Computerkompetenz von Achtklässlern:Ein Drittel der Schüler ist abgehängt

Gewerkschaft VBE: IT-Ausstattung der Schulen ist ´mittelalterlich

Schüler in Deutschland haben im Umgang mit Informationstechnologien deutlichen Nachholbedarf.

(Foto: dpa)
  • Ein Drittel der deutschen Achtklässler hat deutliche Schwächen beim Umgang mit Computern.
  • Zwar sind viele Schulen mit digitalen Medien ausgestattet - aber sie kommen nur selten zum Einsatz, hier ist Deutschland Schlusslicht.
  • Die ICILS-Studie untersucht, wie kompetent Schüler in 21 Ländern im Umgang mit dem Computer sind.

Von Dorothea Grass

Deutsche "Digital Natives" im internationalen Vergleich im Mittelfeld

Wie sicher sind Schüler im Umgang mit Computer- und Informationstechniken? Diese Frage spielt für die berufliche und private Zukunft eine immer wichtigere Rolle. Die "International Computer and Information Literacy Study" - kurz ICILS - widerlegt nun die Annahme, dass Kinder und Jugendliche im Informationszeitalter automatisch zu kompetenten Nutzern digitaler Medien werden.

Deutsche Achtklässler befinden sich im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Die Schüler erreichten einen Wert von 523 Punkten und damit ein Leistungsniveau, das über dem internationalen Durchschnitt (500 Punkte) lag. Im europäischen Vergleich spiegeln die deutschen Schüler nahezu den Mittelwert (525 Punkte).

Wo liegt in Deutschland Entwicklungsbedarf?

Auf der höchsten Kompetenzstufe (siehe weiter unten) der ICILS-Studie fanden sich in Deutschland nur wenige Schülerinnen und Schüler. Dagegen erreichen knapp 30 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler lediglich die niedrigsten Kompetenzstufen I und II und verfügen damit nur über sehr geringe computerbezogene Kompetenzen. Die Herausgeber der Studie warnen: "Diese Schülergruppe wird es voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, beruflichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben."

Der größte Anteil der Achtklässler (45,3 Prozent) lässt sich auf der dritten Stufe der Kompetenzskala verorten. Sie sind in der Lage, sich unter Anleitung Informationen zu verschaffen, Dokumente zu bearbeiten und Informationen daraus abzuleiten. Außerdem fällt auf: Das durchschnittliche Kompetenzniveau der Jungen liegt deutlich hinter dem der gleichaltrigen Mädchen.

Beim Einsatz von Computern ist Deutschland Schlusslicht

Deutsche Schulen sind der Studie zufolge zwar in durchschnittlichem Maße mit neuen Medien ausgerüstet - allerdings werden diese nicht ausreichend genutzt. Nur etwa 1,6 Prozent der Schüler in Deutschland gaben an, täglich in der Schule Computer zu nutzen. Im internationalen Vergleich ist die Nutzung damit weit unterdurchschnittlich. Innerhalb der europäischen Vergleichsgruppe nutzen doppelt so viele Schülerinnen und Schüler regelmäßig Computer.

Betrachtet man die Leistungen der Schüler im Zusammenhang mit dem Bildungshintergrund ihres Elternhauses, ergab die Studie, dass international die Kinder, die in einem Haushalt mit mehr als 100 Büchern aufwachsen, einen eindeutigen Vorsprung gegenüber ihren Altersgenossen haben, die zu Hause über höchstens 100 Bücher verfügen können.

Welche Nationen schneiden besser ab?

Im Vergleich haben Schüler aus Tschechien am besten abgeschnitten. Sie erreichten in der Gesamtwertung 553 Punkte, kanadische Schüler erreichten 547 Punkte, auf dem dritten Platz liegen Australien und Dänemark mit jeweils 542 Punkten. Darauf folgen Polen und Norwegen mit 537 Punkten, Korea mit 536 Punkten und die Niederlande mit 535 Punkten. Deutschland liegt demnach auf dem siebten Platz. In absteigender Reihenfolge folgen darauf Kroatien, Slowenien, Litauen, Chile, Argentinien, Thailand und die Türkei.

Wie beurteilen die Lehrer in Deutschland den Einsatz neuer Medien?

Insgesamt zeigen sich die deutschen Lehrer gegenüber dem Einsatz von Computertechnologien im Unterricht aufgeschlossen und bewerten ihn positiv. Bedenken haben sie trotzdem: 76 Prozent befürchten, dass der Computereinsatz zum Kopieren von Quellen animiere. In keinem anderen untersuchten Land äußerten Lehrkräfte diese Sorge häufiger. Dazu gaben 34 Prozent der Lehrer an, dass sie der Einsatz mit neuen Medien im Unterricht vor organisatorische Probleme stelle. Fast ein Drittel (30 Prozent) von ihnen ist außerdem der Meinung, Computer in den Schulen würden vom Lernen ablenken.

Welche Kompetenzen hat die Studie untersucht?

Die Wissenschaftler der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement), einem internationalen Verbund von Bildungsforschungsinstituten, entwickelten für die Studie ein Kompetenzstufenmodell. Es vergleicht:

  • die Kompetenz der Schüler, sich anhand der vorhandenden Technologien Informationen zu beschaffen;
  • die Fähigkeit, die recherchierten Informationen hinsichtlich ihrer Nützlichkeit zu bewerten;
  • die Fähigkeit, mithilfe der Computertechnologien, Informationen zu verarbeiten und neue zu erzeugen;
  • das Können der Achtklässler, Informationen anhand der computergestützten Möglichkeiten zu verbreiten;
  • den verantwortungsvollen und reflektierten Umgang mit den aktuellen Computer- und Informationstechniken.

Rahmenbedingungen der Studie

Bei der bundesweit repräsentativen Stichprobe wurden im Jahr 2013 insgesamt 2225 Schülerinnen und Schülern der achten Jahrgangsstufe und 1386 Lehrpersonen, die in der achten Jahrgangsstufe unterrichten, untersucht. Sie wurden aus 142 Schulen in Deutschland repräsentativ ausgewählt. Weltweit haben 21 Bildungssysteme - davon zwölf in Europa - an der Studie ICILS ("International Computer and Information Literacy Study") teilgenommen.

Wer steht hinter der ICILS-Bildungsvergleichsstudie?

Durchgeführt wurde die repräsentative Untersuchung von Wissenschaftlern, die sich unter dem Dach der IEA zusammengeschlossen haben. Gefördert wurde die deutsche Teilnahme vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. In Deutschland wird die Erhebung durch ein wissenschaftliches Konsortium durchgeführt, das von den Universitätsprofessoren Wilfried Bos (Institut für Schulentwicklungsforschung, TU Dortmund), und Birgit Eickelmann (Universität Paderborn) geleitet wird.

© Süddeutsche.de/kjan/rus
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