Sudetendeutsche in Bayern Königin der Oblaten

Im Viehwaggon über die Grenze - im Gepäck nur ihr Baby und ein Backeisen: Marlene Wetzel-Hackspacher kam 1946 als Heimatvertriebene in Schwaben an. Heute ist sie erfolgreiche Unternehmerin und Paradebeispiel für eine gelungene Integration.

Von Stefan Mayr

Marlene Wetzel-Hackspacher legt zärtlich ihre Hand auf das alte Backeisen. Liebevoll lächelnd streichelt sie das längst ausrangierte Werkzeug, als wäre es ihr Kind. Eine Geste, die schnell verständlich wird, wenn die 90-Jährige von ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland im Jahre 1946 erzählt. "Ich habe das Eisen im Kinderwagen unter meiner Tochter Marlies versteckt", berichtet die Konditor-Meisterin. "Wenn die Tschechen den Schmuggel entdeckt hätten, hätten sie mich sofort aussortiert und ins Lager gesperrt."

Nach viertägiger Irrfahrt im Viehwaggon kam sie im Januar 1946 im schwäbischen Dorf Zöschingen an. Ohne Ehemann, ohne Geld, ohne irgendwas. Nur mit einer Tochter und einem Waffeleisen. Später war sie Stadt- und Kreisrätin, heute ist sie Trägerin des Bayerischen Verdienstordens, Ehrenbürgerin von Dillingen und die "Oblaten- und Waffelkönigin". Ihr Aufstieg vom alleinerziehenden Flüchtling zur angesehenen Unternehmerin ist ein spannendes Stück deutscher Zeitgeschichte und ein Paradebeispiel für die gelungene Integration des sogenannten "vierten bayerischen Stammes".

Die Wetzel Oblaten- und Waffeln GmbH beschäftigt heute knapp 50 Mitarbeiter, 39 davon sind Frauen. Der Jahresumsatz liegt bei vier Millionen Euro. "Wenn es so weitergeht, schreiben wir heuer ein Rekordjahr", sagt Geschäftsführer Hans Hackspacher, der Sohn der Firmengründerin. Pro Tag produziert die Fabrik bis zu 50.000 Exemplare des hauchdünnen Backwerks mit dem Namen "Original Karlsbader Oblaten". Dass diese ausgerechnet aus dem schwäbischen Städtchen Dillingen kommen, das 300 Kilometer vom tschechischen Karlsbad entfernt liegt, ist der resoluten Backeisen-Schmugglerin zu verdanken. "Wenn wir damals die Karlsbader Oblaten nicht produziert hätten, wären sie heute tot", sagt die Senior-Chefin.

"Meine Tochter hat ihren Vater nie gesehen."

Nach dem Krieg war es nicht einfach, die Produktion aufrecht zu erhalten - erstens war es schwierig, die Zutaten aufzutreiben. Zweitens hatten die Leute kaum Geld für Süßigkeiten. Dennoch gelang es Marlene Wetzel-Hackspacher, ihre Firma aufzubauen.

"Wir mussten von einem Tag auf den anderen unser Haus verlassen", erzählt sie. "Wir wurden in einen Viehwaggon geschoben und niemand wusste, wohin die Fahrt geht." Ihre Großmutter überlebte die Odyssee nicht. Sie fiel ins Koma, wurde auf einem Bahnhof aus dem Waggon gehievt und ins Lazarett gebracht. Dort starb sie. "Wir haben sie unterwegs einfach verloren", sagt Wetzel-Hackspacher.

Mit ihrem Ehemann, dem Kampfflieger Rudi Wetzel, hatte sie ausgemacht, dass sie sich nach dem Krieg bei seinen Eltern in Zöschingen bei Dillingen treffen. Als sie acht Monate nach Kriegsende dort ankam, erfuhr sie als allererstes, dass ihr Ehemann in den letzten Kriegstagen von italienischen Partisanen erschossen worden war. "Meine Schwiegermutter und ich schrien vor Schmerz", erzählt sie. "Meine Tochter hat ihren Vater nie gesehen."

Die 23-jährige Witwe kam auf dem Bauernhof ihrer Schwiegereltern unter. Sie bekam keine Witwenrente und musste ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. "Am dritten Tag hab ich gesagt, ich hab ein Backeisen dabei." Die Begeisterung über dieses Mitbringsel hielt sich in ihrer neuen Heimat allerdings sehr in Grenzen. "Am Anfang haben die Leute gesagt, mei, was will denn die Frau mit ihrem Kind und ihren Oblaten", berichtet sie. "Die braucht doch hier kein Mensch." Sie war dickschädelig genug, um es dennoch zu versuchen. "Die Leute haben gesagt, wir spinnen, in Schwaben mit Karlsbader Oblaten anzufangen." Die ersten Teile hat sie an andere Bauern verschenkt. "Denen hat das geschmeckt und sie wollten mehr." So ging es los.