Förderschüler:"Hat man uns vergessen?"

Matthias Schmidts Schule für verhaltensschwierige Kinder ist im Lockdown geschlossen - wie eine reguläre Schule. Aber das ist sie nicht. Die Schüler trifft das hart.

Protokoll von Susanne Klein

Matthias Schmidt ist Sonderpädagoge und leitet die Sebastian-Ott-Schule des Kinderheims Haus Nazareth in Sigmaringen. Sie fördert 100 Kinder und Jugendliche bis zur neunten Jahrgangsstufe und weitere 20 an einer Außenstelle. Die Schüler haben große Probleme in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung. Die Corona-Krise erschwert die pädagogische Arbeit immens, sagt Schmidt, mit jeder Woche wächst seine Sorge um Schülerinnen und Schülern. Er versteht nicht, warum in Baden-Württemberg Förderschulen für körperlich und geistig behinderte Kinder im Lockdown aufhaben dürfen, seine Schule aber nicht. Hier berichtet er von den Folgen.

"An diesem Montag wollten wir eigentlich wieder loslegen, zumindest mit den Jüngeren. Wir hatten alles vorbereitet, Elternbriefe geschrieben, Fahrdienste organisiert, mit den Erlebnispädagogen überlegt, wie wir die Kinder empfangen. Die Landesregierung wollte die Grundschulen ja wieder öffnen. Aber kurz vor der Ankündigung am letzten Mittwoch wurden diese Infektionen mit Virusmutanten in einer Freiburger Kita bekannt. Das war's dann.

Für uns ist das eine Katastrophe. Die Politik behandelt uns wie eine reguläre Schule, aber das sind wir nicht. Wir können nicht die Maßstäbe einer Regelschule anlegen, wo sich die Kinder um acht Uhr morgens bei der Schulplattform einloggen. Selbst wenn alle Schüler die nötige Technik zu Hause hätten, was nicht der Fall ist: Online-Unterricht würde bei uns nicht funktionieren. Unsere Kinder und Jugendlichen kommen her, weil sie eine ganz besondere Förderung, Erziehung und lebenspraktische Ausbildung benötigen. Das ist online kaum vermittelbar. Einige leben in äußerst schwierigen Familien und sind jetzt gezwungen, die ganze Zeit zu Hause zu sein, was den Familien viel Kraft abverlangt. Unser stark strukturierter Schultag, derselbe Rhythmus, dieselbe Lehrperson, die enge Beziehung zu einem Pädagogen oder einer Pädagogin, geben unsern Schülern Halt und Sicherheit. Das fehlt jetzt.

Sebastian-Ott-Schule Sigmaringen

Ein Zirkuszelt bietet der Sebastian-Ott-Schule Platz für Trainings, Spiele und teambildende Aktionen. Das Foto zeigt Erlebnispädagogen, eine altersgemischte Lerngruppe und Lehrkräfte - vor Corona.

(Foto: SBBZ Sigmaringen)

Unsere Schüler sind durch negative Erfahrungen in ihrer Vorgeschichte Bildungsverlierer. Außerdem haben viele frühkindliche Bindungstraumata, Vernachlässigung oder Missbrauch erlitten, das verstärkt ihr Außenseitertum. Andere sind in die Mediensucht abgerutscht. Hinzu kommen Kinder, die durch organische Schädigungen kognitiv eingeschränkt sind. Das ist nicht nur, aber überwiegend unsere Klientel - und für diese Klientel sind Schulschließungen Gift. Wir hatten Schüler, die hatten nach dem ersten Lockdown zehn Kilo mehr auf den Rippen und waren völlig in die Lethargie abgesackt. Sie wieder zu aktivieren, war wirklich herausfordernd.

Die Kinder, die wir betreuen, haben keine Lobby

Von den 100 Schülern meiner Schule lebt die Hälfte in unserem Heim, zusammen mit noch einmal 100 Kindern, die andere Schulen in Sigmaringen besuchen. In der aktuellen Situation betreuen wir diese Kinder schulisch, so gut es geht, in ihren Wohngruppen. Den anderen 50 schicken wir Lernmaterial per E-Mail oder Post, oder Lehrkräfte bringen es ihnen nach Hause. Da ergeben sich teilweise Gespräche an der Tür, ansonsten läuft die Kommunikation über Telefon oder Messenger. Rund 30 Schülerinnen und Schüler erreichen wir so recht gut, etwa die Hälfte von ihnen macht einigermaßen beim Fernlernen mit.

