Vom Heim zum Motorradklub Trügerische Idylle in Niederbayern

An der ehemaligen Aumühle bei Fürsteneck haben sich 1969 "Jagdszenen in Niederbayern" abgespielt, die bundesweit für Aufsehen und Empörung sorgten. Heute residiert dort ein Motorradklub, der auch schon mehrmals ins Visier der Ermittler geraten ist

Von Karl Stankiewitz und Wolfgang Wittl

Aus Quellsümpfen und Hochmooren herab springen Bäche über bemooste Steine und Felsgeröll. Boote gleiten über den Fluss, den man die "schwarze Perle des Bayerischen Waldes" nennt. Ein märchenhafter Schluchtwald voller Erlen, Silberweiden und Farne säumt die von Wanderwegen begleiteten Ufer. 60 Meter über dem Talgrund thront das mittelalterliche Schloss Fürsteneck. Dahinter ducken sich Dörfer, die München und Prag heißen.

Wo die Große Ohe in die größere Ilz mündet, zweigt ein Steg vom einstigen Triftsteig ab. Am anderen Ufer befinden sich drei frisch gekalkte Häuser. Ein Schild soll Wanderer vom Betreten des Grundstücks abhalten. Über der Haustür steht: "Imperium MC Deutschland". Der Hinweis prangt an der ehemaligen Aumühle, die als Stützpunkt einem Motorradklub Heimat bietet. Der zeigt seine Gesinnung deutlich genug an: Das Hausschild zieren Reichsadler, Eichenlaub und eine geballte Faust.

Aumühle? Schon einmal brachte es dieser Ort, eine der schönsten Flusslandschaften Bayerns, zu überregionaler Aufmerksamkeit. Zeitungen aus ganz Deutschland berichteten über eine schaurige Geschichte, betitelt mit "Jagdszenen in Niederbayern" - ähnlich dem aufsehenerregenden Bühnenstück von Martin Sperr.

"Die Depperl woll'n mir hier net"

Es war Herbst 1969, als in der 960-Seelen-Gemeinde Fürsteneck bekannt wurde, dass das Bischöfliche Ordinariat Passau die Aumühle an den praktischen Arzt Fritz Loew verkauft hatte. Loew, einer philanthropischen jüdischen Familie entstammend, wollte dort schwer erziehbare und geistig behinderte Kinder unterbringen, er hatte schon zwei Heime eingerichtet. In der Aumühle sollte es nie dazu kommen.

"Die Depperl woll'n mir hier net", reagierte eine lautstarke Mehrheit der Fürstenecker, voran ihr Pfarrer Georg Stetter. Am 17. Oktober versammelten sich mehr als hundert Dorfbewohner vor der Aumühle, als sieben Buben samt Fürsorgerin und Heimleiter einem Kleinbus entstiegen. Drohende Worte und Gebärden zwangen sie zur Umkehr. Pfarrer Stetter organisierte eine "Nachtwache". Etwa 40 Fürstenecker, darunter der Bürgermeister und die halbe Feuerwehr, versammelten sich um ein Lagerfeuer, über dem sie Schweinshaxen grillten. Die Schlossbrauerei stiftete dazu zwölf Kisten Bier. Es wurde, wie Stetter später sagte, "ganz fidel und munter".

Mitten in der feuchtfröhlichen Siegesfeier schlugen Flammen aus einem Anbau der Aumühle. Die Feuerwehren aus den Nachbardörfern München und Prag, die zu Hilfe kamen, wurden von angeheiterten Fürsteneckern am Löschen gehindert. Aus Prag eilte auch Heimleiter Georg Villain herbei. Man hielt ihn für den bösen Doktor Loew. "Des is er, derschlagt's ihn, den Saujud!" Ein Dutzend Burschen stürzten sich auf den 58-Jährigen. Sogar ein Feuerwehrmann prügelte auf ihn ein. Mit schweren Verletzungen kam der Mann ins Krankenhaus. "Aus dem schönen Haus ist über Nacht zum 18. Oktober 1969 ein Mahnmal niederbayrischer, ja nationaler Schande geworden", schrieb der Spiegel damals.

