Neubau von Eishockey-Arena Ein Stadion spaltet Kaufbeuren

Das alte Eisstadion in Kaufbeuren ist so gut wie schrottreif, 2012 musste es wegen Einsturzgefahr sogar zwischenzeitlich gesperrt werden.

(Foto: imago)
  • Seit Wochen tobt in Kaufbeurer ein Streit um das Eisstadion. Die verarmte Stadt will 20 Millionen Euro ausgeben, andernfalls droht dem Zweitliga-Verein das Ende.
  • Im Juli hatte der Stadtrat beschlossen, bis 2017 eine Arena für 3500 Zuschauer zu errichten.
  • Am Sonntag sollen nun die Bürger über den Neubau abstimmen.
Von Stefan Mayr, Kaufbeuren

Es ist eine denkwürdige Bürgerversammlung. Vor dem Eingang gibt es Leibesvisitationen. Dann reden sich die Kaufbeurer vier Stunden lang - bis 23.30 Uhr - die Köpfe heiß. Ab und zu rutscht das Niveau unter die Gürtellinie, wenn von "verrückten Ideen" und "hirnrissigen Plakaten" die Rede ist. Doch in diesen Fällen grätscht Oberbürgermeister Stefan Bosse (CSU) entschlossen dazwischen und ermahnt die streitenden Bürger zur Fairness. Am Sonntag ist Bürgerentscheid in Kaufbeuren, seit Wochen tobt in der Allgäuer 40 000-Einwohner-Stadt ein Streit um das Eisstadion. Es geht um viel Geld und ein Stück städtische Identität. Die Frage lautet: Soll die Stadt für 20 Millionen Euro ein Eisstadion bauen, das für Profi-Eishockey geeignet ist, um dem Zweitligisten ESV Kaufbeuren die Zukunft zu sichern?

Irgendwie gehört Eishockey ja zu Kaufbeuren wie der FC Bayern zu München. In den 1980er Jahren spielte der ESVK in der bundesdeutschen Elite mit. Das ist zwar lange her, heute ist er nur noch zweitklassig. Dennoch lockt die Stadionfrage am Montag 400 Bürger zur Versammlung ins Gablonzer Haus, 1800 Menschen verfolgen die Diskussion im Internet. Es ist eine Frage, die schon viele Kommunen gespalten hat: Die einen kritisieren, dass man mit Steuergeld kein kommerzielles Unternehmen wie einen Profi-Klub subventionieren darf. Stattdessen könne man das Geld sinnvoller einsetzen - etwa für Bildung oder Breitensport.

Die anderen beteuern, solch ein neues Stadion nütze sehr wohl auch dem Breitensport. Und zusätzlich dem Image der Stadt, schließlich mache Eishockey den Namen Kaufbeuren bundesweit bekannt. "Wer gegen den Neubau stimmt, nimmt das Ende des Eissports in Kaufbeuren in Kauf", ruft ein Zuhörer ins Mikrofon, "und damit das Ende eines Aushängeschildes unserer Stadt." Stadiongegner Ulrich Fürst hält dagegen: "Wir sind ja für Profisport, aber nur, wenn er nicht auf Kosten der Allgemeinheit geht."

Gegener fordern eine finanzielle Beteiligung des Klubs

Fürst ist Vorsitzender der Initiative "Neues Kaufbeuren", er hat den Bürgerentscheid gegen den Neubau initiiert. Im Juli hatte der Stadtrat beschlossen, bis 2017 eine Arena für 3500 Zuschauer zu errichten. Inklusive VIP-Bereich, Videowürfel und allem, was ein Profi-Klub braucht. Dass ein neues Stadion nötig ist, bezweifelt niemand: Die alte Arena musste 2012 wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Sie wurde notdürftig repariert, seitdem wird auf einer Art Baustelle gespielt. Die Stadt könne ja gerne ein abgespecktes Stadion bauen, argumentiert Fürst. Aber die Infrastruktur für den Zweitliga-Sport müsse eben derjenige bezahlen, der ihn braucht.

Er fordert eine Beteiligung des Klubs an dem Projekt. Dies bezeichnet Oberbürgermeister Bosse allerdings als "unrealistisch". Soll heißen: Die Klub-Finanzen lassen dies nicht zu. Die Stadt hat dem klammen ESVK schon mehrmals unter die Arme gegriffen: 2008 wurde ein Kredit in Höhe von 540 000 Euro in einen Zuschuss umgewandelt. 2013 gab es ein weiteres 220 000 Euro-Darlehen. Und jetzt noch ein Stadionneubau? OB Bosse gibt sich betont neutral: "Ich habe mich von Anfang an dafür eingesetzt, dass die Bürger über diese Frage abstimmen können."

Ein Nein zum Neubau bedroh den Verein

Die Frage der Kritiker ist auch: Kann sich die Stadt dieses Stadion überhaupt leisten? Kaufbeuren gilt als eine der ärmsten Städte Bayerns. "Wir haben deutlich weniger Steuereinnahmen als vergleichbare Städte", sagt Bosse. In der Rangliste aller 25 kreisfreien Städte Bayerns belegt Kaufbeuren den letzten Platz. "Deshalb müssen wir seit Jahrzehnten sparsam sein." Andererseits betonte der CSU-Politiker, die Allgemeinheit müsse keinerlei Abstriche befürchten, falls die Stadt die Arena baut. "Wir würden dann zwar pro Jahr ein Päckchen von 1,5 bis zwei Millionen mit uns herumschleppen", sagte er, "aber trotzdem gehen wir alle anderen Projekte an."

Dies bezweifelt Ulrich Fürst: "Wir wollen, dass alle anderen Sportvereine unterstützt werden können." Er verweist auf die Sportförderrichtlinien der Stadt, in denen Zuschüsse für "bezahlten Sport", "Zuschaueranlagen" und "Gaststätten" ausgeschlossen sind. Die Vertreter des ESVK betonen stets, bei einem Nein zum Stadion werde es den Verein in seiner jetzigen Form nicht mehr geben. Sowohl das Profi-Team als auch alle Nachwuchsmannschaften müssten vom Spielbetrieb zurückgezogen werden.

Derzeit rangieren die Profis in der DEL 2 auf dem letzten Platz. Am Wochenende setzte es zwei Klatschen - bei einem Torverhältnis von 1:19. Doch die Unterstützung der Fans scheint noch intakt zu sein: Bei der Bürgerversammlung war der Applaus der Stadionbefürworter deutlich stärker als jener der Gegner.