Mit den anderen sind wir nur teilweise und unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr im Kontakt. Ein Kollege rief tagelang vergeblich in einer Familie an, bis ihm der Familienhelfer sagte, vor halb zwölf hat das keinen Zweck, da liegen alle noch im Bett. Aktuell machen uns fünf, sechs Fälle die größten Sorgen. Diesen Kindern würden wir gern im Gespräch etwas Halt geben. Eine Kollegin hat einem Schüler in den letzten zwei Wochen mehrmals täglich auf den Anrufbeantworter gesprochen. Bis heute ist es ihr nicht gelungen, Kontakt aufzunehmen.

Interview Matthias Schmidt am 1.2.21

Matthias Schmidt leitet die Sebastian-Ott-Schule des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums in Sigmaringen. Schule und Zentrum haben den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.

(Foto: privat)

Ich frage mich: Hat man uns vergessen? Werden bei den politischen Beschlüssen Jugendhilfe, Heime, Schulen wie die unsrige nicht mitbedacht? Die Kinder, die wir betreuen, haben keine Lobby. Sie brauchen eine ganz andere Intensität an Zuwendung, einige eine Eins-zu-eins-Betreuung. Und dabei geht es um viel mehr als den Lehrplan: Wir müssen sie so stabilisieren, dass sie mit kritischen Situationen besser umgehen können und bildungsfähig bleiben, also überhaupt in der Lage sind zu lernen. Das erfordert eine offene Schule. Präsenz ist für uns unverzichtbar. Nur so erreichen wir unsere Kinder und Jugendlichen. Natürlich geht das nicht ohne Schutz, ohne Masken, Abstände und Tests. Und diesen Schutz der Mitarbeiter und Schüler können wir gut gewährleisten! Wir unterrichten ja ohnehin in festen Lerngruppen mit nur zehn bis zwölf Kindern oder Jugendlichen und haben viel mehr Platz und Räume als jede Regelschule.

Fast täglich fragt jemand: Habt ihr noch Kapazitäten?

Trotzdem dürfen wir nur eine Notbetreuung anbieten. Einige Familien, deren Kinder wir besonders gern hier hätten, haben wir extra angesprochen. Die Resonanz war enttäuschend, insgesamt kommen nur acht Schüler. Manche Eltern haben Angst vor Ansteckung, andere sind damit überfordert, sich zu kümmern, einige können sich schlicht nicht durchsetzen, wenn ihre Kinder in alte Muster zurückfallen. Aufgrund von Defiziten in der Erziehung folgen manche Jungen und Mädchen nur noch ihren eigenen Impulsen. Abends die Playstation ausmachen, morgens aufstehen und zur Schule gehen, ist für sie alles andere als selbstverständlich. Zwei Kinder haben wir schon verloren, ihre Eltern haben sie nach den Weihnachtsferien abgemeldet. Natürlich gibt es auch Mütter und Väter, die gut mit uns kooperieren.

Leider erhalten wir immer mehr Anfragen. Normal sind ein, zwei im Monat. Jetzt fragen Eltern, Pflegeeltern, Schulleiter, Schulamt, Jugendamt fast täglich: Habt ihr noch Kapazitäten? Das zeigt, dass viele Familien an ihre Grenzen kommen, wenn Kinder nicht zur Schule können. Doch für mehr Aufnahmen fehlt uns das Personal.

Wenn wir endlich wieder öffnen dürfen, gibt es zuerst ein Willkommensfrühstück, dann Spaziergänge, Gespräche und Spiele. Wir müssen bei unsern Schülern die geistige Frische wieder wecken. Unsere Erlebnispädagogen haben schon einen tollen Escape-Room aufgebaut: Die Kinder sollen im Haus eines verstorbenen Professors die versteckte Formel für einen Impfstoff finden und ihn dann zusammenmischen."

© SZ vom 01.02.2021
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