Anzeige gegen den Pfarrer

Der Arzt Loew erstattete Anzeige gegen den Pfarrer - wegen Brandstiftung. Eine sechsköpfige Sonderkommission der Kripo stieß aber auf eine "Mauer des Schweigens". Das Bistum schickte den Pfarrer "wegen extremer Äußerungen" in Urlaub, die Landjugend der Diözese wollte die Treibjagd durch Hilfe beim Wiederaufbau des Heimes sühnen. Aber die Leute von Fürsteneck blieben stur. Sie boykottierten den als Amtsverweser eingesetzten Pfarrer von Perlesreut; sie sagten eine Hochzeit ab und sammelten 50.000 Mark, um notfalls eine eigene Kirche zu errichten.

"Gott hat Sympathie mit uns", verkündete der beurlaubte Pfarrer seiner Gemeinde, er drohte sogar mit Kirchenaustritt. Schließlich kam es doch zu einem Prozess in Passau, die Anklage lautete auf Landfriedensbruch. Der Pfarrer und die anderen Angeklagten wurden freigesprochen. Stetter durfte in sein Pfarrheim zurück, er wurde sogar zum Geistlichen Rat befördert. Nach seinem Tod kam das Gerücht auf, er sei ermordet worden. Sein Leichnam wurde exhumiert, ohne Ergebnis. Die Aumühle kaufte ein reicher Mann aus der Oberpfalz, er wollte im Auwald ein Gourmetlokal etablieren. Das ging nicht lange gut.

Dubioser neuer Pächter

Leer stand dann die Mühle am rauschenden Bach, bis besagter Rockerklub sie pachtete. Der Klub betreibe "eine sehr globale Politik", heißt es auf seiner Internetseite, in deren Gästebuch sich schon Kameraden aus Tirol eingetragen haben. International formuliert ist auch der Slogan: "Imperium forever - forever Imperium", doch "das Abzeichen und die Schriften des Imperium MC Deutschland wurden bewusst deutsch gehalten", wie in altdeutscher Schrift zu lesen ist.

Die Kennzeichen werden so erklärt: Der Reichsadler zeuge von Größe und Stärke, das Eichenlaub von Ehre und Erfolg, die geballte Faust sei Ausdruck für Kraft und Durchsetzungsvermögen. Im Nationalsozialismus prangte an dieser Stelle ein Hakenkreuz, doch "mit rechtsgerichtetem Gedankengut" habe man "nichts zu tun".

Etwa 20 Mitglieder zählt der Klub nach Angaben des Polizeipräsidiums Niederbayern. Man distanziere sich "von jeglicher kriminellen Handlung", teilt der MC Imperium mit. Das scheint nicht immer zu gelingen. Ermittlungen gegen einzelne Mitglieder führten laut Polizei bereits "zu strafprozessualen Maßnahmen", jedoch "in keiner Weise als gravierend".

Bei Großrazzien in diesem und im vergangenen Jahr, als in Ostbayern Hunderte Gebäude nach Waffen und Drogen durchsucht wurden, sollen sich Ermittler auch im Klubheim des MC Imperium umgesehen haben. Rechtsextreme Umtriebe seien nicht bekannt.

Gefährliche Legende aus den USA

Alarmierender ist ein Ring, den die geballte Faust des Klubwappens zeigt: "1%" - es ist das Zeichen für sogenannte one-percenter, für besonders harte Typen. Es geht auf eine Legende aus den USA zurück, wonach nur ein Prozent von Bikern tatsächlich gewaltbereit seien. Das stimme bedenklich, verlautet aus Ermittlerkreisen. In Fürsteneck heißt es, mit dem Klub habe es "noch nie Probleme" gegeben.

Weshalb aber diese einschlägige Symbolik - noch dazu an einem Ort mit dieser Vergangenheit? Eine dem Klub nahestehende Person spricht von "eher provokant" ausgerichtetem, mitunter typischen Auftreten von Rockern - die offensichtlich am liebsten unter sich sind. "Privatbesitz. Betreten verboten. Scharfe Wachhunde", steht auf dem Eingangsschild: "Überlebende werden strafrechtlich verfolgt."