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Schloss Neuburg am Inn:Spuk in der Anwaltskanzlei

Ein spektakulärer Spukfall in Bayern trug sich 1967 in einer Rosenheimer Anwaltskanzlei zu. Möbel bewegten sich und Bilder drehten sich an der Wand. Niemand fand eine Ursache, es blieb allein die Erklärung von Professor Hans Bender vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, der die Vorkommnisse mit einer Anwaltsgehilfin in Verbindung brachte. Der Psychologe diagnostizierte im Gespräch mit der damals 19-Jährigen eine labile Psyche und Frustrationen, die sich in der Umgebung manifestierten. Als die Frau gekündigt hatte, war der Spuk verschwunden.

Zurück blieb die Frage: Ist es möglich, dass Menschen allein durch ihre Anwesenheit solche Phänomene auslösen? Walter von Lucadou glaubt, dass das geht. Er war Benders Schüler, hat Psychologie und Physik studiert und in Freiburg die Parapsychologische Beratungsstelle gegründet. Das Institut wird staatlich gefördert und es scheint gebraucht zu werden: Etwa 3000-mal im Jahr müssen Lucadou und seine Mitarbeiter Menschen wegen seltsamer Vorkommnisse beraten.

Als Jörg die Technik installiert hat, zieht er sich mit Lucia und Frederik in eine Pizzeria zurück. Die drei wundern sich manchmal über den Boom, den das Geisterjagen gerade erlebt. Vor allem seit die US-Serie "Ghost Hunters" auch in Deutschland zu sehen ist, finden sich immer mehr Menschen zur nächtlichen Suche nach dem Ungewissen zusammen. Viele bauen sich Websites, kommen rasch ins Fernsehen und interpretieren dann vor der Kamera vermeintlich aufgenommene Stimmen.

Lucia macht das Sorgen, weil sie es nicht gut findet, wenn der eine Laie dem anderen Laien einen Dämon als Grund für den Spuk nennt. "Wir haben bis jetzt alles klären können", sagt sie und glaubt nicht an die Existenz von unerklärbaren Phänomenen. Ihr Mann erinnert sich an Fälle, in denen Glühbirnen dafür sorgten, dass sich der Fernseher einschaltete. Er erinnert sich an Stromleitungen, die Tiere verrückt machten. Alles einigermaßen natürlich. Aber auf dem Stuhl neben ihm wiegt Jörg, 33, den Kopf. Der Maschineneinsteller hat gut zwei Dutzend PUs hinter sich und erzählt von einem Fall. Er war zu Gast bei einer Familie, die von Spuk in ihrem Haus berichtete.

Mutter und Tochter standen im Zimmer des verstorbenen Großvaters und sprachen von einer Stimme in einem Eck des Zimmers. "Hallo" habe sie gerufen. Jörg sagt, dass außer ihm kein Mann im Raum war. "Ich werde mich hüten, jemandem zu erklären, was das ist", sagt Jörg. "Fest steht nur, dass ich für die Stimme keine Erklärung habe." Vielleicht würde Walter von Lucadou nicken, säße er Jörg gegenüber. Lucadou hat Verständnis dafür, wenn die Ursachen ausgehen. Er glaubt, wie einst Hans Bender, an eine Kraft der Psyche, die außerhalb des Körpers Dinge bewirken kann. Er glaubt, dass Spukphänomene vor allen Dingen mit Menschen und ihren Problemen zu tun haben - und nicht mit Geistern im volkstümlichen Sinne.

Schloss Neuburg erstrahlt pünktlich zur Geisterstunde im Licht von Scheinwerfern. Der Komplex gehört dem Landkreis Passau, die Universität Passau unterhält dort ein Begegnungszentrum und ein Hotel beherbergt Gäste. Jörg, Lucia und Frederik setzen sich ins Dunkle des Geisterzimmers und lassen die Atmosphäre wirken. Sie diskutieren über Lichter und Stimmen, über Mögliches und Unmögliches. Das Hobby hat die drei zu Freunden gemacht. Sie teilen nicht nur das Interesse am vermeintlich Unerklärlichen, sie haben sich auch zu Hobbyhistorikern entwickelt, die sich der Geschichte der Orte widmen, die sie untersuchen.

Gegen ein Uhr am Sonntagmorgen baut Jörg die Geräte schließlich ab. Lucia und Frederik drängen zum Aufbruch, Lucias Eltern wollen nicht die ganze Nacht auf den Nachwuchs aufpassen. Auf Jörgs Bändern und Bildern wird später nichts zu sehen sein. Doch was ist mit dem Schwindel und dem Ziehen im Genick? Frederik überlegt.

Denn stellt man sich vor das Fenster auf dem Gang vor dem Geisterzimmer, stellt er fest, taucht das Ziehen auch auf. Vielleicht hat es mit dem Temperaturunterschied diesseits und jenseits der Fensterscheibe zu tun, mutmaßt er. Den Schwindel aber, der einen im Zimmer an einer Stelle umfängt, kann er nicht so schnell erklären. Vielleicht geht das in Ordnung. Was wäre sein Hobby, wenn alle Dinge erklärt werden könnten?