Jubiläum Ein Juwel jüdischer Kultur

Die Synagoge in Augsburg wird 100 Jahre alt. Sie hat die NS-Zeit überstanden und erlebt neues Interesse

Von Christian Rost

Dass eine Synagoge in Deutschland 100 Jahre alt wird, ist ein seltenes Ereignis. In Augsburg hat das Haus der Versammlung, das Haus des Gebets, die Schul, wie die Juden osteuropäischer Herkunft sagen, oder der Tempel, wie Synagogen auch genannt werden, tatsächlich die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten überstanden. Natürlich sollte in ihrem Vernichtungswahn auch der Prachtbau an der Halderstraße in Flammen aufgehen. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangen NS-Schergen in das Gebäude ein, zerstörten Teile der Inneneinrichtung und setzten den Tempelraum in Brand. Der NS-Gauleiter ließ die Flammen nur deshalb löschen, weil sie auf eine benachbarte Bank und eine gegenüberliegende Tankstelle überzugreifen drohten. Im Zweiten Weltkrieg platzierte die Wehrmacht eine Flugabwehrstellung auf der Kuppel des Zentralbaus. Durch die Bombenangriffe der Alliierten wurde die Synagoge in Mitleidenschaft gezogen, aber nicht zerstört. So hat sie als einzige Großstadtsynagoge in Bayern und eine der ganz wenigen in Deutschland die NS-Zeit überstanden. Die jüdische Gemeinde existierte nach dem Krieg nicht mehr in Augsburg. Die Nazis hatten die Männer, Frauen und Kinder ermordet oder vertrieben.

Die Synagoge galt bei der Erbauung als Inbegriff eines neu-jüdischen Tempels.

(Foto: Jüdisches Kulturmuseum)

Die jüdische Gemeinde in Schwaben zählte etwa 1200 Mitglieder, als die nach den Plänen von Fritz Landauer und Heinrich Lömpel erbaute Synagoge am 4. April 1917 eingeweiht wurde. Nach dem Krieg konnte erst von 1963 an wieder ein kleiner Teil des Gebäudes von der langsam wieder wachsenden Gemeinde genutzt werden. Bis 1985 dauerte es, bis alle Schäden beseitigt waren und die Synagoge wieder eröffnet werden konnte. Ihr Erscheinungsbild ist geprägt von Elementen des Jugendstils in Verbindung mit neobyzantinischen und orientalisierenden Details. Über den Zentralraum wölbt sich eine 29 Meter hohe Kuppel, die mit grün-goldenen Mosaiken verkleidet ist. Besucher stehen in einem gedämpften, mystischen Licht und staunen über die reiche ikonografische Ausstattung über dem Tora-Schrein. Nicht mehr vorhanden ist die einstige Orgel, die auf der Ostempore stand. Unter dem Zwang der nationalsozialistischen Verfolger musste die jüdische Gemeinde das Instrument 1940 an die katholische Kirchengemeinde in Weßling (Kreis Starnberg) verkaufen, wo sie heute noch steht.

"Im Frieden" sei die Synagoge von einer lebendigen und selbstbewussten jüdischen Gemeinde in Augsburg errichtet worden, schreibt der Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, Henry G. Brandt, zum Jubiläum. Die Menschen hätten nicht wissen können, "welche furchtbaren Ereignisse diese Mauern in der Zukunft bezeugen würden müssen". Dennoch sei die hundertjährige Geschichte des prachtvollen, 700 Menschen fassenden Baus ein Grund zum Feiern - "wenn auch mit gemischten Gefühlen", so der Rabbiner weiter. Am 4. April beginnt das Jubiläumsprogramm, das das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben zusammengestellt hat. Es wird drei Ausstellungen geben über das Leben und das Werk der Schriftstellerin Paula Buber, eine Installation mit Erinnerungsräumen der Dachauer Künstlerin Esther Glück sowie in Zusammenarbeit mit dem Textil- und Industriemuseum eine Dokumentation über den Aufstieg, die Verfolgung und Emigration der Unternehmerfamilien Kahn und Arnold. Sie prägten seit dem späten 19. Jahrhundert die Textilmetropole Augsburg maßgeblich mit. Neben Konzerten und Vorträgen zum Synagogen-Jubiläum ist auch ein Treffen von Nachfahren jüdischer Familien vorgesehen, die in der NS-Zeit aus Augsburg flüchten mussten. Zu dieser Reunion haben sich Gäste aus Israel, den USA, Südafrika und Großbritannien angemeldet. Über die Resonanz ist die Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums, Benigna Schönhagen, überrascht: "Wir haben mit 30 Gästen gerechnet und 70 Zusagen bekommen. Das ist weit mehr, als wir erwartet hatten."

Bei der Augsburger Bevölkerung und den Touristen stellt Schönhagen ein bemerkenswertes Interesse für die jüdische Kultur fest. Sowohl das Museum als auch Konzerte jüdischer Künstler werden gut besucht. Hier zeige sich die offene Stadtgesellschaft: "In der Friedensstadt Augsburg herrscht Konsens darüber, dass die Erinnerungskultur wichtig ist", sagt die Museumsleiterin. Unterstützt werde dies auch aktiv von der Politik in Stadt und Land.

Mittlerweile zählt die jüdische Gemeinde in Augsburg wieder 1500 Mitglieder. Die Zahl stieg nach dem Zuzug von etwa 1200 russischstämmigen Juden in den Neunzigerjahren sprunghaft an. Heute bestehe die Gemeinde sogar zu 98 Prozent aus zugewanderten Juden, berichtet Schönhagen, die nicht nur die erfreuliche zahlenmäßige Entwicklung sieht, sondern auch die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Integration der neuen Gemeindemitglieder. Josef Strzegowski, der als Gabbai in der Gemeinde tätig ist und sich damit auch um die Organisation der Gottesdienste kümmert, spricht von einer "Übergangsphase", in der sich die jüdische Gemeinschaft in Augsburg befinde. In der ehemaligen Sowjetunion hätten die Menschen ihren Glauben nicht leben können. Seine Aufgabe sieht Strzegowski nun darin, das Interesse an der Religion und der Kultur zu wecken und wachzuhalten. Dass das nicht einfach ist, hört man aus den Worten des Mannes heraus, der mit seinem Klezmer-Ensemble "Feygele" regelmäßig in Augsburg auftritt und sich auch mit Hebräisch-Kursen in der Gemeinde engagiert. Um die Neuankömmlinge zu erreichen, bediene sich Rabbiner Brandt in seinen Predigten einer sehr bildhaften, lebendigen Sprache, die das Judentum nachvollziehbar mache, beschreibt Strzegowski. Langsam würden die Menschen begreifen, dass das eine unglaubliche Hochkultur sei. Als Symbol dafür steht für den Gabbai die Synagoge in Augsburg. "Ich bin froh und dankbar, dass es sie noch gibt."