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Fragebogen "Alte Schule":Andreas Döhler

Andreas Döhler, 1974 im sächsischen Wermsdorf geboren, studierte an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Er ist im Sommerspecial der Berlinale vom 9. Juni an in "Die Saat" und "Blutsauger" zu sehen und spielt vom 12. Juni an in "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" (Regie: Frank Castorf) am Berliner Ensemble. Im August wird er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

(Foto: Jeanne Degraa)

Kartoffelsuppe und subversiv gewürzte Ideologiesuppe: der Mime und Grimme-Preisträger über seine Schulzeit in der DDR.

Erste Reihe oder letzte Bank?

Letzte Bank mit Fensterausblick und Beinfreiheit.

Influencer oder Follower?

Influencer? Follower? Ich habe noch mit Bleistift auf kleine Zettel geschriebene Liebesbriefe verschickt.

Mein Hobby in der Pause?

Rauchen, Skat und raufen.

Meine größte Stunde?

Ich war Teil des DJ-Kollektivs Шапка Boys. Drei Freunde, 1987, große Fans von Michael Gorbatschow. Obwohl russisch als ziemlich uncool galt, kamen zu Шапка noch die Boys dazu. Wir machten mit geliehenem Plattenspieler und Kassettenrecorder Musik auf einem Klassenfest. Unser selbst gemaltes Plakat mit Gorbatschow drauf ging noch durch, er war ja KPDSU-Vorsitzender und quasi Chef der Sowjetunion - wer sollte da was sagen? Als wir aber Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow" spielten, war die Feier vorbei und unser Kollektiv sofort wieder Geschichte.

Das würde ich gern vergessen:

Die endlosen Ausdauerläufe auf der Aschenbahn hinter der Schule. Als Bonbon mit bitterem Beigeschmack auch mal im Park. Unfassbar monoton und nutzlos.

Ein Denkmal gebührt ...

... den Köchinnen der Schulkantine - immer ein offenes Ohr und eine volle Kelle ihrer großartigen Kartoffelsuppe.

Lernen ist ...

... zu erkennen, was man braucht und was nicht, und sich das zu merken.

Noten sind ...

... total unlogisch: Wieso bekommt man die kleinste Ziffer für die beste Leistung?

Schule müsste ...

... ein Ort sein, vor dem kein Kind Angst hat, wo jedes Kind mit auf Klassenfahrt kann, egal was die Eltern verdienen, wo alle Kinder gesund essen und wo sie lernen, wie man ein richtig gutes Gespräch führt, obwohl man andrer Meinung ist, wo Solidarität mehr zählt als Konkurrenz und Phantasie mehr als das Periodensystem.

Entschuldigen muss ich mich bei ...

... einem Russischlehrer, dem wir wiederholt Würfelzucker auf den Lehrertisch gelegt haben - er war schwerer Diabetiker.

Entschuldigen muss sich bei mir ...

... Margot Honecker (in meiner Schulzeit Bildungsministerin der DDR) für die ideologische Suppe, die wir jeden Tag zu löffeln hatten.

Zur Schule hat jeder was zu sagen. War ja jeder da. Deshalb gibt es einmal die Woche "Alte Schule.

© SZ vom 07.06.2021
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