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Zeugnis für Siegfried Schneider:Der Ruhelose

Doch Schneider hatte gerade noch rechtzeitig den Absprung auf die Seite ihrer Kritiker geschafft. Hohlmeier war für die Opposition stets eine Ankündigungsministerin geblieben, die Versprechen nicht einzulösen vermochte. Vor allem aber redete sie die Dinge schön, ob es nun um den Lehrermangel ging, den Unterrichtsausfall, fehlende Ganztagsschulen, die mangelnde Sprachförderung von Migrantenkindern oder das fehlende Vertrauen von Eltern und Schülern in die Hauptschule. Am Ende kostete sie gerade dieses Verhalten den Job.

Schneider hatte aus Hohlmeiers Fehlern gelernt. Er machte einen klaren Schnitt zur Politik seiner Vorgängerin, schasste ihre Gefolgsleute und brachte eigene in Stellung. Gleich zu Beginn gab er Bestandsaufnahmen über fehlende Lehrerstellen und Anlaufschwierigkeiten beim achtjährigen Gymnasium in Auftrag. Diese Perestrojka sollte an den Schulen Vertrauen schaffen, das unter Hohlmeier zuletzt erheblich gelitten hatte. Auch zeichnete sich im Ansatz ein eigenes Profil ab.

Als erster bayerischer Kultusminister sprach Schneider nicht nur vom Fördern, sondern tat auch etwas dafür. Er ließ sich von den Pisa-Bestnoten nicht blenden, baute die vorschulische Sprachförderung für Migrantenkinder aus und ebnete Bayerns Schülern einen zweiten Weg zum Abitur über die 13. Klasse an der Fachoberschule.

Damit ging er die Mängel des bayerischen Schulsystems an, die für die Opposition gravierend sind: der enge Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft, sowie die geringe Abiturientenquote aufgrund der frühen Aufteilung der Kinder auf die verschiedenen Schularten. Schneiders Maßnahmen zeigten jedoch wenig Wirkung, da sie zunächst auf eine überschaubare Zahl von Schulen beschränkt blieben. Denn die oberste Priorität hatte unter Stoiber das Sparen, nicht die Bildung.

An der Basis brodelt es

So offensiv Schneiders Start war, längst ist er in die Defensive geraten. Und mit ihm das dreigliedrige Schulsystem. SPD, Grüne, der Lehrerverband und selbst die FDP fordern eine längere gemeinsame Schulzeit der Kinder. Dass das geht, zeigen immer mehr Länder. Doch im Freistaat wehren sich Lehrer und Eltern an Realschulen und Gymnasien gegen Schulfusionen. Nicht mal Versuche sind erlaubt. Alle drei Schularten einschließlich der Hauptschule sollen erhalten bleiben, selbst wenn ihre Absolventen auf dem Arbeitsmarkt sinkende Chancen haben.

An der Basis aber brodelt es. CSU-Landräte sagen unverhohlen, die Zukunft der Hauptschule liege in einer beruflichen Mittelschule. Auch wegen rückläufiger Schülerzahlen machen immer mehr Kommunen Druck, schulübergreifende Zusammenschlüsse zu bilden, um Standorte zu retten. Ob Schneider weiterhin strikt an der Dreigliedrigkeit festhalten wird, hängt entscheidend vom Ausgang der Landtagswahl ab.

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