto: Sebastian Wilke/DAAD)

Kein Zweifel: 21,2 Milliarden sind viel Geld und ein deutlicher Aufwuchs im Vergleich zum Budget der letzten sieben Jahre. Man könnte denken, mehr sei in Corona-Zeiten nicht drin. Doch das ist falsch. Gerade in Krisen zahlen sich Investitionen in Bildung, Forschung und grenzüberschreitenden Austausch langfristig aus. Schon vor der Pandemie gab es klare Zeichen des Auseinanderdriftens Europas und einer generellen Europa-Skepsis in der europäischen Bevölkerung. Das neue Erasmus-Programm soll dem entgegenwirken, mit breiterer Teilnahme von Europäerinnen und Europäern aus allen sozialen Schichten.

Erasmus will und muss der Jugend Europas erneut die Gelegenheit zum interkulturellen Austausch geben, auch um eine europäische Identität zu entwickeln. Mit Blick auf den menschengemachten Klimawandel muss das kommende Programm zudem "grüner" und digitaler werden: Förderung von Zugfahrten statt Flugreisen und eine Erasmus-App sind nur zwei Beispiele. Mit dem derzeitigen Budgetplan ist dies nicht erreichbar, das Geld reicht nicht aus. Und der Plan gefährdet nicht nur die Weiterentwicklung des Programms für die Hochschulen. Die berufliche und schulische Bildung als Teile von Erasmus+ sind ebenfalls betroffen. Denn bislang können Auszubildende in der Lehre, ob Zimmermann oder Forstwirtin, ebenso mit Erasmus+ Auslandserfahrungen sammeln wie Schülerinnen und Schüler.

Auch das gemeinsame Ziel, einen europäischen Bildungsraum zu schaffen, steht mit der geplanten Finanzierung zur Debatte. Neue und wegweisende Erasmus-Initiativen, wie "Discover EU" mit der Verlosung von Interrail-Pässen, die von Emmanuel Macron angestoßenen Europäischen Hochschulen und die Zentren der Beruflichen Exzellenz, sind mit dem aktuellen Haushaltskompromiss schlicht nicht zu realisieren - dies hat das Europäische Parlament bereits deutlich gemacht.

Doch das letzte Wort in der Debatte ist noch nicht gesprochen: Ursula von der Leyen hält an diesem Mittwoch eine Rede zur Lage der Union. Sicherlich wird sie erwähnen, dass wir für die Zukunftsfähigkeit Europas gut ausgebildete, mehrsprachige und interkulturell erfahrene junge Menschen brauchen. Menschen, die Europa voranbringen. Ich kann das nur unterstreichen und an die Politik appellieren: Wir sind als DAAD mit großen Erwartungen in die deutsche EU-Ratspräsidentschaft gegangen und hoffen, dass die Bundesregierung sich für das Erasmus-Programm, für Studierende und Auszubildende, für Schülerinnen und Schüler und damit für das schlagende Herz Europas einsetzt.

© SZ vom 14.09.2020
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